Inhalt/Kritik

Boys State Apple TV+

„Boys State“ // Deutschland-Start: 14. August 2020 (Apple TV+)

Seit 1935 kommen in der texanischen Hauptstadt Austin auf Einladung der Veteranenorganisation American Legion über 1.000 junge Männer im Alter von 16 bis 18 Jahren zum Programm „Boys State“ zusammen. In den Gebäuden des Texas State Capitols, wo sonst das politische Geschehen des Staats entschieden wird, simulieren die Jugendlichen eine Woche lang den politischen Prozess. Sie bilden zwei Fraktionen, wählen Parteiämter, debattieren und verabschieden selbstgeschriebene Gesetzesentwürfe. Das Planspiel hat in den Vereinigten Staaten eine lange Tradition, die Teilnehmerliste reicht von Ex-Vizepräsident Dick Cheney, über Senator Cory Booker bis hin zu Basketballstar Michael Jordan.

Ein Streit der Ideen

Um einen Einblick in das Geschehen des Politcamps zu gewinnen, begleitet das Filmteam vier Jugendliche auf ihrem Weg durch Boys State. Der achtzehnjährige Ben Feinstein ist selbsterklärter Politik-Junkie und Ronald Reagan-Fan. Auch wenn seine Actionfigur des 40. Präsidenten der USA wohl nicht zum Standardinterieur texanischer Jugendzimmer gehört, sieht sich Ben als ganz normalen amerikanischen Jungen. Barrieren werden dem leidenschaftlichen Konservativen dabei genügend in die Wege gelegt: Nach einer Meningitis-Infektion wurden Feinstein beide Beine amputiert. Doch die neoliberale Idee, mit harter Arbeit alles erreichen zu können, motiviert ihn persönlich wie politisch.

Im Planspiel wird er zum Parteivorsitzenden der fiktionalen Federalist Party gewählt und fällt durch sein gewieftes und strategisches Politikverständnis auf. Für ihn geht es nicht um Inhalte, sondern darum, seine Kandidaten an den Wähler zu bringen. Eine vollständige Antithese zu Feinstein ist René Ortega. René ist schwarz und queer und fällt damit unter der sonst sehr homogenen Gruppe mehrheitlich weißer texanischer High School-Jungs stark auf. Otero ist Aktivist und politisch, weil er Veränderung und Gerechtigkeit sehen will. Dass eine Gruppe überwiegend konservativer junger Texaner nicht der Ort für seine progressiven Inhalte ist, wird ihm schnell bewusst. Ein bemerkenswerter Konflikt um die bessere Strategie bricht zwischen Feinstein und Otero aus, der von unterhaltsamen Kommentaren beider Protagonisten getragen wird.

Und doch verfolgt die im Wahljahr 2020 erschienene Dokumentation Boys State nicht den Ansatz, Schaubild amerikanischer Politik zu sein. Vielmehr zeigt der Film, wie amerikanische Jugendliche Demokratie verstehen und Leben. Das Resultat ist bemerkenswert, wenn auch oft irritierend. Wie in einem Sport sammeln die Kandidaten Unterschriften, brüllen und grunzen um die Wette und fordern sich zu Liegestützwettbewerben heraus. Politische Inhalte sind nebensächlich. Im Parlament wird über das Verbot von Cargohosen und Prius-Fahrern debattiert. Die wenigen Inhalte, die von den Jugendlichen verhandelt werden, scheinen vom heimischen Abendbrottisch mitgebracht. Wie es sich für eine stereotype Wahrnehmung des Südstaats Texas gehört, wird Wahlkampf mit Waffen und gegen Abtreibung gemacht. Als ein Kandidat ankündigt, Schwangerschaftsabbrüche vollständig verbieten zu wollen, fängt die Menge junger Männer laut zu grölen – ohne dass auch nur eine Frau anwesend ist, die von so einer Entscheidung betroffen wäre.

Bei den Pöbeleien und der Ruppigkeit der teilnehmenden Jugendlichen scheint eine chaotische Woche vorprogrammiert. Das Können des Filmteams um Amanda McBain und Jesse Moss zeigt sich an dem fesselnden Erzählfaden, der aus diesem Chaos gesponnen wird. Kurzweilig werden die Geschehnisse im Camp zusammengetragen und von den stark gecasteten Protagonisten um Feinstein und Otero kommentiert. Über etwas mehr als anderthalb Stunden Spielzeit entwickelt sich aus einer interessanten Dokumentation über ein Polit-Planspiel ein packender Wahlkrimi. Dabei mag Boys State relativ wenig Auskunft über das politische Klima in den zerrütteten USA geben, wohl aber einen empathischen und offenen Einblick in das Demokratieverständnis der jungen Männer, die in diesem Klima aufwachsen. Beim letztjährigen Sundance Festival wurde Boys State zur Besten Dokumentation gewählt. Eine Fortsetzung der Dokumentation, die das weibliche Äquivalent, Girls State, begleitet, musste wegen der COVID-19-Pandemie auf unbestimmte Zeit verschoben werden.

Credits

OT: „Boys State“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Amanda McBaine, Jesse Moss
Drehbuch: Amanda McBaine, Jesse Moss
Musik: Natasha Duprey
Kamera:  Thorsten Thielow

Bilder

Trailer

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Boys State
„Boys State“ ist eine besondere Dokumentation über Politik in Amerika. Durch seinen starken Fokus auf die Protagonisten werden politische Prozesse anhand der Protagonisten, die an ihnen beteiligt sind, erklärt. Dass es sich bei den Protagonisten um texanische Jugendliche handelt, macht das ganze umso spannender. Regisseure Jesse Moss und Amanda McBaine verbinden in ihrer Dokumentation eine zügellose Woche Pfadfinder-Camp gekonnt mit einem packenden Polit-Thriller.
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