Kritik

The Speech Le discours

„The Speech“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Stressiger könnte es für Adrien (Benjamin Lavernhe) nicht laufen. Schlimm genug, dass seine Freundin Sonia (Sara Giraudeau) gerade eine Beziehungspause will und er sehnsüchtig auf eine Nachricht von ihr wartet. Und dann das: Bei einem fröhlichen Beisammensein mit der Familie sagt Ludo (Kyan Khojandi), der nervige Freund seiner Schwester Sophie (Julia Piaton), dass es doch eine prima Idee wäre, wenn Adrien auf ihrer Hochzeit eine Rede halten würde. Das sieht der anders, ganz anders sogar. Während er versucht, einen klaren Kopf zu behalten und die perfekte Nachricht an Sonia zuschicken, malt er sich gleichzeitig aus, was alles schief gehen kann. Und das ist jede Menge …

Neurotisch und doch natürlich

Die Situation dürfte vielen bekannt vorkommen: Man sitzt an einer Nachricht, um eine ganz bestimmte Person zu beeindrucken oder anderweitig für sich gewinnen zu wollen. Also grübelt man, was man schreiben soll, welche Nachricht wohl am meisten Erfolg bringt, feilt an jedem Wort, jedem Emoji, jedem Satzzeichen. Ohne dass die andere Person etwas davon ahnt, natürlich, schließlich soll das alles ganz cool und lässig wirken. Es ist dieser Widerspruch zwischen dem zu vermittelnden Bild und der Realität, welche die entsprechenden Szenen in The Speech so komisch machen. Und gleichzeitig so menschlich, wenn man sich selbst sehr viel mehr in dem Neurotiker wiedererkennt, als man wahrhaben möchte.

Doch diese Pause, die vielleicht eine Trennung ist, ist nur eines der beiden größeren Themen von The Speech. Das andere ist, wie der Titel bereits verrät, die Rede, welche Adrien halten soll. Dass einer, der schon mit der Aufgabe einer normalen Textnachricht so seine Probleme hat, nun auch noch eine ganze Rede formulieren soll, grenzt schon an Sadismus. Das merkt nur keiner, ausgenommen vom Publikum, das Einblick in die rasenden Gedankenknäuel des Protagonisten hat. Denn Kommunikation, auch das wird relativ schnell klar, ist keine der Stärken in der Familie. Die Figuren am Esstisch reden aneinander vorbei, merken nicht, was sie da sagen, stoßen sich dabei auch schon mal vor den Kopf. Und sie gehen sich gegenseitig tierisch auf die Nerven.

Ein temporeicher und verspielter Spaß

Das ist eigentlich ein tragischer Umstand, wird hier aber mit sehr viel Humor präsentiert. Und mit viel Tempo. Obwohl der Schauplatz sehr beschränkt ist, nahezu der gesamte Film spielt am Essenstisch, wird einem nicht langweilig. Das liegt zum einen an den herrlichen Dialogen, Pseudodialogen und Monologen, die auf dem gleichnamigen Roman Le Discours von Fabcaro basieren. Zum anderen findet Regisseur Laurent Tirard (Asterix & Obelix – Im Auftrag Ihrer Majestät) immer wieder Möglichkeiten, den Beschränkungen des Ortes zu entkommen, indem er die Fantasien von Adrien visualisiert. So werden beispielsweise verschiedene Abläufe der Rede demonstriert, die der Vorstellung des Helden wider Willen entsprungen sind.

So etwas kann schnell ermüdend oder gar nervig werden, an einen derart neurotischen Egozentriker gefesselt zu sein. Hier ist das zum Glück nicht der Fall, was zu einem großen Maß der Verdienst von Benjamin Lavernhe (Meine geliebte Unbekannte, Mein Liebhaber, der Esel & ich) ist. Der Schauspieler hält die Balance sehr schön aus überdrehter Spielfreude und echter Emotionalität. Sein Adrien ist zwar ein ständig umherflitzender Chaot, der einem keinen Moment Ruhe gönnt. Aber er ist sympathisch dabei. Einer, dem man nicht wirklich böse sein kann, selbst wenn er sich gerade unmöglich aufführt. Da The Speech zudem visuell schön verspielt ist, wenn die Grenzen zwischen Realität und Fantasie verschwimmen und dabei Selbstgespräche ganz andere Bedeutungen bekommen, ist die Komödie ein echter Geheimtipp. Eine wirkliche Lehre lässt sich aus dem Wahnsinn zwar kaum ziehen. Dafür stimmt der Unterhaltungsfaktor, zum Ende hin dürfen sich sogar Romantik und bissiger Witz die Hand geben.

Credits

OT: „Le discours“
Land: Frankreich
Jahr: 2020
Regie: Laurent Tirard
Drehbuch: Laurent Tirard
Vorlage: Fabcaro
Musik: Mathieu Lamboley
Kamera: Emmanuel Soyer
Besetzung: Benjamin Lavernhe, Sara Giraudeau, Julia Piaton, Kyan Khojandi, Guilaine Londez, François Morel

Bilder

Trailer

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The Speech
In „The Speech“ hadert ein Mann mit einer Beziehungspause und soll jetzt auch noch eine Hochzeitsrede halten. Das Ergebnis ist eine sehr unterhaltsame, visuell verspielte Komödie, die Einblick in den Kopf eines egozentrischen Neurotikers gewährt. Das ist dann zwar absurd, gleichzeitig aber schön menschlich und zum Schluss auch irgendwie rührend – und eine beeindruckende One-Man-Show von Benjamin Lavernhe.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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