Nico
© Francy Fabritz

Nico

„Nico“ // Deutschland-Start: 12. Mai 2022 (Kino)

Kritik

An Selbstbewusstsein mangelt es Nico (Sara Fazilat) eigentlich nicht, die Deutsch-Perserin weiß ganz gut, wie sie Kontra geben kann. Doch als sie eines Tages von einer rassistisch motivierten Gruppe überfallen und brutal zusammengeschlagen wird, stößt auch sie an ihre Grenzen. Im festen Willen, nie wieder etwas Derartiges erleben zu müssen, nimmt sie bei Andy (Andreas Marquardt) Karate-Training, um für das nächste Mal gerüstet zu sein. Aber es gibt noch eine zweite große Veränderung: Als sie mit ihrer besten Freundin Rosa (Javeh Asefdjah) über einen Jahrmarkt läuft, macht sie die Bekanntschaft von Ronny (Sara Klimoska), die schnell Interesse an Nico zeigt. Im Anschluss verbringen sie viel Zeit miteinander – bis Nico, die immer wieder von dem Überfall träumt, von ihrer Vergangenheit eingeholt wird …

Nie wieder Opfer!

Jemand wird von einer Bande brutal zusammengeschlagen und beginnt im Anschluss ein Karate-Training, um in Zukunft kein Opfer mehr zu sein, findet darin Halt, steigert sich jedoch mit der Zeit immer mehr hinein: Der eine oder andere wird bei dieser Beschreibung eventuell an das 2019 erschienene The Art of Self-Defense mit Jesse Eisenberg denken. Nico nimmt nun ein ganz ähnliches Szenario. Erneut ist es hier ein Mensch, diesmal eine Frau, die in dem Kampfsport eine Möglichkeit findet, das erlittene Trauma zu bearbeiten. Die vor allem aber dadurch vorbereitet sein will auf eine Welt da draußen, die Leute schon mal grün und blau schlägt, wenn diese zur falschen Zeit am falschen Ort sind.

Doch trotz der ähnlichen Gesamtsituation, ganz vergleichbar sind die Geschichten dann doch nicht. Zum einen sind die beiden Figuren deutlich unterschiedlich. Nico ist eigentlich kein typisches Opfer: Sie ist stark, nicht auf den Mund gefallen, weiß, was sie will. Niemand, der sich von anderen einfach so durch die Gegend schubsen lässt. Umso größer ist der Schock, als sie in eine Situation gerät, in der sie eben nicht Macherin ist, nicht bestimmt, sondern bestimmt wird. Gleichzeitig ist sie jemand, der keine Schwäche zugeben will. Immer wieder ist sie in Situationen, in denen ein paar offene Worte viel ändern würden, was sie aber aufgrund ihres Panzers verhindert.

Damit einher geht der zweite große Unterschied: War der US-Kollege eine schwarze, teils bitterböse Komödie, die toxische Männlichkeit genüsslich der Lächerlichkeit preisgibt, da ist Nico ein reines Drama. Geschlechterrollen werden hier zwar auch angesprochen, etwa in einer frühen Szene, wenn die Titelfigur ihre Verachtung für Frauen kundtut, die Schleier tragen und sich damit ihrer Meinung nach Männern unterwerfen. Und dann wären natürlich noch die LGBT-Elemente, die später hinzukommen. Anders als aber beispielsweise bei Forte wird hier nie die Frage gestellt, was Frausein eigentlich bedeutet. Man hätte die Geschlechter auch austauschen können, ohne dass es einen großen Unterschied gemacht hätte.

Eine hektische Wandlung

Um Hinterfragen und Selbstsuche geht es aber durchaus in dem Drama, das beim Filmfestival Max Ophüls Preis 2021 uraufgeführt wurde. Nico, deren Welt erst durch den Überfall, später durch die Begegnung mit Ronny auf den Kopf gestellt wurde, muss sich erst wieder finden. Muss eine Ruhe finden, um sie selbst sein zu können. Wie lange dieser Prozess dauert, das wird in dem Film nicht so wirklich klar. Der rasant wechselnden Gürtelfarbe beim Karate nach zu urteilen erstreckt sich das Geschehen über mehrere Monate. Aus der Geschichte selbst heraus wird das aber nicht ersichtlich. Das ist generell ein kleines Manko des Films: Die gerade mal 75 Minuten Laufzeiten ermöglichen nur wenig Entwicklung, weshalb vieles sprunghaft geschieht.

Auch sonst ist das mit der Glaubwürdigkeit hier so eine Sache. Etwas unnötig wurde da mit Zufälligkeiten gearbeitet, die kaum genutzt oder ausgearbeitet werden. Da machte man es sich schon ein bisschen einfach. Dafür überzeugt Nico schauspielerisch. Hauptdarstellerin Sara Fazilat (Sportabzeichen für Anfänger), die gemeinsam mit Regisseurin Eline Gehring auch am Drehbuch geschrieben hat, hinterlässt mit ihrer intensiven Darstellung Eindruck. Durch sie wird die Titelfigur zu einem gleichzeitig starken und verletzlichen Charakter, der darüber hinaus in passenden Momenten aber auch ausgelassene Freude und Humor lebt. Ein Mensch, der einerseits sehr individuell und markant ist, der dabei aber genug Identifikationsfläche für das Publikum lässt, um ihr für die Zukunft die Daumen zu drücken.

Credits

OT: „Nico“
Land: Deutschland
Jahr: 2021
Regie: Eline Gehring
Drehbuch: Sara Fazilat, Eline Gehring, Francy Fabritz
Musik: Zeina Azouqah, Doro Bohr, Konstantin Wecker
Kamera: Francy Fabritz
Besetzung: Sara Fazilat, Javeh Asefdjah, Sara Klimoska, Andreas Marquardt, Brigitte Kramer

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Nico
Fazit
In „Nico“ wird eine Frau brutal zusammengeschlagen und sucht durch Karate wieder Halt und Kraft. Der Film nimmt sich nicht die Zeit, um die Entwicklung der Hauptfigur wirklich voranzutreiben und setzt zu sehr auf Zufälligkeit. Doch das Drama um Selbstfindung und Selbstbehauptung ist trotz allem sehenswert, dabei auch stark gespielt.
7
von 10