Kritik

Liebe ist unberechenbar

„Liebe ist unberechenbar“ // Deutschland-Start: 15. Januar 2021 (Das Erste)

Judith Kreuzer (Tanja Wedhorn) hat ein Problem: Aufgrund sich ändernder Regularien muss sie wahrscheinlich ihre günstige Uni-Wohnung aufgeben. Denn die sollen in Zukunft tatsächlichen Lehrenden vorbehalten bleiben, während sie selbst lediglich im Campus-Café arbeitet. Aber vielleicht gibt es ja einen Ausweg. Stefan Bach (Knut Berger), mit dem sie schon eine ganze Weile zusammen ist, schlägt als PR-Chef der Universität vor, dass sie zusammen mit dem Mathematik-Professor Leonard Damovsky (Heino Ferch) eine neue Kampagne anführt, um Schülern und Schülerinnen Mathematik näherzubringen. Dann könnte sie in der Wohnung bleiben. Während Judith Feuer und Flamme ist, kann Leonard damit so gar nichts anfangen. Zum einen ist er nur sehr ungern unter anderen Menschen, weswegen er auch keine Vorlesungen gibt. Zum anderen hat er mit seinem Franz Damovsky (Michael Gwisdek) genug eigene Probleme …

Berechnendes Spiel mit Kontrasten

Gegensätze ziehen sich an, heißt es immer mal wieder. Ob das nun stimmt oder nicht, darüber kann man geteilter Meinung sein. In Filmen wird dieses Konzept jedoch gerne aufgegriffen, um zwei konträre Figuren erst kräftig gegeneinander prallen zu lassen, bevor sie sich in die Arme fallen. Das kann rein platonischer Natur sein. Viele Buddy-Filme basieren auf dem Prinzip, dass beispielsweise zwei sehr unterschiedliche Polizisten an einem gemeinsamen Fall arbeiten und dabei zu Freunden werden. Aber auch in Liebeskomödien ist dieses Phänomen weit verbreitet, lässt sich doch durch eine solche Zusammenführung aufzeigen, wie komisch das Leben doch sein kann.

Liebe ist unberechenbar macht keinen Hehl draus, eine dieser Liebeskomödien zu sein, bei denen zwei Figuren eigentlich gar nicht zusammenpassen und doch füreinander bestimmt sind. Dass der Film sich mit diesem Titel selbst ad absurdum führt, scheint niemanden wirklich zu stören. Ebenso, dass er allgemein vieles sein mag, unberechenbar sicher nicht. Tatsächlich ist hier alles so streng nach Erwartungen genormt, dass man sich wundern darf, wie das Filmteam die Dreharbeiten überhaupt im Wachzustand zu Ende führen könnte. Hier gibt es nichts, das in irgendeiner Form mutig oder überraschend wäre, nichts das irgendwie anecken könnte. Die TV-Produktion ist typische Konfektionsware, die den schlechten Ruf des belanglosen Fernsehens nicht unbedingt verbessern wird.

Wobei die Qualität eines Films natürlich nicht allein daran festgemacht werden kann, wie neu und innovativ er ist. Eine erfolgreich umgesetzte Erfolgsregel hat schließlich auch ihre Daseinsberechtigung. Leider scheitert Liebe ist unberechenbar aber insgesamt an der Aufgabe, ansprechende Abendunterhaltung zu gestalten. Eines der Probleme: die beiden Hauptfiguren. Für sich genommen machen zwar weder Heino Ferch (Die Spur der Mörder) noch Tanja Wedhorn (Fritzie – Der Himmel muss warten) etwas falsch. Aber es entsteht beim Zusammenspiel so gar keine Chemie. Die Kunst so anziehender Gegensätzlichkeiten besteht darin, die Figuren sich langsam annähern zu lassen. Hier geschieht das wenn überhaupt dann abseits der Kamera. Wenn es auf die obligatorische Zusammenführung hinausläuft, hat der Film so gar nichts dafür getan, dass das irgendwie nachvollziehbar ist.

Es geht auch ohne Arbeit

Dazu gesellen sich diverse sehr ärgerliche Punkte im Drehbuch. Wenn beispielsweise Judith einen vernachlässigten Nachbarsjungen hat, um den sie sich kümmern muss, dann nicht weil der Film sich dafür interessiert. Eigentlich spielt der keine Rolle. Er wird nur von Liebe ist unberechenbar dazu missbraucht, etwas Negatives über Stefan sagen zu können, damit das Publikum eine Rechtfertigung bekommt, den jüngeren, besser aussehenden Freund zugunsten des miesepetrigen Soziophobikers austauschen zu können. Denn Letzterer hat auch anderthalb Stunden später eigentlich nichts vorzuweisen, was ihn zu einem vielversprechenden Partner machen würde. Es gibt keine versteckten positiven Eigenschaften, die ihn auszeichnen würden.

Immerhin versuchte man, ihn ein bisschen menschlicher zu machen, indem man ihm den von Michael Gwisdek gespielten Vater an die Seite stellt. Einen Mann, der als Komiker Erfolge feierte, das Leben auf der Bühne genoss und damit ebenfalls das genaue Gegenteil von Leonard ist. Daraus hätte man zweifelsfrei ein interessantes Figurenporträt machen können. Leider zeigt sich Liebe ist unberechenbar aber auch in der Hinsicht als sehr oberflächlich, will in wenigen Minuten aufarbeiten, was ein Leben lang falsch gelaufen ist. Tragisch ist dabei vor allem, dass es sich um den letzten Auftritt von Gwisdek handelt, der im September 2020 verstorben ist und ein würdigeres Finale verdient hätte als das hier.

Credits

OT: „Liebe ist unberechenbar“
Land: Deutschland
Jahr: 2021
Regie: Ingo Rasper
Drehbuch: Jörg Lühdorff
Musik: Martina Eisenreich
Kamera: Tomas Erhart
Besetzung: Heino Ferch, Tanja Wedhorn, Michael Gwisdek, Knut Berger

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Liebe ist unberechenbar
Wenn sich in „Liebe ist unberechenbar“ eine lebensfrohe Café-Bedienung und ein menschenscheuer Professor näherkommen, dann ist das im Widerspruch zum Titel so gar nicht unberechenbar. Aber es ist nicht allein die Vorhersagbarkeit der Liebeskomödie, die ihr zu schaffen macht. Ärgerlicher ist, wie wenig Mühe man sich bei der Ausarbeitung gab: Das Duo entwickelt keine Chemie, die Nebenfiguren sind Wegwerfware, potenziell interessante Themen werden lieblos abgefertigt.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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