Kritik

Im Netz der Gewalt

„Im Netz der Gewalt“ // Deutschland-Start: 11. September 2020 (DVD/Blu-ray)

Für Nick Holland (Luke Kleintank) bedeutet der Tag eine Premiere: Er soll erstmals für das Los Angeles Police Department auf Streife gehen. Zu diesem Zweck wird dem Neuling der erfahrene Polizist Ray Mandel (Thomas Jane) an die Seite gestellt, der ein wenig auf seinen jungen Kollegen aufpassen soll. Lust darauf hat der jedoch wenig, von Anfang an lässt er Holland spüren, wie wenig dieser auf diese Arbeit vorbereitet ist. Und auch sonst kommen die grundverschiedenen Männer auf keinen grünen Zweig, sie passen einfach nicht zusammen. Doch diese Differenzen werden sie beiseiteschaffen müssen, um gemeinsam diese Nacht zu überstehen. Eine Nacht, die von Raubüberfällen, Entführungen und anderen Verbrechen geprägt sein wird und beide Männer bis an ihre Grenzen bringt …

Gegensätze ziehen sich (nicht) an

Eigentlich bringt Im Netz der Gewalt alles mit, was es für einen Buddy Movie braucht. Der Film beginnt damit, die Unterschiede der zwei Männer herauszustellen, die gezwungen sind, eine ganze Nacht gemeinsam auf Streife zu verbringen. Auf der einen Seite haben wir den Neuling Holland, jung, unerfahren und in dem Glauben, er könne für eine gute, rechtschaffene Welt sorgen. Auf der anderen Seite Mandel, erfahren, verhärtet, zynisch, mit dem Hang, im Zweifel doch mal die eine oder andere Regel zu brechen. Dass zwei solche Leute nicht zusammenpassen, ist klar, das tun sie nie. Aber das ist eben die Grundvoraussetzung für solche Filme, dass in einem aufgezwungenen Rahmen Leute zusammenfinden müssen und dabei Freunde werden.

Und doch hinkt der Vergleich mit Filmen wie Lethal Weapon oder Beverly Hills Cop, die solche Buddy-Polizeifilme in den 80er Jahren populär machten. Zum einen fehlen die humorvollen Reibungen, die es in solchen Werken oft gab. Dafür ist Holland auch zu wenig selbstbewusst, was Reibungen und Auseinandersetzungen von vornherein unmöglich macht. Er zuckt immer zusammen, wenn Mandel etwas zu ihm sagt, unterwirft sich ungefragt den willkürlichen und bösartigen Anfeindungen seines Kollegen. Komisch ist das nicht, vielmehr herrscht da von Anfang an eine Atmosphäre der Angst. Und das will Mandel ja auch, nur so hat er auf den Straßen von Los Angeles überlebt.

Der andere Unterschied zu den üblichen Vertretern ist, dass es bei Im Netz der Gewalt keine nennenswerte Annäherung gibt. Zwar wird sich das Verhältnis der beiden im Laufe der Nacht geringfügig bessern. Das hängt aber mehr damit zusammen, dass sie ständig im Einsatz sind und damit jede Menge zu tun haben. Das lässt dann nicht mehr so viel Zeit für Mandels demütigende Machtdemonstrationen. Stattdessen führen die Ereignisse zu einer sich intensivierenden Identitätskrise des jungen Mannes. Nicht nur, dass er seinen Partner in Frage stellt, der in zunehmendem Maße das Gesetz selbst in die Hand nimmt. Holland muss sich selbst fragen, ob er für diese Art Arbeit überhaupt geschaffen ist.

Menschliche Abgründe an jeder Ecke

Diese Sinnkrise erzwingt Regisseur und Drehbuchautor Joel Souza, indem er die Ereignisse schon bald eskalieren lässt und dabei das Publikum auf die Folter spannt, wie weit das Ganze noch gehen wird. Realistisch ist das natürlich weniger. Wenn hier alle paar Minuten irgendetwas vorfällt, dann nimmt das recht schnell absurde Ausmaße an. Es geht bei Im Netz der Gewalt weniger darum, einen Einblick in Polizeiarbeit zu gewähren, dafür sind die einzelnen Episoden auch viel zu schnell vorbei. Stattdessen steht die bedrohliche Atmosphäre im Vordergrund, wenn die Stadt der Engel als teuflisch raues Pflaster gezeigt wird, voll von menschlichen Abgründen, über die man stolpern kann – manche davon mit Uniform, andere ohne.

Allerdings fehlt dem Krimidrama, welches auf dem Tribeca Film Festival 2019 Premiere feierte, der notwendige Tiefgang, um aus diesen Elementen tatsächlich so etwas wie eine Aussage zu machen. Die beiden Hauptfiguren sind zu sehr nach Schablone gezeichnet, als dass man sie als Individuen erkennen würde. Es fehlt auch der zwingende Grund, weshalb Mandel zu dem geworden ist, der er ist. Einfach nur aufzuzeigen, dass die Polizei nicht unbedingt Freund und Helfer ist, dass die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwommen sind, das ist nun wirklich keine bemerkenswerte Erkenntnis. Dafür reichte es, die Meldungen über die vielen Übergriffe der US-amerikanischen Polizei der letzten Jahre zu verfolgen. Grundsätzlich wird dieser Abgrund durch Thomas Jane (1922) gut verkörpert. Aber es reicht nicht aus, damit der ziellose Zynismus tatsächlich Eindruck hinterlässt, mehr daraus wird als eine Nacht unter vielen.

Credits

OT: „Crown Vic“
Land: USA
Jahr: 2019
Regie: Joel Souza
Drehbuch: Joel Souza
Musik: Jeffery Alan Jones
Kamera: Thomas Scott Stanton
Besetzung: Luke Kleintank, Thomas Jane

Bilder

Trailer

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Im Netz der Gewalt
„Im Netz der Gewalt“ folgt zwei Polizisten, die zusammen auf Nachtstreife in Los Angeles gehen. Der Film überzeugt zwar schon durch seine unheilvolle Atmosphäre, wenn die Ereignisse immer weiter eskalieren. Allerdings folgt dieser keine wirkliche Erkenntnis, auch wegen der stereotypen Hauptfiguren bleibt zu wenig am Ende übrig.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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