Kritik

El Chicano

„El Chicano“ // Deutschland-Start: 28. Januar 2021 (DVD/Blu-ray)

Als Kinder gab es nichts Beeindruckenderes für die Zwillingsbrüder Diego und Pedro sowie ihren Freund José als die Geschichten rund um einen maskierten Rächer, der in den Straßen von Los Angeles für Ordnung sorgen soll. Seither ist viel Zeit vergangen. Diego (Raúl Castillo) sorgt nun selbst als Polizist für Gerechtigkeit, Pedro hat sich das Leben genommen und José (David Castañeda) führt unter seinem Spitznamen Shotgun eine Gang an. Als Diego und sein Partner eines Tages einen der Männer von Shotgun mitnehmen und verhören wollen, wird dieser vor ihren Augen ermordet. Doch damit fangen die Ermittlungen erst richtig an. Ermittlungen, die nicht nur die aktuelle Geschichte betreffen, sondern auch Hinweise darauf liefern, weshalb Pedro wirklich gestorben ist …

Neue Helden braucht das Land

An Superheldengeschichten mangelt es eigentlich nicht wirklich. So zahlreich sind sie gerade auch in Filmen und Serien geworden, dass man zuweilen den Eindruck hat, es gäbe mehr Helden als reguläre Menschen. Und doch: In dem bestens abgegrasten Segment finden sich immer wieder erstaunliche bis schockierende Lücken. So wurde Black Panther zu einer Identifikationsfigur für die bislang kaum repräsentierte schwarte Bevölkerung, Wonder Woman und Captain Marvel machten Solo-Heldinnen auf einmal salonfähig – etwas, das zuvor von nicht wenigen als unmöglich abgetan wurde. Und das sind nur zwei der offensichtlichsten Versäumnisse, die es wert waren, einmal angegangen zu werden.

El Chicano will nun selbst etwas dafür tun, ein neues Kapitel in das umfangreiche Heldenbuch einzuzufügen. Hier ist es die bislang vernachlässigte Latino-Fraktion, welche endlich einmal ein den Mittelpunkt rücken darf. Tatsächlich sind in dem Film kaum Weiße zu sehen, sowohl bei Gangstern wie auf der guten Seite dominieren Menschen mexikanischer Herkunft. Und natürlich auch bei der Titelfigur, von der von Anfang an klar ist, dass sie noch eine größere Rolle spielen wird. Schließlich bezeichnet man mit Chicano in den USA lebende Mexikaner und deren Nachkommen. Einen Rächer und Gerechtigkeitskämpfer so zu benennen, das geht dann schon als Statement durch.

Das Spiel mit der Identität

In den interessanteren Momenten ist El Chicano dann auch nicht nur ein cooler Name, sondern Programm, wenn der Film sich mit dem mexikanischen Erbe und der Frage nach Identität beschäftigt. Das betrifft natürlich vor allem Diego, der wenig überraschend selbst irgendwann zum Rächer wird. Das bedeutet nicht nur, dass er wie andere Superhelden eine offizielle und eine geheime Identität hat. Er steht als US-Amerikaner mexikanischer Herkunft auch abseits der Verbrecherjagd zwischen den Stühlen. Immer wieder muss er sich fragen, wer er ist, gerade auch im Hinblick auf die etwas schwierige Familiengeschichte. Wenn er sich seine Maske aufsetzt und in seine Kluft wirft, dann geht es nicht allein um Gerechtigkeit, sondern auch ein Stück Selbstbehauptung.

Schade ist nur, dass diese Aussage selbst nicht übermäßig interessant ist. Das Kostüm selbst ist dabei schon ansehnlich, die Kämpfe funktionieren. Raúl Castillo (Looking) ist zudem sehr charismatisch. Aber das reicht nicht aus, um aus El Chicano auch einen spannenden Film zu machen. Regisseur und Co-Autor Ben Hernandez Bray, der ursprünglich nur den Tod seines eigenen Bruders aufarbeiten wollte, fiel leider nicht so wirklich viel ein, wie er das Themenfeld erweitern oder etwas zu den Figuren sagen könnte, das über Stereotype hinausgeht. Wenn man schon der Welt eine neue Facette eines beliebten Genres zeigen möchte, dann sollte man das schon richtig tun.

Am Ende wird auch nicht wirklich klar, was der Film eigentlich erreichen wollte. Um es mit den großen Superhelden der Majors visuell aufnehmen zu können, reicht im direkten Vergleich natürlich das Budget nicht. Da braucht es schon mehr, als das Licht zu dimmen und die Farben aufzudrehen. Für eine Darstellung lateinamerikanischen Lebens im hier und jetzt bleibt El Chicano hingegen zu sehr an der Oberfläche. Als Projektionsfläche funktioniert das vielleicht noch, weil man hier leichter davon träumen kann, selbst der Mann mit der Maske zu sein – Diego hat schließlich weder besondere Fähigkeiten noch ausgefallene Gadgets. Nur ist das Ergebnis dann doch irgendwie zu langweilig, als dass man das noch unbedingt tun wollte.

Credits

OT: „El Chicano“
Land: USA
Jahr: 2018
Regie: Ben Hernandez Bray
Drehbuch: Ben Hernandez Bray, Joe Carnahan
Musik: Mitch Lee
Kamera: Juan Miguel Azpiroz
Besetzung: Raúl Castillo, George Lopez, Aimee Garcia, Kate del Castillo, Jose Pablo Cantillo, Marco Rodríguez, David Castañeda

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El Chicano
„El Chicano“ folgt einem US-amerikanischen Cop mit mexikanischen Wurzeln, wie er den Tod seines Bruders aufklärt und dabei zum maskierten Rächer wird. Die mehrschichtige Beschäftigung mit Identitätsfragen ist interessant. Der Film als solcher ist es aber eher weniger, da er es nicht schafft, aus den Klischees auszubrechen.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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