Kritik

Bruderherz Safety Disney+

„Bruderherz“ // Deutschland-Start: 11. September 2021 (Disney+)

Bei Familie McElrathbey stehen Probleme an: Die alleinerziehende Mutter Tonya (Amanda Warren) ist mal wieder rückfällig geworden und muss deshalb zurück zum Drogenentzug. Während der ältere Sohn Ray (Jay Reeves) ein eigenes Leben führt und auf dem Campus seiner Universität wohnt, lebt dessen jüngerer Bruder Fahmarr (Thaddeus J. Mixson) noch zu Hause. Dass er weiter dort alleine ist, kommt natürlich nicht in Frage. Nur gibt es keine anderen Verwandten, die ihn aufnehmen könnten. Als er deshalb zu einer Pflegefamilie gesteckt werden soll, kann Ray nicht tatenlos zusehen und beschließt deshalb, ihn bei sich unterzubringen. Doch das ist nicht so einfach, schließlich ist es streng verboten, Nicht-Studierende bei sich wohnen zu lassen. Sollte jemand davon Wind bekommen, dann droht ihm der Verlust seines Football-Stipendiums …

Magere Ausbeute

So richtig viel Glück brachte Disney+ Filmfans bislang ja nicht. Während der Katalog aus dem Mäuseimperium natürlich zahllose Klassiker enthält, ist die Zahl an neuen exklusiven überschaubar. Die Qualität ist es leider auch. Ob nun die musikalische Aufmunterung Clouds, die Fantasy-Komödie Die gute Fee oder auch die Neuverfilmung Black Beauty, so richtig erwähnenswert war nichts davon. Die meisten dürften zudem nicht einmal mitbekommen haben, dass diese Disney-Originale überhaupt erschienen sind. Schließlich liegt der Marketingfokus nach wie vor auf den großen, etablierten Reihen, die kleineren Titel werden dem Publikum hingegen ein bisschen zum Fraß vorgeworfen.

So erging es auch Bruderherz, das immerhin zur publikumsträchtigen Vorweihnachtszeit erschien, dabei jedoch wenig Aufmerksamkeit zuteilwurde. Grundsätzlich passte der Film dabei wunderbar in diese Phase, in der die Menschen – normalerweise – wieder näher zusammenrücken und den Wert der Familie erkennen. Denn darum geht es schließlich in erster Linie bei dem Drama, das auf einer wahren Geschichte basiert. Wenn sich hier zwei Brüder notgedrungen ein kleines Zimmer auf dem Campus teilen, dann geht es nicht allein darum, irgendwie die Zeit zu überbrücken. Vielmehr sollen sie dabei erkennen, was sie aneinander haben, das Publikum gleich mit.

Der genaue geschichtliche Hintergrund, dass ein junger Student sein Stipendium zu verlieren riskiert, weil das gegen die Regeln ist, wird dabei zur Nebensache. Regisseur Reginald Hudlin zeigt zwar zum Schluss pflichtbewusst, wie der Fall von Ray und Fahmarr seine Spuren hinterließ und einen Präzedenzfall schuf. Viel wichtiger war ihm aber, daraus ein besinnliches Wohlfühldrama zu machen, bei dem sich alle am Ende in die Arme fallen dürfen. Und „alle“ sind hier wirklich viele. Auch wenn das Brüderpaar im Mittelpunkt steht, so gesellen sich eine Reihe von Teamkameraden und Trainern hinzu, selbst für eine kleine Liebesgeschichte rund um Kaycee Stone (Corinne Foxx) ist noch Platz. Von denen darf am Anfang natürlich niemand etwas über die heimliche Wohnsituation wissen, nur um später ebenso natürlich Ray unterstützen zu wollen.

Wohlfühlen statt Tiefgang

Das ist dann für ein Publikum gedacht, das sich von einem Film aufbauen und an das Gute in den Menschen glauben möchte. Diesem Ziel wird alles andere untergeordnet. So ist die Figurenzeichnung gelinde gesagt spärlich. Schon bei Ray und Fahmarr wird nicht wirklich viel investiert. Beim Rest kann sich freuen, wer wenigstens irgendwelche Klischees abbekommen hat. Der Großteil muss ohne auskommen, weshalb man bis zum Schluss keine Vorstellung hat, wer sie genau als Mensch sein könnten. Aber auch an anderen Stellen wird auf Tiefgang verzichtet. Welche inneren Auswirkungen es für die Jungs hat, wenn die Mutter drogenabhängig ist, wird kaum angesprochen. Ist Ray sauer, wie sie es sagt? Ist er traurig? Hat er Angst oder schämt er sich, wenn er nicht darüber redet?

Bruderherz will selbst darüber nicht reden, will sich mit den wirklich schmerzvollen Themen gar nicht auseinandersetzen. Stattdessen gleicht das hier einem Imagefilm, insbesondere für die Clemson Universität, die als Schauplatz für sich werben darf. Diese glänzende Oberflächlichkeit wird zum Schluss auch noch mit viel Kitsch und Pathos zugekleistert, damit das Publikum auch ja nicht verpasst, wie wichtig das Thema ist. Das ist auch deshalb schade, weil die beiden Newcomer Jay Reeves und Thaddeus J. Mixson sehr gut miteinander harmonieren. Als Brüder, die sich brauchen, dabei aber nicht auf Anhieb klarkommen, entwickeln sie die notwendige Chemie. Schöner wäre es gewesen, der Film hätte sich mehr darauf verlassen, hätte ein ambitionierteres Ziel verfolgt, als nur vorgestanzte Aufbaurührseligkeit zu sein. Das Thema und das Ensemble hätten das zumindest hergegeben. So bleibt ein netter, letztendlich aber ziemlich banaler Film, der Allgemeinplätze als neue Entdeckung verkaufen will.

Credits

OT: „Safety“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Reginald Hudlin
Drehbuch: Nick Santora
Musik: Marcus Miller
Kamera: Shane Hurlbut
Besetzung: Jay Reeves, Thaddeus J. Mixson, Corinne Foxx, Matthew Glave, James Badge Dale, Amanda Warren, Hunter Sansone

Trailer

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Bruderherz
Als die Mutter zum Drogenentzug muss, schmuggelt ein Student seinen jüngeren Bruder zu sich ins Campus-Zimmer. Das auf einer wahren Geschichte basierende Drama „Bruderherz“ hat zwar schon interessante Themen, will aber gar nicht wirklich in die Tiefe gehen. Stattdessen gibt es glatt polierte Oberfläche, diverse Klischees und zum Schluss auch noch jede Menge Pathos, was dem gut zusammenspielenden Duo nicht gerecht wird.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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