Kritik

76 Days

„76 Days“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Vor gut einem Jahr begann etwas, dessen Auswirkungen noch heute und wahrscheinlich noch viele weitere Monate, wenn nicht sogar Jahre zu spüren sein wird. Auch wenn die Zeichen, dass sich hinter dem Coronavirus eine ernsthafte Bedrohung verbirgt, schon lange vorlagen, wurde erst mit dem Beginn des Lockdowns in der chinesischen Stadt Wuhan Gewissheit geschaffen über das, was schon in weniger als einem Monat sich auf der ganzen Welt ausgebreitet hatte. Die Pandemie, welche nicht nur das öffentliche Leben zum Stillstand brachte, Leben kostete und die Gesundheit vieler Menschen auch nach ihrer Genesung noch beeinträchtigen wird, erzählt bis heute Geschichten über Leid, Tod und Trauer. Jedoch gibt es auch die Geschichten, die daran erinnern, dass es Menschen gibt, die nicht verzweifeln und mutig für ihr Überzeugungen eintreten sowie anderen helfen. So wird vermutlich das Gesicht des chinesischen Augenarztes Li Wenliang auf immer mit der Epidemie verbunden bleiben, war er doch einer der ersten, welcher auf die potenzielle Gefahr des Virus aufmerksam machte, aber von den chinesischen Behörden zum Schweigen gebracht wurde durch eine Erklärung, die ihm aufgezwungen wurde.

Jedoch sind es immer wieder die Helfer, die in einem neuen öffentlichen Licht stehen, deren Arbeit eine erhöhte Beachtung findet in unserem Bewusstsein, auch wenn noch abzuwarten bleibt, ob es bei Beifallsbekundungen auf Balkonen bleiben wird oder ob diese Wahrnehmung von Dauer ist. Gerade in Wuhan, wo das Krankenhaus- und Pflegepersonal von dem Virus geradezu überrannt wurde, haben viel Ärzte, Krankenschwester und Pfleger alles getan, um der Lage Herr zu werden, später mit breiter Unterstützung aus anderen Teilen des Landes, wie bereits Ai Weiweis Dokumentation Coronation zeigte. In ihrem Film 76 Days erzählen Dokumentarfilmer Hao Wu (All In My Family) und Jean Tsien abermals die Geschichte des Lockdowns in Wuhan, wobei sie das Personal eines Krankenhauses begleiten bei der Aufnahme von Patienten, den Misserfolgen gegen das Virus, aber auch den kleinen Lichtblicken.

Furchtlose Soldaten

Gleich zu Anfang wird man als Zuschauer in die Dramatik der Lage versetzt, wenn eine der Krankenschwestern, zurückgehalten von ihren Kolleginnen, vor dem Zimmer ihres Vaters mitansehen muss, wie die Ärzte erfolglos um dessen Leben kämpfen. Ohne ihm, aufgrund der Ansteckungsgefahr, beistehen zu können oder zumindest Lebewohl zu sagen, bleibt sie vor der Türe des Zimmers, lässt sich zwar von ihrem Vorgesetzten Mut zusprechen, bricht dann doch zusammen, nicht nur wegen der persönlichen Tragödie, sondern auch wegen des Stresses sowie der Belastung der letzten Tage. Hao Wu und Jean Tsien haben eine Vielzahl solcher Geschichten in ihrer Dokumentation vereint, die den Fokus setzen auf die „furchtlosen Soldaten“, wie sie die politische Führungsriege Chinas nennt. Dabei begegnen wir Menschen, die verzweifeln und weinen, vor Erschöpfung auf einer fürs Personal gedachten Holzbank zusammensacken, aber auch von denjenigen, die funktionieren und einfach weitermachen, oder jenen, die sich sogar Zeit nehmen für die Patienten, die aufgrund ihrer Erkrankung zur Isolation gezwungen sind und ihre Liebsten nicht sehen können.

Im Gegensatz zu Ai Weiweis Ansatz, der zugleich die politischen Zusammenhänge hinter dem Ausbruch des Virus diskutiert, konzentrieren sich Hao Wu und Jean Tsien vor allem auf die menschlichen Schicksale. Dabei geht es nicht um eine Art Melodram, auch nicht um die offizielle Ansicht, die in sehr martialischem Ton von den Helfern, wie bereits beschrieben, als „Soldaten“ spricht, sondern darum, diese Menschen, ihre Worte und ihr Handeln für sich sprechen zu lassen. Es geht darum, sich diese Menschlichkeit zu bewahren, nicht in einer Routine zu verweilen und zu einem Roboter zu werden, sondern eine Balance zwischen dem Gedanken Herr der Lage zu werden zu finden und sogleich für andere da zu sein, die sich alleine im Kampf gegen das Virus sehen.

Credits

OT: „76 Days“
Land: USA, China
Jahr: 2020
Regie: Hao Wu, Jean Tsien
Drehbuch: Hao Wu
Kamera: Anonymous, Weixi Chen

Trailer

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76 Days
"76 Days" ist eine Dokumentation über das Personal eines Krankenhauses in Wuhan während der 76 Tage des Lockdowns dort. Hao Wu und Jean Tsien erzählen von Menschen, die nicht nur das Virus versuchen zu bekämpfen, sondern sogleich für andere da sein wollen, die sich alleine gelassen fühlen und die ihre Krankheit zur Isolation von ihren Familie und Geliebten gezwungen hat. Dabei kommt die Kamera einer Wahrheit sehr nahe, die viele leider noch immer nicht sehen wollen, die aber zur Realität für viele geworden ist.
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