In dem für einen Oscar nominierten Animationsfilm Wolfwalkers (exklusiv auf Apple TV+ erhältlich) reisen wir ins Irland des 17. Jahrhunderts, als Oliver Cromwell die Wälder roden lässt und auch alle Wölfe töten will, um mehr Platz für Landwirtschaft zu erhalten. Dabei stellen sich ihm nicht nur ein Wolfsrudel in den Weg, sondern auch zwei Mädchen, von denen eine sich selbst in einen Wolf verwandeln kann. Wir haben uns im Interview mit den Regisseuren Tomm Moore und Ross Stewart über ihre Arbeit an dem Film unterhalten, die Kunst handgezeichneter Animationen und in welches Tier sie sich selbst gern verwandeln würden.

Könnt ihr uns erzählen, wie es zu Wolfwalkers kam? Warum habt ihr einen Film über Wolfmenschen gedreht?

Tomm Moore

Tomm Moore

Tomm: Ross und ich haben uns über das Thema des Artensterbens unterhalten. Die Legende der Wolfwalkers, also Menschen, die sich in Wölfe verwandeln, war sehr bekannt in Kilkenny, wo wir beiden aufgewachsen sind. Inzwischen ist sie aber in Vergessenheit geraten, weil die Wölfe ausgerottet wurden von Oliver Cromwell während der Kolonisierung des Landes. Wir wollten die Menschen daran erinnern, dass sie durch das Töten der Tiere nicht nur die Tiere an sich verlieren, sondern ihre Beziehung zur Natur. Die Iren und die Wölfe verbindet eine lange Geschichte. Früher wurde Irland auch das Wolfland genannt. Das konnte negative Konnotationen haben, wenn die Iren als wild und ungezähmt dargestellt wurden. Aber eben auch positive.

Ross: Außerdem gibt es eine Parallele zwischen dem Auslöschen einzelner Tierarten und der tiefen Spaltung, wie wir sie in unserer Gesellschaft erleben. Wenn die Menschen eine Art als nützlich ansehen, eine andere aber auslöschen wollen, dann spiegelt sich diese Denkweise auch in Rassismus und Fremdenfeindlichkeit wieder. Während eine Kultur als Verbündete angesehen wird, wird gegen eine andere Krieg geführt. Wir wollten deutlich machen, dass die Art und Weise, wie die Menschen die Wölfe ablehnten, der entsprach, wie sich Iren und Engländer gegenüber standen. Wenn die Menschen zusammenkommen, um die Tiere zu retten, dann soll das auch Mut machen, gemeinsam die Welt und die Natur zu retten.

Wolfwalkers ist nach Das Geheimnis von Kells, Die Melodie des Meeres und Der Brotverdiener der vierte Film von Cartoon Saloon, der für einen Oscar als bester Animationsfilm nominiert wird. Wie wichtig sind euch solche Filmpreise?

Tomm: Sie sind sehr wichtig für das Studio und neue Projekte, da wir auf diese Weise Investoren überzeugen können, unsere Filme zu finanzieren. Aber es hilft auch, um neue Künstler und Künstlerinnen anzuziehen. Wenn ein Animationsstudio ein gewisses Renommée hat, fällt es dir leichter, an gute Leute ranzukommen, die mit dir zusammen arbeiten wollen.

Ross: Aber es ist auch toll für die Leute, die diesen Film gemacht haben. Wenn du jahrelang an einem Film gearbeitet hast, dann ist Anerkennung durch Fans, Kritiker, aber auch die Industrie schon sehr schön. Wie jemand, der dir auf die Schulter klopft und sagt: gut gemacht! Dann weißt du nämlich: All die Tränen, Schweiß und Blut, die du vergossen hast, waren es wert.

Nun sind computergenerierte Animationsfilme heute populärer als gezeichnete. Wart ihr je in Versuchung, einen solchen Film zu machen?

Tomm: Das wäre sinnlos. Warum sollte ich mich mit den anderen Studios vergleichen wollen, die das alle schon machen und Experten sind? Wir sind das nicht. Nicht auf diesem Gebiet. Wir müssten so viel investieren, nur um dann das zu machen, was andere machen. Das wäre Verschwendung. Außerdem zeichnen wir einfach zu gern. Wir wollten von Anfang zu einer Renaissance handgezeichneter Animationsfilme beitragen und in dem Feld immer besser werden. Wir wollten zeigen, dass sie noch immer relevant sind. Wobei wir nicht grundsätzlich alles ablehnen, was am Computer entsteht. Wir haben in Wolfwalkers selbst mit Computereffekten experimentiert, wenn wir zum Beispiel die Welt durch die Augen der Wölfe sehen. Dennoch soll am Ende alles wie handgezeichnet aussehen, weil das vergleichbar zu den alten Legenden, von denen wir erzählen, etwas ist, das es wert ist, bewahrt zu werden.

Ross Stewart

Ross Stewart

Ross: Außerdem haben wir bei Cartoon Saloon ganz viele Leute, die aus der ganzen Welt zu uns gekommen sind, eben weil wir handgezeichnete Animationsfilme machen. Wenn wir jetzt einen computergenerierten Film machen würden, müssten diese ganzen Leute umgelernt werden. Sofern sie überhaupt bleiben würden. Denn computergenerierte Animationsfilme könnten sie auch in anderen Studios machen. Tatsächlich ist es für uns in dieser Hinsicht ein Vorteil, dass wir noch per Hand zeichnen. Da wäre es kontraproduktiv das aufzugeben.

Könnt ihr uns verraten, wie ihr zum Animationsfilm gekommen seid? Was waren eure Einflüsse?

Tomm: Am Anfang wurden wir vor allem von Richard Williams beeinflusst. Er war es, der davon überzeugt war, dass handgezeichnete Animationsfilme eine Kunstform sein können. Außerdem war er ein Freigeist, der 25 Jahre an seinem Werk The Thief and the Cobbler gearbeitet hat. Das war schon sehr inspirierend. Meine aktuelle Heldin ist Joanna Quinn. Wir haben uns zuletzt mehrfach unterhalten und Interviews zusammen gegeben. Sie war ebenfalls mit Williams befreundet und ist eine sehr interessante Person.

Ross: Im Bereich Kurzfilme werden auch sehr spannende Sachen gemacht. Da es dort nur kleine Teams und kaum Budget gibt, wird mit vielen Techniken experimentiert. Wir haben in Wolfwalkers einige dieser Techniken verwendet, um zu sehen, wie das in einem Langfilm funktionieren könnte. Deswegen ist es auch so wichtig, dass diese Kurzfilme auf Festivals laufen und mit Preisen gewürdigt werden, um auf diese Weise zu weiteren Experimenten zu ermutigen.

Tomm: Sehr inspirierend war außerdem Isao Takahata von Studio Ghibli. Während Hayao Miyazaki im Laufe seines Schaffens einen ganz bestimmten Stil entwickelt und immer weiter verfeinert hat, versuchte Takahata immer wieder etwas Neues. Da gleicht kein Film dem anderen.

Ihr habt bei dem Film gemeinsam Regie geführt. Wie sah das aus? Habt ihr alles zusammen gemacht oder euch Szenen aufgeteilt?

Ross: Tomm und ich haben die Geschichte zusammen entwickelt und haben auch im Anschluss den ganzen Film gemeinsam gemacht. Wir sind seit unserer Kindheit schon miteinander befreundet und haben sehr ähnliche Visionen davon, was wir mit unseren Werken erreichen wollen. Deswegen war klar, dass das eine reine Gemeinschaftsarbeit wird. Wie das bei anderen Co-Regisseuren läuft, kann ich aber nicht sagen. Wenn da zum Beispiel einer die Geschichte entwickelt hat und ein anderer hinzustößt, kann das schon ganz anders laufen.

Tomm: John Musker und Ron Clements sind ein bekanntes Beispiel für Co-Regisseure im Bereich Animation und haben zusammen einige Filme für Disney gemacht. Bei ihnen ist das ganz verrückt: Sie schreiben zusammen die Geschichte und teilen dann den Film auf. Jeder von ihnen dreht also nur die Hälfte des Films. Bei Ross und mir war das anders. Wir haben alles von Anfang bis Ende zusammen entschieden.

Ross: Das hat auch sehr gut funktioniert. Es gab keine nennenswerten Konflikte, nach denen wir wochenlang nicht mehr miteinander geredet haben. So lange befreundet zu sein, hat die Arbeit schon sehr vereinfacht.

Euer Film wird exklusiv auf Apple TV+ gezeigt. Eigentlich hätte er in vielen Ländern auch im Kino laufen sollen, was aber in der aktuellen Lage nicht möglich ist. Wie wichtig ist für euch das Kinoerlebnis?

Tomm: Apple war von Anfang offen für eine zeitgleiche Veröffentlichung im Kino und als Stream. Und ich denke auch, dass das die Zukunft sein wird. Ich will einerseits dem Kino nicht den Rücken zukehren, um nur noch für Streamingdienste zu arbeiten. Der Film wurde designt, dass ihn die Leute auf der Leinwand sehen. Aber das Kino ist nicht immer genug. Es hat nicht jeder ein Kino bei sich in der Nähe, wo ein Film wie Wolfwalkers gezeigt würde.

Ross: Das Kino bietet für mich ein Erlebnis, das du so zu Hause nicht rekreieren kannst, sofern du nicht in einer Villa lebst und darin dein eigenes Kino baust mit 16 Lautsprechern. Deswegen freue ich mich darauf, wenn der Film doch noch so gezeigt werden kann wie ursprünglich gedacht, sobald die Kinos wieder öffnen dürfen.

Wolfwalkers Apple TV+

Zwischen Wolf und Mensch: In „Wolfwalkers“ (© Apple TV) können sich Mutter und Tochter in einen Wolf verwandeln

In Wolfwalkers erzählt ihr von Menschen, die sich in Wölfe verwandeln können. Wenn ihr euch in ein Tier eurer Wahl verwandeln könntet, welches wäre das?

Tomm: Ich wäre gern ein riesiger Blauwal. Ich selbst bin ja nicht besonders groß. Da wäre es schön, mal so richtig groß zu sein. Außerdem sind das so friedliche Tiere, die gemütlich durch Meers schwimmen. Das stelle ich mir toll vor.

Ross: Bei mir wäre es ein Adler denke ich. Ich war in der letzten Zeit viel beim Hiking und Bergsteigen. Und wenn du dich abmühst beim Versuch, zum Gipfel zu kommen, während um dich herum die Vögel einfach herumfliegen, da wirst du schon neidisch. Es wäre großartig, diese Freiheit des Fliegens erleben zu können.

Jetzt, da Wolfwalkers beendet ist, könntet ihr euch eine Fortsetzung dazu vorstellen? Wir steht ihr allgemein zu dem Thema?

Ross: Es gab zwar schon Ideen für eine Fortsetzung zu Wolfwalkers. Aber bislang haben wir keine zu unseren Filmen gemacht. Wahrscheinlich wird es daher bloß bei einer Idee bleiben.

Tomm: Ich war einmal in dem Studio Ghibli Museum in Tokio. Dort wurde exklusiv ein Kurzfilm rund um Mei aus Mein Nachbar Totoro gezeigt. Das war aber keine wirkliche Fortsetzung, sondern nur eine kleine Anekdote aus ihrem Leben. Das fand ich reizvoll. Einen kompletten zweiten Teil kann ich mir hingegen nicht vorstellen. Da verwende ich die Ideen lieber für einen neuen Film.

Ross: Es ist am Ende auch einfach eine Zeitfrage. Es dauert Jahre, bis du einen Film wie Wolfwalkers fertig hast. Da wollen wir die Zeit lieber anders nutzen. Was ich mir vorstellen könnte, wäre aber eine Fortsetzung in Comic-Form.

Vielen Danke für das Gespräch!



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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