Kritik

Sound of Metal Amzon Prime Video

„Sound of Metal“ // Deutschland-Start: 4. Dezember 2020 (Amazon Prime Video)

Im Leben von Ruben (Riz Ahmed) dreht sich alles um die Musik. Gemeinsam mit seiner Freundin Lou (Olivia Cooke) ist er Teil des Heavy-Metal-Duos Blackgammon, tourt durch das ganze Land, geht auf der Bühne immer ans Limit. Doch dieses Leben hat einen hohen Preis, wie er eines Tages feststellen muss: Sein Gehör hat sich rapide verschlechtert, es ist nur eine Frage der Zeit, bis er vollkommen taub ist. Sein Arzt rät ihm daraufhin, Abstand von der Musik zu nehmen, von allem, was irgendwie laut ist und sein Gehör gefährdet. Doch für Ruben kommt das nicht in Frage, er setzt seine Hoffnungen lieber in eine Operation. Billig wird die aber nicht, 40.000 bis 80.000 Dollar wird das kosten. Und das ist nicht das einzige Problem …

Die Last des plötzlichen Verlustes
Es ist natürlich eine Binsenweisheit. Aber eine, die sich immer wieder bestätigt: Manchmal muss man etwas erst verlieren, bis man es wirklich wertschätzen kann. Das kann beispielsweise liebgewonnene Menschen betreffen, die wir urplötzlich verlieren. Soziale Sicherheiten, die wegbrechen – das Jahr der Corona-Pandemie hat dies auf erschreckende Weise vor Augen geführt. In dem Amazon Prime Video Drama Sound of Metal ist es nun das Gehör, das durch zu viel laute Musik überstrapaziert wurde und irgendwann in kurzer Zeit verschwindet. Ein Verlust, der für viele gar nicht so richtig vorstellbar ist. Was bedeutet es, wenn man sein Umfeld nicht mehr hören kann? Wenn auf einmal Kommunikation mit anderen Menschen mindestens stark beeinträchtigt wurde, wenn nicht gar unmöglich?

Regisseur und Co-Autor Darius Marder, der zuvor auch am Drehbuch von The Place Beyond the Pines beteiligt war, zeigt dies anhand eines Menschen, bei dem der Verlust besonders schwer wiegt: Ein Musiker, der nichts mehr hören kann, schlimmer kann es da kaum kommen. Hier geht es eben nicht nur um ungewohnte Einschränkungen im Alltag, mit denen jemand umzugehen lernen muss. Vielmehr wird da eine ganz grundsätzliche Existenzfrage gestellt. Wer bin ich, wenn ich nicht mehr das ausüben kann, was sonst mein Leben bestimmte? Was macht mich dann noch aus? Wenn Ruben zunächst die Erfahrung und die Hiobsbotschaft verdrängt, lieber den Kopf in den Sand steckt und darauf hofft, dass es einfach so irgendwie besser wird, dann ist das vielleicht nicht sonderlich schlau. Verständlich ist es aber schon.

Ohnehin ist es eine der großen Stärken von Sound of Metal, wie hier das Innenleben des Protagonisten nachvollziehbar und spürbar gemacht wird. Ein Mittel dafür ist das Sound Design, welches die eigene Wahrnehmung von Ruben imitiert und immer wieder seine Perspektive einnimmt. Das Ergebnis ist eine Abfolge von Ton und Stille, später wird es noch eine Reihe von Irritationen geben. Geräusche, die man vorher noch für ganz selbstverständlich nahm, werden zu einem Fremdkörper, so als würde man ihnen das erste Mal begegnen. Die Erfahrung der Taubheit wird nicht nur für die Hauptfigur zu einer neuen Erfahrung, auch das Publikum daheim wird dazu angehalten, in sich hineinzuhören, das eigene Bewusstsein zu schärfen für das, was man hört – oder eben nicht hört.

Sensibles Porträt eines Rastlosen
Das wurde mit Riz Ahmed (The Sisters Brothers, Nightcrawler) fabelhaft besetzt. An seiner Figur wird nicht nur der Wechsel von laut zu leise festgemacht. Er verkörpert einen Mann, der ständig unter Strom steht, der die Auftritte braucht, um sich lebendig zu fühlen, und deshalb in der Stille verloren ist. Für den ehemaligen Abhängigen bedeutete Musik ein Ventil, um seine inneren Dämonen herauszutrommeln. Ein Rausch, der einen anderen Rausch ersetzt hat. Sound of Metal ist die Geschichte eines komplexen Mannes sowie einer fragilen Beziehung, die in Ritualen ihr Glück fand und dieses nun neu definieren muss. Die Begegnungen von Ruben und Lou sind von Angst vor den eigenen Abgründen geprägt, aber auch von einer berührenden Zärtlichkeit.

So etwas kann schnell kitschig oder manipulativ werden, ein Film, der sich an dem Leid ergötzt und dieses dann tränenreich auflöst. Doch auch in der Hinsicht ist das Drama, welches auf dem Toronto International Film Festival 2019 Premiere feierte, ganz leise. Schön ist dabei zudem, wie Taubheit nicht einfach als zu überwindendes Übel dargestellt wird. Ein großer Teil von Sound of Metal handelt davon, wie Ruben inmitten einer Gehörlosen-Community ein neues Zuhause findet, zum Teil auch zu sich selbst findet. Marder fördert auf diese Weise nicht nur Verständnis für die Situation der Betroffenen, sondern ermuntert zu mehr Offenheit in alle Richtungen und mehr Bewusstsein, losgelöst von Normen und Erwartungen.

Credits

OT: „Sound of Metal“
Land: USA, Belgien
Jahr: 2019
Regie: Darius Marder
Drehbuch: Darius Marder, Derek Cianfrance
Musik: Nicolas Becker, Abraham Marder
Kamera: Daniël Bouquet
Besetzung: Riz Ahmed, Olivia Cooke, Paul Raci, Lauren Ridloff, Mathieu Amalric

Bilder

Trailer

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Sound of Metal
In „Sound of Metal“ verliert ein Metal-Musiker sein Gehör und muss lernen, ein anderes Leben zu führen. Eine solche Geschichte hätte aufdringlicher Kitsch werden können. Stattdessen handelt es sich um ein leises und einfühlsames Charakterdrama, fabelhaft von Riz Ahmed gespielt, welches uns an seiner Wahrnehmung teilhaben lässt und zu mehr Offenheit in alle Richtungen ermuntert.
9von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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