Kritik

Sin City Band 1 Stadt ohne Gnade The Hard GoodbyeSo richtig viel Kontakt zu Frauen hat Marv eigentlich nicht, sieht man einmal von seiner Bewährungshelferin ab. Umso erfreuter ist der frühere Soldat, gezeichnet von seinen vielen Erfahrungen mit dem Tod, als er Goldie begegnet. Die sieht nicht nur aus wie ein Engel, sondern ist fest entschlossen, ihm jeden Wunsch von den Augen und anderen Körperteilen abzulesen. Doch diese Freude währt nicht lang, am nächsten Tag ist die hübsche Fremde mausetot. Dafür ist die Polizei umso lebendiger, die nur darauf gewartet hat, Marv einzusperren und für den Mord zu verurteilen. Der ist jedoch alles andere als wehrlos und beginnt eine Odyssee, um den wahren Täter ausfindig zu machen. Eine Odyssee, die ihn zu den Mächtigsten der Stadt führt …

Detektivgeschichten aus dem Abgrund

Bekannt wurde Frank Miller in den 1980ern durch eine Reihe von düsteren Comics, die auf etablierten Superhelden basierten, vor allem seine Interpretation von Batman brachte ihm frühen Ruhm ein. Und doch war ihm das auf Dauer nicht genug, vorgefertigten, großen Franchises seinen Stempel aufdrücken zu wollen, weswegen er in den 1990ern mit eigenen Geschichten anfing. Mit Hard Boiled und später Sin City präsentierte er dystopische Neo-Noir-Detektivalbträume voller Gewalt, welche die Welt als einen Ort ohne Moral darstellen, in denen sich jeder selbst der nächste ist. Während Miller bei Ersterem nur die Texte schrieb, die bildliche Ausgestaltung aber Geof Darrow überließ, griff er beim zweiten Titel selbst zur Zeichenfeder.

Visuell sind die beiden Comics daher auch wenig miteinander zu vergleichen. Die Unterschiede sind auf den ersten Blick schon sehr deutlich. War Hard Boiled auch eine Farbexplosion, die mit kräftigen Tönen etwa das Blut zelebrierte, da ist Sin City komplett in Schwarzweiß gehalten. Dabei wird ständig gewechselt, ob nun Hintergründe oder Figuren in Schwarz oder Weiß sind, manchmal findet auch beides statt. Das sieht schon mal wie das Negativ einer Fotografie aus. Die Bilder sind dabei ausdrucksstark, oft etwas unwirklich mit den wechselnden Perspektiven und dem ausgiebigen Einsatz von Schatten, die alles andere überlagern dürfen.

Minimalistische Parallelwelt

Da ist sehr minimalistisch, mit klaren Linien. Und doch: Hin und wieder ist bei Stadt ohne Gnade, dem ersten Band der langen Reihe, nicht ganz klar, was genau man da sieht. Miller nutzt die Bilder nicht, um die Handlung unbedingt illustrieren zu wollen, sondern betrachtet sie als eigene Elemente, die unabhängig von der Geschichte existieren dürfen. Das Ergebnis ist durchaus beeindruckend, immer wieder stolpert man über Passagen oder einzelne Motive, an denen man hängen bleibt, die man ausgiebig erkundet und die Atmosphäre genießt, die von ihnen ausgeht. Nicht ohne Grund versuchte man Jahre später bei der Verfilmung, eben dieser Atmosphäre gerecht zu werden, indem man selbst auf Schwarzweiß-Bilder setzte, auch wenn diese doch deutlich konkreter und konventioneller waren als die expressiven Zeichnungen der Vorlage.

Inhaltlich darf man hingegen an Stadt ohne Gnade keinerlei Erwartungen stellen. Die eigentliche Geschichte rund um einen abgehalfterten Killer, der den Mord an einer Prostituierten rächen will und sich dabei mit mächtigen Feinden anlegt, könnte kaum mehr Klischees haben. Die Dialoge versuchen ganz abgründig zu sein, werden dabei aber sehr schnell peinlich. Die Ermittlungen sind spärlich, bestehen nur aus stumpfen, repetitiven Beschimpfungen und exzessiver Gewalt. Der Showdown wiederum ist eine einzige Enttäuschung. Ausgerechnet hier zieht sich Miller schnell zurück, beschränkt sich auf die Texte, anstatt tatsächlich Kante zu zeigen. Außerdem passt das einfach nicht, vorher lange einen Bösewicht anzukündigen, der so mächtig ist, dass schon die bloße Nennung des Namens Panikattacken auslöst, und dann eine derart lächerliche Gestalt vorzuführen, die in ein paar Seiten aus dem Weg geschafft wurde. Das war dann wirklich viel Lärm um nichts. Wie bei Millers späterem Hit 300 wäre es daher zu wünschen gewesen, der US-Amerikaner hätte sich allein auf die Bilder beschränkt und die Geschichten anderer illustriert. Wenigstens sind die Texte so selten, dass man sich allein auf den harten Bilderrausch konzentrieren kann und sich nicht ganz so oft über die plumpe Erzählung ärgern muss, die sich als etwas darstellt, was sie gar nicht leisten kann.

Credits

OT: „Sin City: The Hard Goodbye“
Land: USA
Jahr: 1991/1992
Text: Frank Miller
Zeichnungen: Frank Miller
Land: USA
Jahr: 1991/1992

Bilder

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Sin City – Band 1: Stadt ohne Gnade
Mit „Sin City“ wurde Frank Miller endgültig zum Kult-Comic-Künstler. Das verdankt er aber eher den Schwarzweißbildern, die zwar narrativ weniger funktionieren, als eigenständige Motive dafür umso ausdrucksstärker sind. Die Geschichte um einen Killer, der den Mörder einer Prostituierten sucht, ist hingegen schwach, voller Klischees und peinlicher Texte, die sich abgründig geben, dabei aber unfreiwillig komisch sind.
3.0Gesamtwertung

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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