Kritik

Igby Goes Down

„Igby Goes Down“ // Deutschland-Start: 1. Mai 2003 (Kino) // 20. November 2020 (Mediabook)

Jason „Igby“ Slocumb, Jr. (Kieran Culkin) ist niemand, der sich gerne irgendwelchen Regeln und Erwartungen beugt. Anders als sein älterer Bruder Oliver (Ryan Phillippe), der ein vorbildliches Leben führt und der eine glänzende Zukunft vor sich hat, ist Igby aus jeder Schule geflogen, in der er war – bis seine Mutter Mimi (Susan Sarandon), zu der er ein besonders schlechtes Verhältnis hat, auf eine Militärakademie steckte. Aber auch dort hält er es nicht lange aus, weshalb er vorzeitig türmt und nach New York geht, wo sein Patenonkel D.H. Banes (Jeff Goldblum) lebt. Dabei ist es weniger er, an dem er Interesse hat, als vielmehr dessen drogenabhängigen Geliebten Rachel (Amanda Peet), mit der er bald zusammenzieht …

Selbstsuche inmitten des Chaos
Die Teenagerjahre sind die Zeit, in der man bekanntlich – zumindest dem Klischee nach – gegen alles rebelliert, was einem vorgesetzt wird, bestehende Strukturen infrage stellt und lieber seinen eigenen Weg sucht. Doch was, wenn es diese Strukturen nicht so wirklich gibt? Igby Goes Down erzählt von so einem Fall, wenn ein 17-Jähriger einer Familie zu entfliehen versucht, bei der eigentlich gar nichts funktioniert. Der Vater sitzt nach einem Nervenzusammenbruch in einer psychiatrischen Anstalt, die Mutter ist distanziert und neigt zum Trinken, der ältere Bruder ist hingegen so glatt, dass man nicht mal ein Handtuch auf ihn legen könnte, ohne dass es gleich herunterfällt. Keine besonders guten Voraussetzungen.

Auch wenn die Selbstsuche eines Jugendlichen eigentlich das klassische Coming-of-Age-Thema ist, so ganz passt Igby Goes Down dann doch nicht in diese Schublade. Dafür nehmen die Störungen der Familie einen zu großen Platz ein. Mit einer mörderischen, zunächst wenig verständlichen Szene rund um die Mutter geht es los. Kurze Zeit später sieht man, wie der Vater zusammenbricht, was ein ebenso verstörender Anblick ist. Und auch wenn es danach erst einmal ein wenig normaler weitergeht, es gibt sie immer wieder: Momente, in denen etwas kaputt geht, in denen alles sehr hässlich oder bitter wird – nicht zuletzt weil selbst außerhalb der direkten Familie größtenteils Figuren auftauchen, die mindestens kurios, wenn nicht zerstörerisch sind.

Damit hätte Igby Goes Down alles, was es für ein großes Drama braucht. Regisseur und Drehbuchautor Burr Steers (Stolz und Vorurteil & Zombies) hat aber kein wirkliches Interesse daran, einen möglichst realistischen Film zu drehen. Hier ist alles übertrieben, zur Farce verdreht, sowohl in Hinblick auf die Figuren wie auch deren Handlungen. Von den bissigen Dialogen ganz zu schweigen, wenn sich die Leute gegenseitig verbal an die Gurgel gehen. Zusammenhalt ist unter solchen Bedingungen natürlich eher schwierig. Zwar sucht Igby nach einem Platz für sich, meint ihn auch zuerst bei Rachel, später bei Sookie (Claire Danes) gefunden zu haben. Steers zeigt aber Figuren, zeigt eine Gesellschaft, in der es unentwegt Risse gibt und die auseinanderzubrechen droht.

Ein tragikomisches Kaleidoskop voller Eindrücke
Der Film selbst ist dabei ebenso fragmentarisch. Zwar stellt er Igby meistens in den Mittelpunkt als verbindendes Mittel, während um ihn herum dauernd etwas geschieht. Eine geradlinige Reise sieht aber anders aus. Stattdessen gibt es hier ständige Wechsel, welche Figuren jetzt gerade in seinem Leben auftauchen. Das macht es ein wenig schwierig, den Männern und Frauen tatsächlich näher zu kommen, zumal Steers vieles nur am Rande erwähnt oder gleich ganz offen lässt. So werden die Verhältnisse innerhalb der Familie Slocumb nie ganz nachvollziehbar, auch bei den anderen bleiben Fragen offen. Igby Goes Down ist mehr ein Kaleidoskop voller Eindrücke, mal komisch, mal tragisch, als eine wirkliche Geschichte.

Aber es ist eben auch ein sehenswertes Kaleidoskop. Kieran Culkin, der immer im Schatten seines älteren Bruders Macaulay (Kevin – Allein zu Haus) stand, erhielt als stiller, zugleich sturer Jugendlicher nicht unverdient eine Nominierung bei den Golden Globes. Und auch beim Rest des prominenten Ensembles macht es Spaß zuzusehen, allen voran bei der ebenfalls nominierten Susan Sarandon (Lorenzos Öl), die als distanzierte Mutter über allem thront. Wirkliche Erkenntnisse bringt der Film bei seiner Sinnsuche nicht mit sich, abgesehen vielleicht davon, dass andere Familien noch viel kaputter sind. Aber er ist doch unterhaltsam, manchmal auch tatsächlich bewegend, wenn hinter der Farce reale Gefühle hervorschimmern, hinter einer verhärteten Fassade eine Zerbrechlichkeit zum Vorschein tritt.

Credits

OT: „Igby Goes Down“
Land: USA
Jahr: 2002
Regie: Burr Steers
Drehbuch: Burr Steers
Musik: Uwe Fahrenkrog-Petersen
Kamera: Wedigo von Schultzendorff
Besetzung: Kieran Culkin, Claire Danes, Jeff Goldblum, Amanda Peet, Ryan Phillippe, Bill Pullman, Susan Sarandon, Jared Harris

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Film Independent Spirit Awards 2003 Bestes erstes Drehbuch Burr Steers Nominierung
Golden Globe Awards 2003 Bester Hauptdarsteller – Komödie oder Musical Kieran Culkin Nominierung
Beste Nebendarstellerin Susan Sarandon Nominierung

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Igby Goes Down
In „Igby Goes Down“ rebelliert ein Jugendlicher gegen seine Familie, während ihn seine Selbstsuche zu kuriosen bis kaputten Figuren führt. Für einen reinen Coming-of-Age-Film ist hier vieles zu übertrieben, zudem macht die fragmentarische Erzählweise eine Annäherung schwierig. Dafür wird man mit unterhaltsamen, teils auch bewegenden Szenen belohnt, wenn hier wieder und wieder alles zusammenbricht.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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