Kritik

Große Erwartungen Great Expectations 1998

„Große Erwartungen“ // Deutschland-Start: 5. März 1998 (Kino) // 18. April 2006 (DVD)

Seit seiner Kindheit gibt es zwei Dinge, die Finnegan Bell (Ethan Hawke) liebt. Da wäre zum einen die Kunst, er hat schon immer gern gezeichnet und dabei Talent gezeigt. Und dann gab es da noch Estella (Gwyneth Paltrow), die Nichte der exzentrischen Einsiedlerin Nora Dinsmoor (Anne Bancroft), mit der er viel Zeit in dem verfallenen Anwesen verbracht hat. Doch aus den Kindern sind junge Erwachsene geworden, Estella hat Florida verlassen, um zu studieren und die Welt kennenzulernen. Und auch der Kunst hat Finn abgeschworen, stattdessen hilft er Joe (Chris Cooper), dem Ex-Freund seiner Schwester, beim Fischen. Da taucht eines Tages ein Anwalt auf, ein unbekannter Gönner habe ihm viel Geld gegeben, damit Finn nach New York gehen und seinen Traum vom Künstlerdasein nachholen kann …

Schwierige Anfänge

Heute zählt Alfonso Cuarón trotz seines eher überschaubaren Outputs zu den renommiertesten Regisseuren der Gegenwart. Für seine letzten beiden Filme Gravity und Roma erhielt er jeweils einen Oscar für die beste Regie. Insgesamt neun Mal war er, in den verschiedensten Kategorien, für den bedeutendsten Filmpreis nominiert. Dabei waren die ersten internationalen Produktionen des mexikanischen Filmemachers nicht von Erfolg gekrönt. Von Little Princess nahm kaum einer Notiz. Auch Große Erwartungen blieb hinter denselben zurück. Obwohl sehr prominent besetzt und mit einigem Aufwand betrieben, war das Drama an den Kinokassen nur ein moderater Erfolg. Zu groß war wohl auch die Konkurrenz durch das nur wenige Wochen zuvor gestartete Titanic. Auch die Kritik zeigte sich nicht begeistert.

Dabei hat Große Erwartungen durchaus einiges zu bieten. Anfangs bedeutet der Film eine gewisse Umgewöhnung. Den berühmten und mehrfach adaptierten Roman von Charles Dickens aus dem viktorianischen England in die USA von heute zu verlegen, das klingt schon nach einem ziemlichen Sakrileg. Das Artwork mit einer nackten Gwyneth Paltrow, welches eher nach Erotikthriller aussah, ließ auch nicht unbedingt das Beste vermuten. Und doch ist die Adaption auf ihre Weise geglückt, mit den zu erwartenden Abstrichen. Einen Roman von über 500 Seiten auf einen nicht mal zwei Stunden dauernden Film zusammenstauchen zu müssen, das bedeutet eigentlich immer Kompromisse.

Einer davon betrifft den von Robert De Niro gespielten Verbrecher, dem Finn als kleiner Junge einmal begegnet und der nicht mehr als eine Randerscheinung sein darf. Allgemein hat es Cuarón durch die zeitlichen Limitationen eines Films bedingt sehr eilig mit der Geschichte. An manchen Stellen ist die Hektik eine Stärke, wenn von Ort zu Ort, von Zeit zu Zeit gerauscht wird, Große Erwartungen sich dem magischen Realismus annähert. Aber es hat auch Nachteile. Entwicklungen geschehen hier so schnell, dass man sie gar nicht mehr als solche bezeichnen kann. War der Roman die Geschichte eines Jungen bzw. eines jungen Mannes, der seinen Platz in der Welt sucht, bleibt das hier bloße Behauptung. Erschwerend kommt hinzu, dass man bei dem Film keinerlei Zeitgefühl hat.

Der Traum des verwunschenen Ortes

Die inhaltlichen Mängel der Adaption macht das Drumherum aber mehr als wett. Der Höhepunkt sind die Szenen in dem verfallenen Anwesen von Nora Dinsmoor. Aus dem verstaubten und mit Spinnenweben bedeckten Spukschloss der Vorlage wurde ein verwunschener, märchenhafter Ort. Die mit Efeu überwucherte Villa wurde eben nicht ihres Lebens beraubt, ist nicht in ihrer Trauer erstarrt. Aus den Ruinen ist selbst neues Leben erwachsen, an dem Insekten umherschwirren. Erinnerungen umherschwirren. Geister, einer verdrängten Vergangenheit. In dem Zusammenhang ist gerade der Auftritt von Anne Bancroft (Die Reifeprüfung) fantastisch, eine Mischung aus Exzentrik, Trauer, Wut und Humor, unterhaltsam, grotesk und gleichzeitig tragisch.

Der eigentliche Star des Films sind aber die Bilder von Cuaróns Stamm-Kameramann Emmanuel Lubezki. Seine Aufnahmen, sowohl die im ursprünglichen Florida wie im glitzernden New York, sind atemberaubend. In Kombination mit dem typischer 90er Jahre Alternative-Soundtrack nähert sich Große Erwartungen da dem zwei Jahre zuvor veröffentlichten Romeo + Julia an, eine weitere moderne Fassung eines Literaturklassikers. Ein eigener Klassiker ist der Film dabei sicher nicht, dafür baut er in der zweiten Hälfte zu sehr ab. Zumindest phasenweise ist es aber sehr sehenswert, wie die bekannte Geschichte in einen neuen Kontext gepackt wurde. Wie hier Träumen nachgejagt wird, die immer wieder unsanft über Enttäuschungen stolpern, mit weit aufgerissenen Augen eine Welt bestaunt, die so nah und doch unerreichbar ist.

Credits

OT: „Great Expectations“
Land: USA
Jahr: 1998
Regie: Alfonso Cuarón
Drehbuch: Mitch Glazer
Vorlage: Charles Dickens
Musik: Patrick Doyle
Kamera: Emmanuel Lubezki
Besetzung: Ethan Hawke, Gwyneth Paltrow, Anne Bancroft, Robert De Niro, Hank Azaria, Chris Cooper

Bilder

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Große Erwartungen (1998)
„Große Erwartungen“ verlagert den berühmten Roman von Charles Dickens in die Gegenwart, reist vom viktorianischen England in die USA der 1990er. Das Ergebnis ist zumindest teilweise geglückt. Während inhaltlich vieles holprig ist, sind die Bilder wunderbar. Gerade die erste Hälfte mit einer exzentrisch-tragischen Anne Bancroft steckt voller Höhepunkte.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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