Kritik

Das Glück ist ein Vogerl

„Das Glück ist ein Vogerl“ // Deutschland-Start: 16. Dezember (Das Erste)

Für Franz (Simon Schwarz) ist Musik sein Leben. Allerdings kein besonders erfolgreiches: Sein Traum von einer Rockkarriere hat sich nie bewahrheitet, stattdessen schlägt er sich als Musiklehrer für Jugendliche mit überschaubarem Talent durch. Privat läuft es nicht wirklich besser, die Ehe mit Linn (Patricia Aulitzky) kriselt, woran auch die Teilnahme an Selbsthilfeseminaren nicht wirklich etwas ändert. Von Tochter Julie (Lucy Gartner) ganz zu schweigen, die sich gerade mitten in der Pubertät befindet. Doch gerade als Franz denkt, das könnte alles nicht schlimmer kommen, trifft er Egon (Nikolaus Paryla). Der ist zwar nett, aber schon etwas aufdringlich – und nach einem Unfall eigentlich ziemlich tot. Das hindert ihn jedoch nicht daran, als Geist Franz hinterherzulaufen, was für jede Menge Chaos sorgt …

Lasst uns Frieden schließen!
Weihnachten steht Besinnlichkeit bekanntlich hoch im Kurs, die Menschen rücken näher zusammen, versöhnen sich wieder nach den vorangegangenen Turbulenzen. So zumindest das Ideal, das einem auch in den vielen Filmen vorgelebt wird, die zu dem Zeitpunkt auf den Markt geworfen werden. Die müssen dann gar nicht zwangsweise etwas mit Weihnachten zu tun haben. Ob jetzt die Serie Dash & Lily oder der TV-Film Weihnachtstöchter: Den Drehbuchautor*innen reicht es meistens, ihre Geschichte nur irgendwie zu der Zeit spielen zu lassen, der Rest erledigt sich von selbst. Das Zielpublikum soll bei solchen Werken traditionell ja eher weniger Gedanken verschwenden als vielmehr ein bisschen träumen.

Das gilt dann auch für Das Glück ist ein Vogerl, das als Weihnachtskomödie verkauft werden soll, sich selbst aber kaum für das Fest interessiert. Immerhin: Die Bezeichnung Komödie ist, anders als bei so manchem Titel in diesem Segment, tatsächlich einmal angemessen. Das Auftauchen des Geistes wird hier nicht à la Dickens dazu verwendet, um Franz auf eine spirituelle Reise zu schicken, an deren Ende er ein besserer Mensch geworden ist. Wenn Egon nicht mehr aus dem Leben des kriselnden Endvierzigers verschwindet, dann bedeutet das für längere Zeit in erster Linie Chaos. Schließlich ist das schon irritierend, ständig jemanden zu sehen, den es gar nicht gibt – sowohl für den Betroffenen wie auch das Umfeld, das dich daraufhin verständlicherweise für plemplem hält.

Das Motiv des unsichtbaren Begleiters, den nur die Hauptfigur sehen kann, ist natürlich alles andere als neu. Sowohl im Horrorgenre wie auch in Komödien wurde dieses immer mal wieder verwendet, was jedes Mal dazu führt, dass die geistige Gesundheit infrage gestellt wird. Leider verpasst es Das Glück ist ein Vogerl, tatsächlich mehr aus diesem Element zu holen. Vielmehr besteht der Film über weite Strecken aus Variationen ein und desselben Witzes: Franz befindet sich gerade unter Menschen, spricht mit Egon oder reagiert auf dessen Anwesenheit, was die anderen dann auf sich selbst beziehen. Das kann man natürlich machen, wird auf Dauer aber langweilig. Abwechslungsreichtum ist nun wirklich keine Stärke des Films.

Nett, aber oberflächlich
Besser sieht es aus, wenn sich Ingrid Kaltenegger, die den zugrundeliegenden Roman geschrieben und das Drehbuch verfasst hat, sich stärker dem Thema der Selbstentfaltung zuwendet. Franz und Linn sind jeweils in einem Leben gefangen, das ihnen nicht mehr viel zu bieten hat. Das Glück ist ein Vogerl ist kein Film über Weihnachten, ist nur bedingt ein Film über Geister und das Leben nach dem Tod. Vielmehr handelt es sich um eine doppelte Midlife-Crisis-Geschichte, wenn zwei Menschen sich irgendwann fragen: War das schon alles? Während Linn jedoch zumindest versucht, eine neue Perspektive zu gewinnen und etwas Eigenes zu starten, braucht Franz schon ziemlich viel Inspiration von außen, damit er mal in die Gänge kommt.

Das Ergebnis ist dann eine solide Komödie, die dazu ermuntert, die eigenen Träume zu verfolgen und sich eben nicht mit allem abzufinden, was zur Gewohnheit geworden ist. Sympathisch ist das schon, aber auch recht oberflächlich. Der Nebenstrang um die Tochter wird beispielsweise kaum verfolgt, die neue anvisierte Karriere von Linn interessiert irgendwie niemanden. Tatsächlich neue Erkenntnisse wird hier damit wohl keiner gewinnen. Stattdessen gibt es nette Unterhaltung für einen Abend vor dem Fernseher, egal ob der nun gerade festlich geschmückt ist oder man selbst im Alltag feststeckt.

Credits

OT: „Das Glück ist ein Vogerl“
Land: Deutschland, Österreich
Jahr: 2020
Regie: Catalina Molina
Drehbuch: Ingrid Kaltenegger, Christiane Kalss
Vorlage: Ingrid Kaltenegger
Musik: Patrik Lerchmüller
Kamera: Michael Schindegger
Besetzung: Simon Schwarz, Nikolaus Paryla, Patricia Aulitzky, Lucy Gartner, Lino Gaier

Bilder

Trailer



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Das Glück ist ein Vogerl
Ein Mann in der Krise trifft einen kürzlich Verstorbenen, dessen Geist nur er sehen kann: „Das Glück ist ein Vogerl“ kombiniert Fantasy mit Komödie, bei der es vor allem um zwei Menschen geht, deren Leben in einer Sackgasse geendet ist. Das ist nett, aber oberflächlich, der Humor hätte zudem mehr Abwechslungsreichtum gebraucht.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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