Kritik

Castle Rock Staffel 2

„Castle Rock – Staffel 2“ // Deutschland-Start: 26. November 2020 (DVD/Blu-ray)

Lange halten es Annie Wilkes (Lizzy Caplan) und ihre Tochter Joy (Elsie Fisher) nie an einem Platz aus. Aus gutem Grund: Wo auch immer Annie eine Stelle als Krankenschwester beginnt, stiehlt sie eine große Menge an Psychopharmaka, die sie braucht, um ihre alptraumhaften Visionen unter Kontrolle zu bekommen. Doch dieses Mal scheint es anders zu kommen, denn die ihr vorgesetzte Ärztin Dr. Nadia Howlwadaag (Yusra Warsama) hat ihr versprochen, bei ihren Problemen zu helfen. Dabei hat die ursprünglich aus Somalia stammende Medizinerin genügend eigene Probleme. So gerät ihr Bruder Abdi (Barkhad Abdi) immer wieder in Schwierigkeiten, gerade auch mit John „Ace“ Merrill (Paul Sparks), der zusammen mit anderen regelmäßig gegen die somalischen Einwanderer aufhetzt. Eine Gemeinsamkeit haben die zwei jedoch: Sie wurden beide, zusammen mit Nadia und Aces Bruder Chris (Matthew Alan), als Jugendliche von Reginald „Pop“ Merril adoptiert. Der würde die verfeindeten Seiten gern wieder zusammenbringen, ist inzwischen aber schwer krank. Und das eigentliche Übel steht ihnen erst noch bevor, als in der Stadt seltsame Dinge vor sich gehen …

Bekanntes neu zusammengestellt
Unter den vielen Adaptionen, die im Zuge der Renaissance von Stephen King in den letzten Jahren produziert wurden, war Castle Rock sicher eine der interessanteren. Anstatt sich ein konkretes Buch des King of Horrors herauszupicken und für die Leinwand bzw. den Bildschirm umzusetzen, war diese Serie als eine Art Mashup konzipiert. Schon in den Geschichten des Erfolgsautors gab es immer mal wieder Verweise auf andere Werke. Hier wurde das dann auf die Spitze getrieben, indem Elemente verschiedener Romane aufgegriffen und zusammengefügt wurden. Das Endergebnis war jedoch etwas völlig Eigenes: So spielte die erste Staffel zwar maßgeblich in dem Gefängnis, das durch Die Verurteilten berühmt geworden ist, hatte mit dessen Inhalt aber wenig zu tun.

Staffel 2 setzt dieses Prinzip fort, macht die Verweise noch einmal ein bisschen deutlicher, führt dabei aber auch schon mal auf falsche Fährten. Wenn beispielsweise Tim Robbins eine der Hauptrollen übernimmt, dann lässt das erneut auf Die Verurteilten schließen. Stattdessen spielt er aber Reginald „Pop“ Merril, bekannt aus der Kurzgeschichte Zeitraffer, wobei aus dem gierigen Antagonisten eine deutlich ambivalentere Figur wurde. Er ist damit nicht der einzige, auch andere Vorbilder wurden umgedeutet. Am auffälligsten ist das natürlich bei der Krankenschwester Annie Wilkes, die zuvor durch Kathy Bates in Misery berühmt wurde. Aus der sadistischen Stalkerin wurde hier jedoch jemand, der mit starken Halluzinationen zu kämpfen hat und zu einer deutlich tragischeren Figur wird.

Der zweite maßgebliche Einfluss ist Brennen muss Salem, auch wenn dieser erst im weiteren Verlauf deutlich wird. Fans dürfen sich beispielsweise auf das Marsten-Haus freuen, das Gerüchten zufolge ein Spukhaus sein soll. Ohnehin ist Castle Rock erneut vor allem für Leser und Leserinnen Kings gedacht, die mit den diversen Anspielungen etwas anfangen können. Glücklicherweise sind Vorkenntnisse aber keine zwingende Voraussetzung, um hier Spaß zu haben. Gleiches gilt für die erste Staffel, welche gerade zum Ende hin schön in die Geschichte integriert wird, ohne dabei maßgeblich den Verlauf zu beeinflussen. Prinzipiell ist es aufgrund des Anthologie-Charakters möglich, auch einfach mittendrin einzusteigen.

Mehr Drama, weniger Mystery
Ganz vergleichbar sind die beiden Staffeln ohnehin nicht, da ein anderer Schwerpunkt gelegt wurde. So überwog bei den ersten zehn Folgen der Mystery-Faktor, als ein unbekannter junger Mann in einem Käfig gefunden wurde. Staffel 2 ist da doch um einiges direkter. Zwar darf man sich auch hier über längere Zeit Fragen stellen, beispielsweise, was es mit den seltsamen Visionen von Annie auf sich hat. Anders als aber beim Auftakt, der über das Finale hinaus Rätsel aufgibt, wird das meiste hier recht früh aufgeklärt. Dafür gibt es eine größere Dringlichkeit, zusammen mit vereinzelten Actionszenen, wenn das Böse aufgehalten werden muss.

Wobei das Tempo trotz allem eher gering ist. Das liegt zum einen an den zahlreichen Flashbacks, welche sowohl die Vorgeschichte des Mutter-Tochter-Duos wie auch der somalischen Geschwister näher weiter ausführen. Es liegt aber auch daran, dass Castle Rock beim zweiten Anlauf streckenweise mehr Familiendrama ist als wirklicher Mysteryhorror. Dieses ist dafür atmosphärisch dicht, teilweise auch tatsächlich bewegend – gerade das Zusammenspiel von Litty Caplan (Das Boot) und Elsie Fisher (Eighth Grade) hat doch eine Reihe starker Momente. Deswegen ist es auch sehr schade, dass die Serie nach der zweiten Staffel bereits wieder eingestellt wurde. Immerhin endet sie aber auf eine runde Weise, weshalb Fans von King oder der Kombination aus Drama und Übernatürlichem hier einmal reinschauen sollten.

Credits

OT: „Castle Rock“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Greg Yaitanes, Phil Abraham, Anne Sewitsky, Mark Tonderai-Hodges, Loni Peristere, Craig William Macneill, Lisa Brühlmann
Drehbuch: Dustin Thomason, K’naan Warsame, Scott Brown, Obehi Janice, Guy Busick, R. Christopher Murphy, Vince Calandra, Daria Polatin, Michael Olsen, K. Corrine Van Vliet, Scott Brown
Vorlage: Stephen King
Musik: Thomas Newman, Chris Westlake
Kamera: Richard Rutkowski, Jeff Greeley
Besetzung: Lizzy Caplan, Elsie Fisher, Paul Sparks, Barkhad Abdi, Yusra Warsama, Matthew Alan, Tim Robbins

Bilder

Trailer

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Castle Rock – Staffel 2
„Castle Rock“ verbindet erneut diverse Elemente von Stephen King zu etwas Eigenem, wenn ein flüchtiges Mutter-Tochter-Duo auf eine Kleinstadt trifft, in der seltsame Dinge vor sich gehen. Die Serie hat durch die zahlreichen Anspielungen natürlich die Fans des Horror-Autors im Blick. Aber selbst Neulinge können ihren Spaß an der Mischung aus sehr gut gespieltem Familiendrama und Übernatürlichem haben.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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