Eighth Grade

„Eighth Grade“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Kayla Day (Elsie Fisher) weiß, wie man sich und andere motiviert und zu einem besseren Menschen wird. Zumindest ist es das, was sie in ihren YouTube-Videos verkaufen will. Leider hat aber niemand Interesse an denen, ihre Zuschauerzahlen sind erbärmlich. Und auch an der Schule wird sie kaum wahrgenommen: Die beliebte Kennedy (Catherine Oliviere) lädt sie nur auf Druck ihrer Mutter ein, ihr Schwarm Aiden (Luke Prael) weiß nicht einmal, dass es sie gibt, auch die Auszeichnung zum stillsten Mädchen der Klasse ist nicht gerade ein Kompliment. Für Kaylas alleinerziehenden Vater Mark (Josh Hamilton) ist sie zwar sein ein und alles. Doch auch der findet immer weniger Zugang zu der Teenagerin.

Ah, und schon wieder eine US-amerikanische Coming-of-Age-Tragikomödie, die uns zeigen will, was es wirklich bedeutet, heutzutage ein Teenager zu sein. Davon gibt es nicht zu wenige, aus gutem Grund. Jugendliche gibt es schließlich immer. Ebenso Erwachsene, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, ihre eigenen Erfahrungen in dieser Zeit zu teilen oder auch zu verarbeiten. Wenn dann ein neuer Film aus diesem Bereich erscheint, darf man gern gleichgültig sein. Vielleicht auch skeptisch, zumindest im Fall von Eighth Grade: Bo Burnham, durch YouTube-Comedy-Videos bekannt geworden, dreht nun einen Film darüber, wie es sich anfühlt, ein Mädchen in der achten Klasse zu sein. Muss man das sehen? Antwort: ja. Wer auch nur ansatzweise etwas mit dem Thema anfangen kann, findet hier eines der schönsten Beispiele der letzten Jahre, eines der besten Beispiele.

Ich … äh … finde … hmm …
Eighth Grade gelingt das Kunststück, einerseits skurriler und eigenwilliger zu sein als die Konkurrenz, und dabei doch näher am Alltag. Schon der Einstieg verdeutlicht, dass der inzwischen 28-jährige Regie- und Drehbuchdebütant gewillt ist, das Leben in all seinen Facetten zu zeigen. Die von Elsie Fisher verkörperte Jugendliche ist eben ist nicht das Supermodel, das als Alltagsmädchen verkauft werden soll. Kayla hat unreine Haut, keinen Idealkörper. Auch rhetorisch ist sie nicht gerade das Vorzeigeideal: Ihre Vlogs strotzen vor nichtssagenden Einschüben – „um“ und „like“ sind ihre Liebeslings-Nicht-Wörter, schon die Sprache verrät, dass da jemand vor der Kamera steht, der als Motivationstrainerin völlig fehl am Platz ist.

Aber was genau ist der Platz, der Kayla vorbestimmt ist? Das weiß sie selbst nicht. Sie klappert die üblichen Stationen ab, will mit der beliebten Klassen-Queen befreundet sein, träumt von dem schönen Rebellen, sehnt sich nach Anerkennung im Internet. Aber nichts davon klappt so wirklich. Und das, was sie hat bzw. haben könnte – ein fürsorglicher Vater und ein Junge, der nett ist, anstatt nur nett auszusehen –, das interessiert sie erst einmal nicht. Das mag man nun als ein bisschen klischeebeladen ansehen. Tatsächlich folgt Eighth Grade an diesen Stellen doch ziemlich den Genrekonventionen. Doch hier geht das ausnahmsweise in Ordnung, der Film demonstriert schließlich, wie Jugendliche sich durch Druck alle gleich verhalten wollen. Druck von außen. Druck von innen.

Die natürliche Lüge
Das geht mit den üblichen kleinen Lügen einher, die wir anderen erzählen, vielleicht auch uns selbst erzählen. Wenn Kayla sich schminkt, bevor sie ein Selfie von sich im Bett macht – Hashtag: „gerade aufgestanden“ –, dann ist das natürlich amüsant. Aber es zeigt eben auch, wie früh Menschen heute schon Teil einer Selbstoptimierungsmaschinerie werden, immer besser und anders sein müssen, als sie wirklich sind. Die schönsten Momente von Eighth Grade sind dann auch die, wenn die Jugendliche sich doch endlich in ihrer Haut wohl fühlt, so verpickelt die auch sein mag. Wenn sie lernt, dass es nicht auf die Zahl der virtuellen Likes ankommt, sondern die echten. Dass da eben doch mehr in dieser Welt existiert. Das mag für den Zuschauer nicht die große Entdeckung sein, tut hier aber doch dem Herzen gut.

Eine tatsächliche Entdeckung sind dafür Burnham und Fisher. Der Filmemacher hat ein Talent dafür, seine Geschichte selbst ohne große Worte erzählen zu können. Ob nun die besagte Einladung bei der beliebten Klassenschönheit oder die Momente, wenn Kayla am Smartphone hängt – was sie ziemlich oft tut –, die Bilder reichen oft aus. Wobei das natürlich auch ein Verdienst der jungen Schauspielerin ist, deren Darstellung einer verunsicherten Teenagerin so authentisch ist, dass man sich fast selbst schon unwohl fühlt nur vom Zusehen. Eighth Grade, das auf dem Sundance Film Festival 2018 Premiere feierte, macht aus seiner Protagonistin keine Heldin. Kayla ist nett, aber kompliziert. So kompliziert, wie Jugendliche eben sein können, die auf der Suche sind. Und das ist dann eben das Besondere an dem auch musikalisch ungewöhnlichen Film: Er beschönigt nichts, traut sich manchmal, richtig hässlich zu werden. Burnham, der selbst so seine Probleme beim Umgang mit Menschen hatte, zeigt, wie schwierig das Leben sein kann, ohne dabei das große Drama zu brauchen, begegnet seiner jungen Protagonistin mit viel Einfühlungsvermögen und Verständnis – gerade auch dann, wenn sie selbst nichts mehr versteht.

Eighth Grade
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Eighth Grade
„Eighth Grade“ zeigt die üblichen Sorgen eines Teenagers, der nicht weiß, wo er hin gehört und auf der Suche jemand sein will, der er nicht ist. Das ist im Prinzip altbekannt, aber teilweise doch ungewöhnlich präsentiert, vor allem auch ungewöhnlich ehrlich. Nicht zuletzt die wunderbare Darstellung durch Elsie Fisher machen die Coming-of-Age-Tragikomödie zu einer der besten der letzten Jahre.
8von 10

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