Kritik

Alle Nadeln an der Tanne

„Alle Nadeln an der Tanne“ // Deutschland-Start: 17. Dezember 2020 (ZDF)

Weihnachten steht vor der Tür, bei Familie Koslowski laufen die üblichen Vorbereitungen: Da wird der Schmuck aufgehängt, sich dabei kräftig gestritten, so wie es eben jedes Jahr ist. Doch eines ist diesmal anders. Maria (Anna Loos) muss sich um ihren Bruder Moritz Aschbach (Marcus Mittermeier), der nach einem Unfall eine unkontrollierte Persönlichkeitsstörung durchmacht und deswegen in Behandlung ist. Eng ist der Kontakt nicht, eigentlich haben sie sich Jahre schon nicht mehr gesehen. Entsprechend schwierig gestaltet sich das Zusammenleben, zumal es auch noch mit ihrem Mann Kurt (Simon Schwarz) gerade kriselt. Besser klappt es mit den Kindern Felix (Leo Bilicky) und Emily (Jana Münster). Vor allem Letztere setzt sich stark für ihren Onkel ein …

Weihnachten, die Zeit der Krisen
Weihnachten, das bedeutet Plätzchen und Schokolade, geschmückte Häuser – und richtig viele sentimentale Filme im Fernsehen, welche den Zusammenhalt zwischen den Menschen feiern möchten. Das geht dann gerne schon mal mit Kitsch einher, schwülstiger Musik und märchenhaften Auflösungen. Gleichzeitig werden aber auch eine Reihe von Titeln unters Volk gebracht, die eigentlich nicht wirklich etwas mit Weihnachten zu tun haben, sondern nur als solche verkauft werden sollen. Weihnachtstöchter beispielsweise erzählte von drei Halbschwestern, die sich nach dem Tod des Vaters zusammenraufen müssen. Das Glück ist ein Vogerl nutzt das festliche Ambiente wiederum, um einen hartnäckigen Geist und einen verhinderten Musiker doch noch ihr Lebensglück finden zu lassen. Mehr als Deko ist das Fest der Liebe da nicht.

Für Alle Nadeln an der Tanne gilt dasselbe. Auch hier wird mit einem weihnachtlichen Ambiente ein entsprechendes Publikum angelockt, der TV-Film beginnt sogar mit dem festlichen Schmücken. Auf den Inhalt hat das aber alles keinen Einfluss, man vergisst hier recht schnell, dass eigentlich Weihnachten ansteht. Stattdessen geht es um die diversen Krisen, die es innerhalb der Familie gibt. Das betrifft einerseits das Verhältnis zwischen Maria und Kurt, das schon seit Längerem im Argen liegt. Richtig viel investiert der Film aber nicht in diesen Handlungsstrang, der läuft ein bisschen nebenher mit. Der Ehemann spielt in der Geschichte nur eine untergeordnete Rolle.

Umgang mit einem schwierigen Thema
Wichtiger war dem Drehbuchduo Uli Brée (Unzertrennlich nach Verona) und Rupert Henning, die Geschichte von Moritz zu erzählen. Das kommt etwas unerwartet. So wird zwar in Weihnachtsfilmen, auch den nur vorgeblichen, gerne mal schwierigere Schicksale dargestellt. Psychische Erkrankungen, die so stark sind, dass man sie ärztlich behandeln muss, sind da aber schon ein Ausnahmefall. Das ist er auch bei den Koslowskis, die – nicht zuletzt wegen der Entfremdung der Geschwister – mit der Situation überfordert sind. Am guten Willen mangelt es dabei gar nicht so sehr. Vielmehr wissen sie einfach nicht, wie sie sich verhalten sollen, was die richtige Reaktion auf die Probleme von Moritz wäre und ob es diese richtige Reaktion überhaupt gibt.

Das Ganze wird dann zwar an der konkreten Familie festgemacht, bezogen auch auf den Unfall, der den Wechsel in Moritz ausgelöst hat. Darüber hinaus hat der Film aber natürlich schon eine gewisse Signalwirkung. In Alle Nadeln an der Tanne geht es darum, wie wir Menschen integrieren können, die auf ihre Weise anders sind. Der Bruder soll hier eben nicht einfach nur weggesperrt und mit Medikamenten ruhig gestellt werden. Das bedeutet aber auch, sich allem stellen zu müssen, Tabus aufzuheben, stärker hinter die Fassade zu blicken. Für die Familie ist das ein nicht einfacher Lernprozess, da Krisen bislang nicht wirklich offen angesprochen wurde, diese sich eher anderweitig ihren Weg nach draußen suchten.

So richtig witzig ist das nicht, auch wenn Alle Nadeln an der Tanne als Komödie verkauft wird. Wer unterhaltsame Weihnachtsaction sucht, wird hier also gleich in zweifacher Hinsicht etwas im Regen stehen gelassen. Aber es gibt doch eine Reihe schöner, berührender Momente, ohne sich dabei gleich in den Kitsch zu stürzen. Zum Ende hin muss das Ganze wieder etwas schnell zu einem Abschluss geführt werden, der öffentlich-rechtliche Sendeslot lässt da nicht mehr zu. Außerdem fehlt zwangsläufig eine längerfristige Perspektive, der Film macht nur eine Momentaufnahme und setzt sonst auf das Prinzip Hoffnung. Im Bereich der weihnachtlichen TV-Produktionen ist diese hier aber auch so eine der interessanteren.

Credits

OT: „Alle Nadeln an der Tanne“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Mirjam Unger
Drehbuch: Uli Brée, Rupert Henning
Musik: Iva Zabkar
Kamera: Sebastian Thaler
Besetzung: Anna Loos, Marcus Mittermeier, Simon Schwarz, Leo Bilicky, Jana Münster

Bilder

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Alle Nadeln an der Tanne
„Alle Nadeln an der Tanne“ zeigt eine Familie, die kurz vor Weihnachten einen Bruder bei sich aufnahmen muss, der nach einem Unfall unter diversen neurologischen Schwierigkeiten leidet. Das hat mit Weihnachten zwar nicht viel zu tun, ist auch nicht so komisch, wie im Vorfeld behauptet, hat aber doch einige schöne Szenen rund um die Frage, wie wir Menschen begegnen und integrieren können, die anders funktionieren.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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