Kritik

Vienna Blood

„Vienna Blood“ // Deutschland-Start: 15. November 2020 (ZDF)

Wien, 1906: Der Tod einer Wahrsagerin gibt der Polizei Rätsel auf. Zwar deuten die Zeichen darauf hin, dass sie Selbstmord begangen hat. Doch der ermittelnde Inspektor Oskar Rheinhardt (Juergen Maurer) glaubt nicht an diese Theorie, ebenso wenig daran, dass irgendwelche übernatürlichen Kräfte am Werk waren. Also bittet er den jungen Arzt und Psychoanalytiker Dr. Max Liebermann (Matthew Beard) um Hilfe, ein Anhänger Sigmund Freunds, der sich unkonventioneller Methoden bedient, um tief in die menschliche Seele zu blicken. Gemeinsam machen sie sich nicht nur auf die Suche nach dem Mörder der Wahrsagerin. Es wird auch in Folge mehrere Gelegenheiten geben, mysteriöse Morde aufzuklären …

Einige Monate ist es her, dass in Freud der berühmte Psychoanalytiker auf Mörderjagd ging, nun darf einer seiner Schüler das Werk fortsetzen. Wobei die beiden Serien nur zum Teil miteinander zu vergleichen sind. Vienna Blood spielt zwar ebenfalls in der österreichischen Hauptstadt und nutzt die Erkenntnisse der Psychologie, um Rätseln auf den Grund zu gehen. Während der Netflix-Kollege jedoch den Krimiaspekt mit übernatürlichen Elementen anreicherte und man sich deshalb nie so ganz sicher sein konnte, was denn nun real ist und was nicht, da ist man hier bodenständiger – zumindest was die Erklärungen der Vorfälle angeht.

Ein skurriles Duo auf Mörderjagd
Dafür gibt es in Vienna Blood deutlich mehr Humor. Das ist nicht wirklich ein Wunder, hat Serienschöpfer und Drehbuchautor Steve Thompson doch zuvor an mehreren Episoden von Sherlock mitgearbeitet. Und tatsächlich wird die Kultserie gern herangezogen bei der Beschreibung der britisch-österreichischen Coproduktion. Einige Punkte wie der besagte Humor, der sehr auf skurrile Figuren vertraut, oder auch der Hang zum stilisierten Hyperrealismus sind schon recht ähnlich. Außerdem geht es in beiden Serien um zwei recht unterschiedliche Männer, die auf ungewöhnliche Weise Kriminalfälle lösen und damit ihr Umfeld immer mal wieder vor den Kopf stoßen.

Um eine reine Kopie handelt es sich jedoch nicht. Zum einen ist das Verhältnis zwischen den beiden Figuren ein anderes. Wo bei Sherlock oder auch anderen Interpretationen des Meisterdetektivs dieser alles dominiert, da ist Liebermann vergleichsweise zurückhaltend. Anfangs gibt es noch ein paar Beispiele, wie es zu Reibungen kommt. Aber sie sind harmlos. Liebermann hat zwar eigene Ansichten, ist aber kein egozentrischer Soziopath, der auf alle anderen herabblickt. Keine Diva, die jeden verbal auseinandernimmt, der das Pech hatte, in seine Nähe zu geraten. Die drei Folgen der ersten Staffel sind insgesamt auch sehr viel weniger auf den Protagonisten fixiert.

Spaßiges Zeitporträt
Ob das jetzt gut oder schlecht ist, hängt stark davon ab, welche Erwartungen man die Serie hat. Die beiden Hauptfiguren sind weniger prägnant als bei der Konkurrenz. Während man sich Letztere allein schon wegen der zwischenmenschlichen Komponente anschauen konnte, Spaß dabei hatte, wie Holmes über jeden herfällt, da ist Vienna Blood sehr viel gewöhnlicher. Dafür sind die Fälle interessanter. Die Adaption einer Buchreihe von Frank Tallis gefällt durch ungewöhnliche Szenarien und zum Teil überraschende Auflösungen. Der Weg dorthin ist zwar ein bisschen holprig und überhastet, weshalb man als Zuschauer praktisch keine Chance hat, irgendwie selbst den Fall zu lösen. Der Rätselfaktor stimmt aber, sowohl bei dem Mord an der Wahrsagerin in der Folge Die letzte Séance wie auch dem Serienmord in Königin der Nacht und dem Finale Der verlorene Sohn, das mit einem versuchten Selbstmord eines Jungen beginnt.

Aber es ist auch das Drumherum, was bei der Serie für einen gehobenen Unterhaltungsfaktor sorgt. So gibt es schöne Bilder und eine liebevolle Ausstattung zu begutachten, ein Ensemble, das genau weiß, wie absurd vieles von dem ist, was hier geschieht. Außerdem wird Vienna Blood zu einer Art Zeit- und Gesellschaftsporträt, wenn unter anderem Antisemitismus und die grausame Behandlung psychisch Kranker thematisiert wird. Bei der bereits geplanten zweiten Staffel darf es in diese Richtung gern noch weitergehen. Andere Schwachpunkte wie eine mangelnde Konsequenz – etwa in Hinblick auf die psychologische Ausrichtung der Serie – sollten dann im Idealfall aber schon angegangen werden. Die Grundlagen stimmen zumindest schon mal und machen Lust auf mehr.

Credits

OT: „Vienna Blood“
Land: UK, Österreich
Jahr: 2019
Regie: Robert Dornhelm, Umut Dağ
Drehbuch: Steve Thompson
Vorlage: Frank Tallis
Musik: Roman Kariolou
Kamera: Andreas Thalhammer, Xiaosu Han
Besetzung: Juergen Maurer, Matthew Beard, Luise von Finckh, Jessica De Gouw, Amelia Bullmore, Charlene McKenna, Oliver Stokowsk, Raphael von Bargen

Bilder

Trailer

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Vienna Blood – Staffel 1
„Vienna Blood“ nimmt uns mit ins Wien des frühen 20. Jahrhunderts, wenn ein Polizist und ein Psychoanalytiker rätselhafte Fälle lösen. Die Krimiserie ist durchaus spaßig, gefällt durch Humor, Ausstattung und ein Ensemble, das sich der eigenen Absurdität bewusst ist. Sie hätte gern aber noch konsequenter sein dürfen, gerade beim Aspekt der Psychologie.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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