Kritik

Victoria 2020

„Victoria“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Die Stadt California City ist nach Los Angeles und San Diego flächenmäßig die drittgrößte Stadt Kaliforniens. Doch die Straßen der von Immobilienentwickler Nathan Mendelssohn 1958 gegründeten Stadt sind unbebaut und verlassen. Links und rechts der Wege sieht man Wüste, soweit das Auge reicht. Einer der wenigen Einwohner von Cal City ist der junge Erwachsene Lashay T. Warren. Mit seiner Familie ist er in die Geisterstadt in der Mojave-Wüste gezogen, um dem hektischen und für ihn oft gefährlichen Leben in Los Angeles zu entkommen. California City soll den Start eines neuen Lebens für ihn markieren, dort will er seinen Schulabschluss nachholen und Arbeit finden. Vor der Wüstenkulisse der gescheiterten Stadt muss er zunächst aber auch mit seiner schmerzhaften Vergangenheit auseinandersetzen.

Ein Steppenläufer weht durch das Bild. Es fühle sich ein bisschen wie im Zeichentrickfilm Feivel, der Mausewanderer im Wilden Westen, sagt Protagonist Lashay. Und tatsächlich scheint es für einen kurzen Augenblick so, als könnte die erste Einstellung in Victoria der Beginn eines klassischen amerikanischen Westerns sein. „In Los Angeles hätte es das nicht gegeben“, schiebt Lashay hinterher. Und gibt damit den Ton für den Rest des Films an. California City, der Gegenstand der Dokumentation, war als Rivale zur Millionenstadt Los Angeles gedacht. Auf der anderen Seite der San Gabriel Mountains sollte eine Metropole inmitten der Mojave-Wüste entstehen. Auf 530 Quadratkilometern wurden Straßen gebaut, Elektrizität und Wasserversorgung eingerichtet. Doch die Menschen entschieden sich gegen California City und zogen die Pazifikküste der Wüste vor.

Zwischen Gefängnis und Golfplatz
Lashay, dessen Erzählperspektive im Film eingenommen wird, ist den umgekehrten Weg gegangen und hat Los Angeles für einen Job und Ausbildung in California City verlassen. Fast schon poetisch erzählt er im Film in Monologen von seinem Lebensweg. Als Erzähler legt Lashay besonderen Wert darauf, nicht nur seine eigene Geschichte zu erzählen, sondern auch die anderen Bewohner von Cal City mit einzubeziehen. Auf diese Art wird der der Film zu einem Zeugnis über die zunehmende soziale Spaltung in den USA. Lashay und die anderen Bewohner scheinen in der Wüste des eigentlich wohlhabenden Kaliforniens vollständig auf sich allein gestellt zu sein. Die Mehrzahl der Einwohner von Cal City sind arm, einer der  größten Arbeitgeber ist das örtliche Staatsgefängnis. Öffentlichen Nahverkehr gibt es nicht, und da sich viele kein Auto leisten können, müssen Lashay und seine Bekannten die weiten Wege in der Stadt zu Fuß begehen. Eine besonders deutliche Sprache spricht der Golfplatz, den Lashay täglich als Abkürzung auf dem Weg zur Arbeit überquert. Der Platz sticht wie eine grüne Oase aus der vertrockneten gelb-braunen Umgebung hervor. Man sieht einen Gärtner, der mit einem Rasentraktor das Grün instand hält. Golfer gebe es trotzdem nur selten, berichtet Lashay.

Worum es den Filmemacherinnen Sofie Benoot, Liesbeth De Ceulaer und Isabelle Tollenaere bei Victoria geht, ist jedoch nicht immer ganz klar. Zu wenig wird über die Geschichte von California City oder die Gründe des Scheiterns berichtet. Aber auch Lashays Erzählungen kratzen nur an der Oberfläche seiner Geschichte und wirken an entscheidenden Punkten unvollständig. In Teilen macht die Dokumentation den Eindruck, als wären die Filmemacherinnen auf einem Roadtrip vom Weg abgekommen und hätten zufällig in California City vor Lashays Haus ihre Kameras ausgepackt. Das führt zu einem besonders nahen und unmittelbaren Einblick in das Leben der  Bewohner von Cal City, sorgt aber auch dafür, dass viele Fragen unbeantwortet bleiben.

Wunderschöne Bildcollagen
Durchweg überzeugend ist dagegen die Bildsprache. Konsequent wird Wert darauf gelegt, dass die Stadt mit den Augen der Bewohnerinnen und Bewohner gezeigt wird. Collagenartig wechseln sich Videos von Lashays Smartphone mit Aufnahmen von Natur und Bewohnern ab. Und diese machen das Beste aus ihrer prekären Wohnsituation. Aus geplatzten Wasserrohren werden Geysire inmitten der Wüstenlandschaft und die Kojoten, Schlangen und Spinnen fester Bestandteil der täglichen Safari, auf die sich die Einwohner von Cal City begeben. Das wunderschöne Bergpanorama, welches den Hintergrund von Cal City bietet, sei ein Anblick, der den Bewohnern von Los Angeles angesichts von Smog und Wolkenkratzern verwehrt bliebe.

Seine Premiere feierte Victoria in diesem Jahr auf der Berlinale. Gleich drei Regisseurinnen waren gleichberechtigt am Drehen der Dokumentation beteiligt. Eine von ihnen, Liesbeth de Ceulaer, betont im Interview mit dem Transit Filmfest, dass es den drei Filmmacherinnen wichtig sei, neue Wege des Regieführens zu ergründen und mit bekannten Mustern zu brechen. Mit der besonderen Erzählstruktur und einer außergewöhnlichen Mischung aus Homevideos und Naturaufnahmen ist ihnen das bei der Dokumentation Victoria zweifellos gelungen.

Credits

OT: „Victoria“
Land: Belgien
Jahr: 2020
Regie: Sofie Benoot, Liesbeth De Ceulaer, Isabelle Tollenaere
Drehbuch: Sofie Benoot, Liesbeth De Ceulaer, Isabelle Tollenaere
Musik: Kwinten Van Laethem
Kamera:  Isabelle Tollenaere

Trailer

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Victoria (2020)
„Victoria“ ist eine besondere Dokumentation über die Geisterstadt California City. Anstatt viel Zeit auf Geschichte, Geo- und Soziographie des Ortes zu verschwenden, kommen die Bewohnerinnen und Bewohner direkt zur Sprache. Obwohl Zusammenhang und Zweck der Berichte manchmal nicht ganz eindeutig sind, kann der Film mit besonderer Bildsprache und einem außergewöhnlichen Erzählstil überzeugen.
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