Kritik

Our Lady of the Nile Notre-Dame du Nil

„Our Lady of the Nile“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Die Mädchen in dem katholischen Internat Notre-Dame du Nil, welches sich in den Bergen Ruandas befindet, werden mit eiserner Strenge, aber doch wohl behütet erzogen. Dort träumen sie vom Leben und der Liebe, von der Zukunft, die vielleicht irgendwann außerhalb der Mauern auf sie warten wird. Dabei ist diese alles andere als rosig, zumindest für einige von ihnen: Die Schülerinnen der Tutsi-Minderheit bekommen 1973 nach und nach zu spüren, wie sie zur Zielscheibe der Hutu werden, welche die Mehrheit stellen. Und es wird nicht bei der Ausgrenzung bleiben, denn die Spannungen werden stärker, ebenso die Gewaltbereitschaft …

Die Geschichte eines Massenmords
Es gehört leider zu den traurigen Wahrheiten, dass Ereignisse in Afrika den Rest der Welt eher weniger interessieren. Die zahlreichen Krisen, die sich dort abspielen, Hungersnöte oder auch Bürgerkriege, bekommen kaum Aufmerksamkeit, sofern nicht gerade in deren Folge Flüchtlingswellen nach Europa schwappen oder andere direkte Auswirkungen zu spüren sind. Eine der größten Krisen war 1994 der Völkermord in Ruanda, in dessen Rahmen bis zu einer Millionen Menschen getötet werden. Ein Großteil davon gehörte den Tutsi an, aber auch viele Hutus mussten sterben, weil sie sich nicht an dem Genozid beteiligen wollten. Und auch wenn das inzwischen schon viele Jahre zurück liegt, der Massenmord hat tiefe Spuren hinterlassen.

Dabei war die Katastrophe natürlich kein spontanes Ereignis, sondern nur der traurige Höhepunkt eines schon lange schwelenden Konfliktes. Das zeigt auch Our Lady of the Nile. Basierend auf dem autobiografischen Roman von Scholastique Mukasonga erzählt das Drama von den wachsenden Spannungen in den 1970ern, die schon damals zu blutigen Auseinandersetzungen führten. Jedoch stellt der Film keine der Entscheidungsträger in den Mittelpunkt, weder militärische, noch politische. Stattdessen spielt ein Großteil der Geschichte in dem Internat, in dem ganz normale Jugendliche zur Schule gehen, die ganz normale Träume, Sorgen und Bedürfnisse haben – bis das Leben nicht mehr normal ist.

Das Ende der Unschuld
Bis es so weit ist, dauert es jedoch eine ganze Weile. Das Drama, welches auf dem Toronto International Film Festival 2019 Premiere hatte, ist zunächst eigentlich im Coming-of-Age-Umfeld angesiedelt, weshalb es bei der Berlinale in der Jugend-Sektion Generation lief. Trotz der räumlichen und zeitlichen Distanz findet man sich ganz gut in dem Geschehen wieder, einiges ist doch universell, wobei die Vielzahl an Figuren eine direkte Identifikation etwas erschwert. Dafür gibt es wunderbare Aufnahmen der Natur- und Waldlandschaft, die dem Film eine leicht märchenhaft-traumartige Atmosphäre verleihen, aber auch ein wenig gespenstisch. So als wäre das alles nicht real.

Doch nach und nach wird deutlich, wie real das alles ist. Der in mehrere Kapitel unterteilte Film zeigt auf, wie die anfängliche Unschuld immer weiter verloren geht, wie sich das Geschehen außerhalb des Internats auch darin auswirkt. Dabei ist Regisseur und Co-Autor Atiq Rahimi niemand, der alles haarklein erklären und aufdröseln will. Die Geschichte der beiden konkurrierenden Volksgruppen wird nicht ausgeführt. Die Auswirkungen der Kolonisierung, der übergestülpten Religion und Überzeugungen sind fest mit dem Alltag verwachsen, ohne dass darüber gesprochen wird oder überhaupt ein Bewusstsein existiert. Damit hat Our Lady of the Nile auch etwas Fatalistisches, wenn wir Zeuge einer Entwicklung werden, die immer mehr an Fahrt aufnimmt, ohne dass wir sie verhindern können. Eine Entwicklung, die schon im Kleinen erahnen lässt, wie grausam es zwei Jahrzehnte später zugehen wird.

Credits

OT: „Notre-Dame du Nil“
Land: Frankreich, Belgien, Ruanda
Jahr: 2019
Regie: Atiq Rahimi
Drehbuch: Atiq Rahimi, Ramata Toulaye-Sy
Vorlage: Scholastique Mukasonga
Musik: Christopher Lennertz, Philip White
Kamera: Thierry Arbogast
Besetzung: Santa Amanda Mugabekazi, Albina Sydney Kirenga, Angel Uwamahoro, Clariella Bizimana, Belinda Rubango Simbi, Ange Elsie Ineza, Kelly Umuganwa Teta, Pascal Greggory, Carole Trévoux

Trailer

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Our Lady of the Nile
„Our Lady of the Nile“ nimmt uns mit in das Jahr 1973 und erzählt von Mädchen in einem Internat in Ruanda. Das beginnt als universelles, aber auch etwas traumartiges Coming-of-Age-Drama, in dem sich zunehmend dunkle Schatten ausbreiten, als Vorbote einer späteren Katastrophe. Ein Film, der gleichzeitig die Folgen der Vergangenheit aufzeigt, selbst wenn sich nicht alle dieser bewusst sind.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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