Kritik

Die sieben schwarzen Noten The Psychic Sette Note in Nero

„Die sieben schwarzen Noten“ // Deutschland-Start: 1. Dezember 2014 (DVD/Blu-ray)

Virginia (Jennifer O’Neill) ist verheiratet mit dem reichen Geschäftsmann Francesco Ducci (Gianni Garko), dessen Arbeit ihn nach ganz Europa reisen lässt, während seine Frau meist daheim bleibt. Eigentlich könnte es ein unbeschwertes Leben sein, doch Virginia wird schon seit ihrer Kindheit von Visionen verstörender Bilder von Gewalttaten geplagt. Seit Jahren versucht sie zusammen mit dem Parapsychologen Luca Fattori (Marc Porel), sich die Visionen zu erklären, aber der Psychologe ist mittlerweile eher genervt von den Ansätzen seiner Patientin und meint, sie sei entweder gestresst oder sie hätte zu viel Zeit. Jedoch lässt ihre neueste Vision Virginia keine Ruhe, denn die Bilder einer ermordeten Frau, die in der Wand eines Zimmers eingemauert ist, lassen sie nicht mehr lost und sie vermutet das Zimmer in dem schon lange ungenutzten Landhaus ihres Gatten. Als sie schließlich ihren Mut zusammennimmt und die Wand in einem der Zimmer aufreißt, macht sie einen grausigen Fund, denn dahinter verbirgt sich ein Skelett. Zwar halten die Polizisten nichts von den Visionen Virginias, haben aber schnell ihren Mann als Hauptverdächtigen im Visier. Jedoch war es nicht Francesco, den Virginia in ihren Visionen sah, doch da ihr niemand Glauben schenkt, macht sie sich schließlich eigenmächtig auf die Suche nach dem wahren Täter und der Bedeutung der Bilder, die sie nach wie vor heimsuchen.

Vernunft und Konflikt
Nach Filmen wie Don’t Torture a Duckling – Quäle nie ein Kind zum Scherz galt Lucio Fulci neben Dario Argento und Mario Bava als eine weitere Koryphäe innerhalb des italienischen Genrekinos, mit denen vielen Produzenten gerne zusammenarbeiten wollten. Jedoch wusste Luigi De Laurentiis nicht so recht, was er mit Die sieben schwarzen Noten anfangen sollte, verwendete Fulci zwar auf der einen Seite Elemente des italienischen Thrillers, des Giallo, doch wich dann aber wieder erzählerisch und stilistisch von dessen Formel ab, sodass der Film, nach Angaben Fulcis, über ein Jahr in der „Produktionshölle“ verblieb. Als der Film dann endlich in die Kinos kam, wurde er als ein Werk gepriesen, welches nicht nur für eine neue Stufe innerhalb der Karriere des Regisseurs steht, sondern zudem kunstvoll Traum und Wirklichkeit vermischt in einer Geschichte über die Grenzen des Erklärbaren mit vielen Verweisen auf das Werk Edgar Allen Poes oder die Filme Alfred Hitchcocks.

Ein zentraler Aspekt der Geschichte ergibt sich aus dem Konflikt des Rational-Erklärbarem und dem Übersinnlichen und dem Ambivalenten. Wie viele Protagonisten, gerade im Giallo, erfährt auch eine Figur wie Virginia Ablehnung gegenüber ihren Ängsten, welche immer wieder in ein Format gepresst werden, das diese erklärbar macht und in den Rahmen der Wirklichkeit einordnet. Das Geheimnis hinter den Bildern, die Virginia nicht mehr loslassen, ist gleichzeitig ein Schlüssel zu ihrem Selbst, zu ihrer Vergangenheit, was sich einem rationalen, festen Strukturen folgenden Rahmen widersetzt, und damit naturgemäß mit einem System aneinandergerät, welches auf Basis von objektiv fehlbaren Fakten einen vermeintlichen Mörder überführt.

Bilder eines Mordes
Dabei ist die Natur der Bilder, deren Ursprung und Deutung für die Protagonisten selbst ein Rätsel. Sam Dalmas in Dario Argentos Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe sieht einen Mord, doch die Endlosschleife der Bilder wird für ihn zu einer Obsession, zu einem Whodunit, wenn man so will, oder einer Wirklichkeit, hinter der sich eine weitere Ebene der Wahrnehmung verbirgt. Ähnlich ergeht es Virginia, für die das Eintauchen in die Bilder bereits früh gleichgesetzt wird mit dem Eintauchen in einer tiefen Dunkelheit, einem Verschleiern der Wirklichkeit, was in vielen Teilen der Handlung von Die sieben schwarzen Noten etwas Traumhaftes, beinahe Surreales gibt. Dieser Aspekt ist typisch für das filmische Schaffen Fulcis und stellt formal und erzählerisch das Fundament für Werke wie Über dem Jenseits (The Beyond) oder Ein Zombie hing am Glockenseil (City of the Living Dead).

Über die Bildebene gelingt Fulci auch jener Schritt über den Giallo hinaus, dessen formale Details, wie die schwarzen Handschuhe des Killers, er zwar noch einfließen lässt, aber letztlich weit über die Suche nach einem Mörder hinausgeht. Vielmehr zeigt sich die Brüchigkeit einer Wirklichkeit, hinter der im wahrsten Sinne des Wortes Leichen verborgen sind.

Credits

OT: „Sette Note in Nero“
IT: „The Psychic“
Land: Italien
Jahr: 1977
Regie: Lucio Fulci
Drehbuch: Lucio Fulci, Roberto Gianvitti, Dardano Sacchetti
Musik: Franco Bixio, Fabio Frizzi, Vince Tempera
Kamera: Sergio Salvati
Besetzung: Jennifer O’Neill, Gianni Garko, Marc Porel, Gabriele Ferzetti, Evelyn Stewart

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Die sieben schwarzen Noten
„Die sieben schwarzen Noten“ ist ein kunstvoll inszenierter Thriller von Lucio Fulci. Auf formaler und erzählerischer Ebene dem Giallo zugeordnet, hat die Geschichte um eine von albtraumhaften Visionen verfolgte Frau mehr zu bieten als die Suche nach einem Mörder, wird sie nach einiger Zeit vielmehr eine Suche nach einer neuen Wirklichkeit, die sich hinter dem Deckmantel der Realität und des Erklärbaren verbirgt.
8von 10

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