Kritik

L‘uccello dalle piume di cristallo Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe

„Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ // Deutschland-Start: 24. Juni 1970 (Kino) // 2. Oktober 2020 (DVD/Blu-ray)

Um für seine Arbeit als Schriftsteller neue Inspiration zu bekommen, hat sich Sam Dalmas (Tony Rusante) für eine Weile nach Rom zurückgezogen. Auf dem Nachhauseweg von einem Job wird er zufällig Zeuge einer brutalen Szene in einem Geschäft auf der anderen Straßenseite: eine junge Frau wird von einem maskierten Angreifer, gekleidet in einer schwarzen Robe, attackiert. Auch wenn ihn das Schaufenster der Galerie, in dem das Verbrechen stattfindet, davon abhält, direkt einzugreifen, gelingt es ihm, den Angreifer in die Flucht zu schlagen, der die Frau schwer verwundet zurücklässt. Wie sich herausstellt, handelt es sich bei dem Opfer um die Frau des Inhabers der Galerie und dank der Hilfe von Dalmas kann sie von den eintreffenden Polizisten und Sanitätern gerettet werden. Zudem ist sich der ermittelnde Beamte Inspektor Morosini (Enrico Maria Salerno) sicher, dass es sich bei dem Angreifer um jenen Serienmörder handelt, der bereits seit einiger Zeit sein Unwesen in Rom treibt. Da Sam nun als wichtiger Zeuge  das Land nicht mehr verlassen kann, beschließt er, der Polizei zu helfen. Zusammen mit seiner Freundin Giulia (Suzy Kendall) versucht er aus der Erinnerung an den Angriff etwas zu entziehen, was die Identität des Mörders oder zumindest einen Hinweis auf diese preisgeben könnte. Damit begeben sich die beiden in große Gefahr, denn der Mörder hat bereits ein Auge auf die beiden geworfen.

Der Fluch der Bilder
Auch wenn es über die Ursprünge des giallo unter Filmfans wie auch Kritikern bisweilen heftige Diskussionen gibt, so ist doch unbestritten, das mit Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe Dario Argento eine Art Blaupause für diese besondere Mischung von Thriller- und Horrorelementen lieferte. Nach einer Karriere als Filmkritiker und Autor beschloss Argento gegen Ende der 1960er Jahre, dass er den entscheidenden Schritt machen würde und seinen ersten Film inszenieren würde, der das europäische Kino nachhaltig prägen würde und dessen Spuren im Werk von Regisseuren wie Wes Craven oder Eli Roth zu finden sind. Darüber hinaus zeigten sich eben jene Themen, welche das Fundament für die weiteren Filme Argentos legen würden, die Verbindung von Hilflosigkeit angesichts eines Verbrechens sowie die Obsession der Charaktere mit den Bildern einer Bluttat.

Gerade jene wiederkehrenden, teils albtraumhaften Visionen eines Verbrechens werden zu einer ungesunden Leidenschaft für Figuren wie Sam Dalmas. Der von Tony Rusante gespielte Charakter ist einer in einer langen Reihe von Figuren, die aus dem künstlerischen Bereich kommen und deren Kerngeschäft schon von jeher aus starken, expressiven Bildern besteht. In seinem Essay The Bird with the Crystal Plumage: An Appreciation beschreibt Michael Mackenzie, inwiefern man Dalmas mit dem Protagonisten von Michelangelo Antonionis Blow-Up vergleichen kann, dessen Fixierung auf ein bestimmtes Bild ebenfalls eine dunkle Seite offenbart und diesen in große Gefahr bringt. Die Visionen der Tat wie auch der Fund eines verstörenden Gemäldes dienen Dalmas als Spuren, aber befriedigen auch eine Faszination mit dem Verbrechen, dessen Aufklärung nicht mehr länger nur eine Leidenschaft geworden ist, sondern einer Art Triebbefriedigung gleichkommt.

Impressionen aus einem Käfig
Daneben ist es die Erfahrung der eigenen Hilflosigkeit, die zum Antrieb des Protagonisten wird. Von der Anlage her schon eher ein Zuschauer, also jemand, der sich Verbrechen alleine in seiner Imagination ausdenkt, ist die Idee der Handlungsunfähigkeit bezeichnend wie auch verstörend. Eingeschlossen zwischen zwei Glastüren muss er zusehen, wie eine Frau angegriffen wird und ihren Schreien lauschen bis die Rettungskräfte letztlich eintreffen. Die Erfahrung vernarbt Dalmas, verstört ihn nachhaltig, wie man an den bereits erwähnten wiederkehrenden Visionen der Tat sehen kann.

Immer wieder kehrt Argento zu dieser Erfahrung zurück, spiegelt sie wider in zahlreichen Bildern, wie beispielsweise des im italienischen Originaltitel angesprochenen Vogels in einem Käfig. So sind die Opfer des Mörders wie auch Sam Dalmas selbst immer wieder in Situationen, in denen sie eingeschlossen sind. Die Ästhetik der Morde, die für den giallo üblich, einer gewissen Spannungsstruktur folgen, sind geprägt von einer spezifischen Raumdramaturgie, einem Übergang in enge, dunkle Gassen oder Apartments, welche dem Opfer immer weniger Zufluchtsmöglichkeiten lassen.

Credits

OT: „L’uccello dalle piume di cristallo“
Land: Italien, Deutschland
Jahr: 1970
Regie: Dario Argento
Drehbuch: Dario Argento
Vorlage: Bryan Edgar Wallace
Musik: Ennio Morricone
Kamera: Vittorio Storaro
Besetzung: Tony Musante, Suzy Kendall, Enrico Maria Salerno, Eva Renzi

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Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe
„Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ ist eine spannende und visuell berauschende Mischung von Horror- und Thrillerelementen. Dario Argento liefert den Prototypen des europäischen giallo ab, eine Geschichte über Obsession und Gewalt, die besonders in ästhetischer Hinsicht überzeugt.
8von 10

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