Kritik

Die purpurnen Flüsse Les rivières pourpres Staffel 2

„Die purpurnen Flüsse – Staffel 2“ // Deutschland-Start: 16. November 2020 (ZDF) 4. Dezember 2020 (DVD/Blu-ray)

Wenn Pierre Niémans (Olivier Marchal) und Camille Delaunay (Erika Sainte) an einen Tatort gerufen werden, dann steht von vornherein fest, dass es sich um einen nicht ganz alltäglichen Fall handeln muss. Schließlich arbeiten sie im Zentralbüro für Gewaltverbrechen, das immer dann um Hilfe gebeten wird, wenn die örtliche Polizei überfordert ist. Und so reist das erfahrene Ermittlerduos durchs Land, besonders die entlegeneren Regionen Frankreichs. An Einsätzen mangelt es ihnen dabei nicht, immer wieder stolpern sie über bizarre Vorkommnisse, die nicht ganz von dieser Welt zu sein scheinen – aber auch Geschichten, mit denen sie persönlich viel verbindet …

Normal ist anders: Schon bei der ersten Staffel von Die purpurnen Flüsse vor zwei Jahren setzte Jean-Christophe Grangé, der seinen eigenen Roman zu einer Fernsehserie umdichtete, in erster Linie auf etwas ungewöhnliche, wenn nicht gar absurde Geschichten. Sinn ergaben die höchstens zufällig mal, die Suche nach der Lösung erfolgte tendenziell durch Trial’n’error, weniger durch eine zielgerichtete Ermittlung, bei der es zu messbaren Fortschritten kommt. Das ist bei der zweiten Staffel, die erneut vier Fälle vereint, nicht anders. Im Gegenteil, gerade bei der Inszenierung der Leichen zu Beginn der Episoden gab man sich große Mühe, möglichst befremdliche Anblicke mit dem Publikum zu teilen.

Vier Mal rätseln
Im ersten Fall Zum Sterben schön verschlägt es die beiden in eine sehr exklusive, luxuriöse Schönheitsklinik, in der eine Klientin ermordet aufgefunden wird – inklusive eingeritzter Rosette im Bauch, welche auf Hexenrituale schließen lässt. Bei Zeit der Bestrafung dreht sich hingegen alles um gestohlene Reliquien der Kirche. Auch in Das Ritual geht es um den Glauben, dieses Mal jedoch einen vermeintlich afrikanischen Ritualmord, der sich in einem Flüchtlingslager zugetragen haben soll. Im Finale Das Geheimnis des Blutes wiederum stehen eigenartige Experimente und eine Entführung im Fokus der Ermittlungen, dazu noch Camilles Sohn, den sie Jahre nicht gesehen hat, für den sie dennoch alles tun würde.

Letzteres kennen wir schon aus der ersten Staffel. Anstatt wie in dem Genre oft üblich sind hier nicht gerade Vorbilder unterwegs, Pierre und Camille machen eigentlich, was sie wollen. Das fällt natürlich besonders in der letzten Episode auf, die durch die persönliche Bindung mehr Emotionen in Die purpurnen Flüsse bringen will. Aber auch sonst pflegt man bei der Serie eine etwas eigene Auffassung von Gesetzen und Polizeiarbeit. Wenn irgendwann einem Verdächtigen angedroht wird, ihm die Kniescheibe zu zerschmettern, dann hat das nur wenig mit dem betulichen Ermitteln zu tun, welches hierzulande meistens auf dem Plan steht. Erst schlagen, dann fragen, lautet die Devise. In der Liebe und dem Krieg ist alles erlaubt, heißt es. Das gilt offensichtlich auch, wenn man Ritualmörder jagt.

Zwischen grotesk und gesellschaftlich relevant
Das tut der Serie ganz gut, die beim ersten Anlauf doch ein wenig träge daherkam, das Tempo kontinuierlich gering hielt. Ganz anders ist das bei der zweiten Staffel zwar nicht, man legt mehr Wert auf die Atmosphäre als auf die Handlung. Ein bisschen was hat sich aber schon getan, vor allem bei der vierten Folge geht es zuweilen richtig zur Sache. Ansonsten besteht die Spannung in erster Linie jedoch im den Spekulationen, wer solche seltsamen Morde wohl begehen würde. Selbst auf die Lösung kommen, ist dabei nahezu unmöglich, dafür ist diese zu weit hergeholt. Manchmal wird es in Die purpurnen Flüsse sogar richtig grotesk.

Interessant ist in dem Zusammenhang dafür, dass das Drehbuchteam immer wieder Anknüpfungspunkte an die reale Welt sucht. So ausgefallen bis überzogen die Fälle auch sind – manches ist so bescheuert, dass man es in Groschenromanen vermuten würde –, da sind doch erstaunlich viele gesellschaftlich relevante Themen, die damit verknüpft werden. Ob es nun Geschlechterrollen sind, der Widerstreit von ökologischer und industrieller Landwirtschaft, sexueller Missbrauch in der Kirche, die Situation von Flüchtlingen bis hin zu Rassismus – die Ansichten und Taten der „normalen“ Leute sind teils noch erschreckender als das, was die Mörder da so treiben. Schon bei der ersten Staffel blickte Die purpurnen Flüsse ganz gern in die menschlichen Abgründe. Beim zweiten Anlauf gibt es dann noch nicht mal mehr die Perspektive, wieder aus diesen herauszufinden.

Credits

OT: „Les Rivières Pourpres“
Land: Frankreich, Belgien, Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Ivan Fegyveres, Olivier Barma, Manuel Boursinhac, David Morlet
Drehbuch: Olivier Prieur, Jean-Christophe Grangé, David Neiss, David Morlet, Louis Grangé, Yann le Gal
Vorlage: Jean-Christophe Grangé
Musik: David Reyes
Kamera: Antony Diaz, Serge Dell’Amico, Denis Rouden
Besetzung: Olivier Marchal, Erika Sainte, Christiane Paul, Matthieu Dessertine, Mona Bérard-Zerbib, Natacha Krief, Carole Franck, Gaétan Lejeune

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Die purpurnen Flüsse – Staffel 2
Auch bei der zweiten Staffel vereint „Die purpurnen Flüsse“ eine Reihe ungewöhnlicher bis grotesker Fälle, die viele Rätsel aufgeben. Die Spannung ist dieses Mal etwas höher, auffallend sind auch die vielen gesellschaftlichen Themen, die beim Spiel mit den menschlichen Abgründen auftauchen. Man sollte jedoch nicht erwarten, dass hier irgendwas tatsächlich Sinn ergibt oder sich die Fälle auf herkömmliche Weise lösen lassen.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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