Kritik

Das Unwort

„Das Unwort“ // Deutschland-Start: 9. November 2020 (ZDF)

Es ist ein heikler Fall, den Dr. Gisela Nüssen-Winkelmann (Iris Berben), die Vertreterin der Schulaufsichtsbehörde, da zu entscheiden hat. Der fünfzehnjährige Max Berlinger (Samuel Benito) soll seinem Mitschüler Karim (Oskar Redfern) das Ohrläppchen abgebissen und einem anderen, Reza (Victor Kadam), die Nase gebrochen haben. Eigentlich klar, für ein solches Vergehen gibt es keine Toleranz, der Schulverweis ist nur noch Formsache. Das Problem ist nur: Im Vorfeld wurde Max aufgrund seines jüdischen Glaubens mehrfach schikaniert, wie dessen Eltern Valerie (Ursina Lardi) und Simon (Thomas Sarbacher) zu Protokoll geben. Lehrerin Annika Ritter (Anna Brüggemann) und Schuldirektor Stege (Devid Striesow), die ebenfalls Teil des Klärungsgespräches sind, beteuern zwar, alles Menschenmögliche getan zu haben, doch ohne Erfolg. Während nun alle beraten, was zu tun ist, kommen immer mehr Vorfälle ans Tageslicht, die Situation droht endgültig zu eskalieren …

In den letzten Jahren ist der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern doch ziemlich aus dem internationalen Bewusstsein verschwunden, zu groß war die Konkurrenz durch die diversen anderen Krisen, welche die Menschheit derzeit durchstehen muss. Es ist daher schon eine kleine Überraschung, wenn dieser auf einmal wieder in einem Film auftaucht, und das in einem nicht unbedingt naheliegenden Kontext: ein Schulhofstreit an einer deutschen Schule. Es dauert jedoch eine Weile, bis Das Unwort da auch mit der Sprache rausrückt. Denn wie der Titel des deutschen Films bereits verrät, dreht sich hier vieles um das, was eben nicht ausgesprochen wird, um Konflikte und Ansichten, die ignoriert werden, weil sie nicht sein dürfen.

Böses Spiel mit Klischees
Da durfte man im Vorfeld von einem Betroffenheitsdrama ausgehen, mit viel Pathos in der Stimme – umso mehr, da es sich bei Das Unwort um einen deutschen TV-Film handelt. Doch Regisseur und Drehbuchautor Leo Khasin hatte eine andere Idee, wie er sich des Themas annehmen könnte. So ist das Thema natürlich ernst, es gibt auch den einen oder anderen dramatischen Moment. Doch das wird mit viel Humor vorgetragen, wenn der Filmemacher und sein Ensemble ganz genüsslich mit Klischees und Stereotypen spielen, damit die Figuren gegenseitig aufhetzen. Eine ruhige Diskussion bei einem derart heiklen Thema? Unmöglich. Stattdessen fliegen schon nach kurzer Zeit die Fetzen.

Vorbilder für derlei Filme gibt es natürlich genug. Das Unwort erinnert an Werke wie Der Gott des Gemetzels und Der Vorname, bei denen ebenfalls ein Gespräch in einem Raum zunehmend eskaliert und dabei jede Menge hässlicher Geheimnisse ans Tageslicht kommen. Eine Mischung aus allgemeiner gesellschaftlicher Demontage und persönlicher Kränkungen. Dass der Schauplatz dabei sehr beschränkt ist – abgesehen von den diversen Flashbacks spielt der Film fast nur in einem Zimmer –, wird dem Film deshalb auch nicht zum Nachteil. Im Gegenteil, es führt dazu, dass sich die Figuren ausgeliefert sind, sich nicht entkommen können, kaum ein Moment vergeht, in dem nicht irgendeiner oder irgendeine aus der Runde ins Fadenkreuz gerät.

Jeder gegen jeden
Das ist grundsätzlich nicht sehr abwechslungsreich, zumal das Themengebiet eingeschränkt bleibt. Es geht immer um die Frage, wer wen diskriminiert hat und wer die Schuld trägt. Dafür stimmt der Unterhaltungsfaktor. Die ständig wechselnden Allianzen, wenn mal Eltern gegen Lehrer sind, dann wieder untereinander gekämpft wird, sorgen für die notwendige Spannung. Aber auch das Ensemble trägt dazu bei, dass man hier bis zum Ende bleibt. Ob nun Iris Berben (Nicht tot zu kriegen) als ständig genervte Schlichterin oder Devid Striesow (Ich bin dann mal weg) als aalglatter Direktor, der alles unter den Teppich kehren möchte: Man schaut doch ganz gerne zu, wie sie sich alle an die Gurgel gehen.

Das ist am Ende natürlich alles recht übertrieben und voller Klischees, sowohl bei den Erwachsenen wie den Jugendlichen. Und doch legt die Tragikomödie, die auf dem Zurich Film Festival 2020 Premiere hatte, immer wieder den Finger auf die Wunde. Das betrifft nicht allein den Streit zwischen Juden und Muslimen, sondern gerade auch die Gesellschaft drumherum, die oft nicht weiß, wie sie mit der Situation umgehen soll. Da werden schöne Worte beschworen, ansonsten aber weggeduckt, um Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen. Einige der schockierendsten Szenen sind nicht die Konflikte selbst, sondern wie Ritter mit diesen und ihrer eigenen Überforderung allein gelassen wird. Dass das bei einem Fernsehfilm nicht so bleiben darf, ist klar, Das Unwort verbiegt sich schon ein wenig, um zumindest einen Ausweg aus der Misere zu suchen und sucht das Heil in einer Gute-Absicht-Harmlosigkeit. Aber der Weg dorthin macht Spaß, ohne die ernste Thematik zu bagatellisieren.

Credits

OT: „Das Unwort“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Leo Khasin
Drehbuch: Leo Khasin
Musik: Verena Marisa
Kamera: Michael Wiesweg
Besetzung: Iris Berben, Ursina Lardi, Thomas Sarbacher, Anna Brüggemann, Devid Striesow, Neda Rahmanian, Florian Martens, Samuel Benito, Oskar Redfern, Victor Kadam

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Das Unwort
In „Das Unwort“ geraten ein jüdischer und ein muslimischer Jugendlicher in der Schule aneinander, was für jede Menge Gesprächsstoff bei den Erwachsenen sorgt. Die Tragikomödie lässt dabei genüsslich die Situation eskalieren und macht auch wegen der ständig wechselnden Allianzen Spaß, vertraut dabei mal auf Klischees, dann wieder auf eine bissige Demontage.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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