Kritik

Antigone

„Antigone“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Seit ihrer Flucht aus ihrem Heimatland leben die Teenagerin Antigone (Nahéme Ricci), ihre Geschwister und ihre Großmutter in Montreal und hoffen auf Asyl. An ihrer Schule ist Antigone eine der besten Schülerinnen, ihre Schwester Ismene (Nour Belkhiria) betreibt einen kleinen Friseursalon und ihre beiden Brüder, Eteocle (Hakim Brahimi) und Polynice (Rawad El-Zein) schlagen sich mit Gelegenheitsjobs durch. Als die Polizei Polynice vernehmen will, kommt es auf offener Straße zu einer Tragödie, als Eteolcle sein Handy zückt, was von einer Beamtin als ein Griff zur Waffe gedeutet wird. Während Polynice verhaftet und in Gewahrsam genommen wird, versucht die Familie gegen die Polizei vorzugehen, doch ihr Status als Migranten erlaubt ihnen dies nur bedingt, vor allem da Polynice wegen seiner Zugehörigkeit zu einer Gang kein unbeschriebenes Blatt bei den Behörden ist. Schließlich fasst Antigone einen riskanten und verzweifelten Plan, um ihren Bruder zu retten, indem sie sich bei einem Besuch im Gefängnis als er ausgibt und statt seiner in die Zelle geht. Als der Schwindel auffliegt, ist Polynice schon in die USA geflüchtet und die Behörden setzen Antigone sowie ihre Familie unter Druck, den Aufenthaltsort ihres Bruders preiszugeben, sollten sie noch irgendeine Hoffnung auf Asyl haben wollen. Von den Medien zu einer Art Märtyrerin gemacht und im Hinblick auf ihr eigenes Verfahren wegen Mithilfe zur Flucht sieht sich Antigone mit einer unmöglichen Entscheidung konfrontiert.

Moderne Klassiker
Mit ihrem neuen Film Antigone versucht sich die kanadische Regisseurin Sophie Deraspe an einer modernen Neuinterpretation der Tragödie des griechischen Dramatikers Sophokles. Die Handlung verlagert sie in den Kontext der nach wie vor aktuellen Einwanderungsproblematik, mit Einschüben in Richtung der heutigen Mediengesellschaft und einer Systemkritik, die immer wieder den Menschen aus dem Auge verliert. Der Film, der auf dem diesjährigen Filmfest Braunschweig läuft, wurde nach seiner Premiere auf dem Toronto International Film Festival als kanadischer Oscarbeitrag ins Rennen um die begehrte Trophäe gebracht.

Die zahlreichen Würdigungen seitens der Presse wie auch des Publikums dürften einer Verfilmung von Antigone wie der von Sophie Deraspe durchaus entgegenkommen, ist doch das Drama schon in einer Urfassung von Sophokles sein sehr dankbares Stück für Schauspieler. Zudem sind die Dramen Sophokles, was Desraspes Verfilmung eindrucksvoll unter Beweis stellt, zeitlos und universell übertragbar, gerade vor dem Hintergrund heutiger Weltpolitik, die allen Beteiligten unmögliche Entscheidungen abtrotzt wie sie Antigone treffen muss. Desraspe erzählt dies als groß angelegtes Gesellschaftsdrama, in der Menschlichkeit eine Geste ist, aber selten praktiziert wird. Ein Selfie vor einem Antigone-Spraytag ist dann doch einfacher, als sich tatsächlich zu engagieren.

Wenngleich Antigone mit einer sehr guten Besetzung aufwartet, ist der Film doch vor allem eine Visitenkarte für Nahéme Ricci, welche Antigone mit einer Mischung aus Verletzlichkeit und Kampfbereitschaft spielt. In Anlehnung an das große Drama, welches die Vorlage ja ist, fühlt man als Zuschauer in praktisch jeder Szene, jeder Begegnung eine fast unaushaltbare emotionale Anspannung. Jeder Schritt will überlegt sein, und nach jeder Entscheidung ergeben sich Konsequenzen, die immer mehr Verantwortung nach sich ziehen.

Unschuldig schuldig
Durch die Verlagerung in den modernen Kontext der Einwanderungspolitik betont Deraspe die Aktualität des widersprüchlichen Ausdrucks sich „unschuldig schuldig“ zu machen. Die Entscheidung zwischen Familie und einer (neuen) Heimat, vor der Antigone steht, wird als menschliches Drama inszeniert, bei dem es nur Verlierer geben kann und keine Gewinner. In vielen Szenen, beispielsweise mit der nach dem Muster des blinden Sehers Teresias angelegten Therapeutin, verweist Deraspes Film auf ein immer nur durch Vertreter wie die Beamten und Polizisten repräsentiertes System, das sich in symbolischen Aktionen verliert, ohne aber den Kern des Problems zu behandeln.

Neben diesen Inspirationen bemerkt man immer wieder Anspielungen auf andere medial bekannte Szenarien wie der Black Lives Matter-Bewegung oder der aufgeheizten Gemeinschaft der sozialen Medien, in denen es nur noch Extreme und das eigene Ich gibt, aber keinen Mittelweg.

Credits

OT: „Antigone“
Land: Kanada
Jahr: 2019
Regie: Sophie Deraspe
Drehbuch: Sophie Deraspe
Vorlage: Sophokles
Musik: Jean Massicotte, Jad Chami
Kamera: Sophie Deraspe
Besetzung: Nahéme Ricci, Nour Belkhiria, Rawad El-Zein, Rachida Oussada, Antoine DesRochers

Trailer

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Antigone
„Antigone“ ist eine hochbrisante Neuinterpretation des bekannten Bühnenstücks vor dem Hintergrund heutiger Einwanderungspolitik. Dank einer überzeugenden thematischen Orientierung sowie einer guten Besetzung gelingt Sophie Deraspe ein schwieriger Balanceakt, der einzig wegen seiner etwas belanglosen Liebesgeschichte etwas an Schwung verliert.
8von 10

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