Kritik

à l'abordage

„À l’abordage“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Es war nur eine relativ kurze Zeit, die Félix (Éric Nantchouang) und Alma (Asma Messaoudene) miteinander verbracht haben. Aber doch lang genug für Félix, sich in sie zu verknallen. Dumm nur, dass sie schon kurze Zeit später mehrere hundert Kilometer entfernt ist, um mit ihrer Familie Urlaub zu machen. Davon lässt sich der junge Mann aber nicht abhalten. Und so überredet er seinen Kumpel Chérif (Salif Cissé), gemeinsam hinterher zu fahren und sie zu überraschen. Doch schon die erste Begegnung mit Édouard (Édouard Sulpice), der sie in seinem Auto mitnehmen soll, führt zu Reibereien. Und auch am Campingplatz angekommen, läuft vieles nicht so, wie es sich Félix vorher ausgemalt hat …

Was machen wir nicht alles für die große Liebe! Oder das, was wir für die große Liebe halten. Wenn Félix es sich zu Beginn von À l’abordage in den Kopf setzt, seiner Zufallsbekanntschaft 600 Kilometer weit zu folgen, dann ist das auch als große romantische Geste gemeint. Aber was für den einen schön ist, ist für den anderen Wahnsinn, wenn nicht gar ein ziemliches Stalking-Ärgernis. Der Film beginnt zwar mit dem Vorhaben, Menschen zusammenzuführen, wird dabei aber von zahlreichen Konflikten begleitet. Wirklich glatt läuft hier so gut wie nichts, die meisten Schritte enden im Chaos, in einem Missgeschick oder einer Verletzung, sei es körperlich oder seelisch.

Entspannung ohne Harmonie
Dabei verzichtet Regisseur und Co-Autor Guillaume Brac auf die üblichen Slapstick-Einlagen, die eine solche Urlaubskomödie oft mit sich bringen. Wenn ein Auto beim Rückwärtsgang einen Blumentopf umfährt, ist das schon das Höchste der Situationskomik. Wobei es durchaus Gründe gibt, bei der französischen Komödie zu lächeln, manchmal auch zu lachen. Das hängt jedoch mehr mit den Figuren und ihren Interaktionen zusammen. Immer wieder geraten sie aneinander, innerhalb des Trios oder auch außerhalb. Abgesehen von Chérif, der auf dem Campingplatz die junge Mutter Héléna (Ana Blagojevic) kennenlernt und anschließend viel Zeit mit ihr verbringt, erlebt keine der Figuren harmonische Tage. Es gibt allenfalls mal kleine Ruhephasen, in denen sich keiner beschimpft oder an die Gurgel geht.

Das ist dann alles natürlich etwas humorvoll überspitzt, Brac will mit der häufigen Reibung schließlich sein Publikum unterhalten. Es gelingt ihm dabei jedoch gut, die Balance aus Übertreibung und Authentizität zu halten. Tatsächlich nimmt man ihm durchaus ab, was er da so erzählt. Die überwiegend jungen Schauspieler und Schauspielerinnen, die bislang nur wenig bis gar keine Erfahrungen in diesem Beruf hatten, überzeugen gerade durch ihre Natürlichkeit. Sie überzeugen aber auch durch ihre Nuancen, wenn sich alle mal daneben benehmen, um sich im Anschluss wieder zu entschuldigen. Es gibt immer wieder ruhige, dann wieder aufbrausende Momente, während die Leute nach dem Glück suchen und dabei über die eigenen Füße stolpern.

Eine ziellose Suche
Dabei kommt auch der rote Faden immer wieder durcheinander, sofern man diesen überhaupt noch findet. Es gibt zwar eine zeitliche Abfolge der Ereignisse, aber nur eine bedingte Entwicklung. Während die Begegnung von Félix und Alma der Aufhänger für den Trip ist, so steht sie nicht zwangsläufig im Mittelpunkt. Vielmehr ist À l’abordage ein Film, der mit verschiedenen zwischenmenschlichen Konstellationen spielt, mit den Herausforderungen, die solche mit sich bringen, aber auch mit den schönen Momenten. Brac erzählt im Grunde ganz klassisch, wie mehrere Leute, die der Zufall zusammengebracht hat, sich nach und nach näherkommen, sich aber auch der eigenen Bedürfnisse und Fehler bewusst werden. Nur weil man gerade im Urlaub ist, heißt das schließlich nicht, dass man nicht ein bisschen was fürs normale Leben dazulernen kann.

Das ist dann vielleicht nicht aufregend. Es gibt auch keine großen Gagsalven, mit denen das Publikum zur Unterhaltung gezwungen werden soll. Dafür ist die Komödie, die auf zahlreichen Festivals lief – unter anderem Französische Filmtage Tübingen Stuttgart 2020 –, sympathisch und trotz der zahlreichen Turbulenzen entspannend. Es macht einfach Spaß, auf der Campinganlage abzuhängen und den diversen Leuten zuzusehen, wie sie sich aufplustern, dabei schon mal auf die Schnauze fallen, sich gegenseitig aber auch zu unterstützen versuchen. Zudem gibt es schöne Aufnahmen der Gegend, die Lust machen, selbst irgendwie 600 Kilometer loszufahren und einen kleinen Urlaub von dem Alltag zu nehmen – selbst wenn der einen irgendwie überall hin verfolgt.

Credits

OT: „À l’abordage“
IT: „All Hands on Deck“
Land: Frankreich
Jahr: 2020
Regie: Guillaume Brac
Drehbuch: Guillaume Brac
Kamera: Alan Guichaoua
Besetzung: Éric Nantchouang, Salif Cissé, Édouard Sulpice, Asma Messaoudene, Ana Blagojevic, Martin Mesner

Bilder

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À l’abordage
„À l’abordage“ ist eine entspannte, sympathische Komödie um drei junge Männer, die der Liebe wegen zu einem weit entfernten Campingplatz fahren und dort nur Chaos vorfinden. Der Film ist dabei immer etwas überspitzt bei den endlosen Reibungen, gleichzeitig aber auch natürlich genug, damit man den Figuren gern dabei zusieht, wie sie sich das Leben oft unnötig schwer machen.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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