Kritik

SHe

„SHe“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

High Heels? Nein, für die gibt es keinen Platz in dieser Welt. Die sind lediglich dafür da, männliche Nachkommen zu zeugen. Sollte dann doch einmal ein weiblicher Schuh dabei herauskommen, dann wird er umgewandelt, um die Ordnung wieder herzustellen. Doch eine Mutter wagt den Aufstand. In einer Zigarettenfabrik arbeitet sie unter widrigsten Umständen, wird von anderen betrogen und misshandelt, während sie von einem besseren Leben träumt, in dem für sie und ihre Tochter Platz ist. Bis zu jenem Tag, als sie beschließt, nicht länger einfach nur träumen zu wollen, sondern auch dafür zu kämpfen …

Erinnerung an eine vergessene Kunst
Die Kunst der Stop-Motion-Animation ist bekanntlich eine, die vom Aussterben bedroht ist – trotz der beiden prominenten Fürsprecher Aardman Animation und Laika. Besonders düster sieht es in der Hinsicht in Fernost aus, wo diese Technik nie so wirklich Fuß gefasst hat, keine Chance gegen den Zeichentrick oder später Computergrafiken hatte. Umso interessanter ist es, wenn doch einmal ein solcher Titel heute noch auftaucht. Aus Japan stammten beispielsweise die Science-Fiction-Horror-Groteske Junk Head über einen alptraumhaften Untergrund sowie die charmant-skurrile Serie Rilakkuma und Kaoru um den Alltag einer einfachen Büroangestellten, die sich ihre Wohnung mit zwei Bären und einem Huhn teilt.

Aus China kommt mit SHe nun ein Titel, der mindestens ebenso eigenwillig ist. Vielleicht sogar noch mehr: Während bei den oberen Beispielen bei aller Seltsamkeit einigermaßen klar war, was geschieht, darf man sich hier andauernd fragen, was genau diese Bilder auszusagen haben. Das zeigt schon ein Blick auf die verschiedenen Inhaltsangaben, die man im Netz so findet und die sich teilweise widersprechen. Mal wird die weibliche Protagonistin zur Arbeit in der Zigarettenfabrik gezwungen, in anderen Fällen hat sie sich mithilfe einer List und männlichen Verkleidung Zugang verschafft. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte heißt es manchmal. Dieser Film ist ein Beweis dafür, dass selbst mit einem großen Vokabular nicht immer einzufangen ist, was sich da vor unseren Augen abspielt.

Surreale Sprachlosigkeit
Auf jeden Fall lädt SHe dazu ein, ausgiebig zu interpretieren. Schuhe, die Zigaretten drehen und dabei von Socken und Kirschen träumen – klingt irre? Ist es. Aber auch irgendwie unheimlich, denn die Bilder des Stop-Motion-Wahnsinns haben immer wieder Horroranleihen und bilden die Grundlage für bizarre Albträume, bei denen nicht klar ist, was sie zu bedeuten haben. Ein Grund: Die Darstellung einer dystopischen, patriarchischen Gesellschaft verzichtet auf jegliche Form von Sprache und damit auch Erklärungen. Da wird gegrunzt und gestöhnt, begleitet von einem furchterregenden Sound Design. Aber eben nichts gesagt. Nicht so wirklich.

Damit richtet sich der Beitrag vom Chinesischen Filmfest München 2020 an ein Publikum, das eine Vorliebe für groteske Geschichte hat: Aus diesem surrealen Labyrinth aus Abgründen und brutalen Schatten muss man sich wie die namenlose Protagonistin selbst einen Weg bahnen. Denn hier heißt es: Selbst ist die Frau! Oder eben der Schuh. Wobei man sich auch einfach zurücklehnen und die Bilder bewundern kann, welche an die surrealen Ausflüge von Jan Švankmajer (Alice) erinnern. Da wird mit dem Unbewussten und Suggestionen gespielt, um gleichzeitig die durchaus noch realen Gesellschaften zu kritisieren, in denen Frauen als minderwertig angesehen werden. Das ist insgesamt vielleicht ein bisschen lang, da die düsteren Szenerien sich doch etwas wiederholen und die Geschichte nur langsam voranschreitet. Aber es sind doch so viele einmalige Anblicke darunter, die durch Mark und Bein gehen, dass man im Anschluss erst einmal selbst eine Zigarette drehen möchte – auch als überzeugter Nichtraucher.

Credits

OT: „Nü Ta“
Land: China
Jahr: 2018
Regie: Shengwei Zhou
Drehbuch: Shengwei Zhou
Musik: Sihan Yuan
Kamera: Shengwei Zhou

Bilder

Trailer

Filmfeste

Fantasia Film Festival 2019
Chinesisches Filmfest München 2020

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SHe
„SHe“ spielt in einer dystopischen, despotischen Welt, in der High Heels systematisch von Herrenschuhen unterdrückt werden. Während die feministische Botschaft klar ist, bleiben anderweitig viele Fragen offen – auch weil der surreale Stop-Motion-Albtraum auf jegliche Sprache verzichtet und nur mithilfe seiner düsteren Bilder erzählt.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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