Kritik

Long Days Journey Into Night

„Long Day’s Journey Into Night“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Nach langer Zeit kehrt Luo Hongwu (Huang Je) zurück in seine Heimatstadt Kaili. Der Anlass ist allerdings alles andere als gut, denn sein Vater ist gestorben und es obliegt nun ihm und der Lebensgefährtin seines Vaters, den Nachlass zu verwalten. Während sie das Familienrestaurant übernimmt, erhält Luo den alten Van des Verstorbenen und noch einige andere Erinnerungsstücke. Im Keller des Hauses stößt er auf ein Foto sowie ein grünes Buch, welches er noch nie gesehen hat und er hofft von der Frau auf dem Bild Antworten zu erhalten. Seine Suche führt ihn zu der geheimnisvollen Wan Qiwen (Tang Wei), die Verbindungen zur Mafia hat und an die sich Luo zu erinnern meint, ohne genau sagen zu können, was genau ihn mit ihr verbindet. Als hätte er nicht schon genug Todesfälle in seinem Bekanntenkreis, erfährt Luo ungefähr zur selben Zeit von Tode seines alten Freundes Wildcat (Lee Hong-chi). Während er in seinen Erinnerungen und den Geschichten anderer nach Antworten auf seine Fragen sucht, erkennt er eine Verbindung zwischen dem Tod Wildcats und seiner Suche nach der mysteriösen Frau auf dem Foto. Jedoch ist sich Luo nicht mehr sicher, ob er seinen Erinnerungen trauen kann oder ob er sich vieles vielleicht nur einbildet.

Erinnerung und Traum
Der zweite Spielfilm des chinesischen Regisseurs Bi Gan, der auf dem diesjährigen Chinesischen Filmfest München zu sehen ist, wurde bereits 2018 auf den Filmfestspielen in Cannes gezeigt und gehört zu den kommerziell erfolgreichsten Arthouse-Filmen Chinas der letzten Jahre. Der Erfolg von Long Day’s Journey Into Night ist nicht zuletzt auf eine Werbekampagne zurückzuführen, die viele Zuschauer missverstanden hatten und von einer romantischen Komödie ausgingen. Stattdessen bekamen sie eine Geschichte über die Verbindungen von Erinnerung und Traum zu sehen, ein langsam erzähltes Drama, welches in der letzten Stunde in einer 3D-Sequenz mündet.

Wie Bi Gan in vielen Interviews über seinen zweiten Film sagt, ist Long Day’s Journey Into Night vor allem eine Geschichte, in welcher Textur eine wichtige Rolle spielt. Visuell vermischen sich die Wahrnehmungsebenen des Protagonisten, der sich immer mehr in einem komplexen Netz aus Erinnerung und Traum wiederfindet, welches er nicht mehr überblicken kann. Die Dimensionen der Bilder, ihre Aussage wie auch die Stofflichkeit der Umgebung sind bisweilen verräterisch, sodass es auch dem Zuschauer mit fortschreitender Dauer schwerfällt, die einzelnen Ebenen auseinanderzuhalten. Selbst sie Stimme Luo Hongwus aus dem Off suggeriert eine Verlässlichkeit des Erzählens, welche das Narrativ schon bald nicht mehr hergibt.

Dunkle Pfade
Vielmehr ist es ein dunkles Labyrinth, in dem man sich zusammen mit dem Protagonisten befindet. Der im Titel bereits angesprochene Pfad in die Nacht hinein ist daher zweideutig zu verstehen, bietet jede mögliche Spur, jede Antwort eines Menschen, mit dem sich die Hauptfigur unterhält, eine neue Assoziation, eine neue Erinnerung und damit ein neues Gemisch aus „Wahrheit und Lügen“ wie der Protagonist selbst zugibt.

Passend zu dieser narrativen Struktur ist Long Day’s Journey Into Night eine Geschichte, die sich durch ihr Neo-Noir Design auszeichnet. Ähnlich den Arbeiten eines Nicholas Winding Refn oder Gaspar Noe dominieren kräftige Farben und Muster, starke Kontraste zu den dominierenden Dunkelwerten. Abermals deutet dies auf die Idee eines Labyrinths hin, einer Mischung aus Erinnerung, Traum und Obsession des Protagonisten, welcher er sich hingibt und in der er sich zu verlieren droht.

Credits

OT: „Diqiu zuihou de yewan“
Land: China, Frankreich
Jahr: 2018
Regie: Bi Gan
Drehbuch: Bi Gan
Musik: Lim Gong, Hsu Point
Kamera: Yao Hung-i, Dong Jinsong, David Chizallet
Besetzung: Jue Huang, Wei Tang, Sylvia Chang, Hong-Chi Lee, Chloe Maayan, Ming Dow

Bilder

Trailer

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Long Day’s Journey Into Night
„Long Day’s Journey Into Night“ ist ein kunstvoll inszeniertes Drama über Sehnsucht sowie die trügerische Sicherheit von Erinnerungen. Bi Gan gelingt durch seine elegante, noir-hafte Inszenierung eine Geschichte, deren dunklem Sog man sich nicht entziehen kann.
8von 10

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