Kritik

Im Stillen laut

„Im Stillen laut“ // Deutschland-Start: 8. Oktober 2020 (Kino)

Es ist eine leider noch immer weitverbreitete Meinung, dass innerhalb eines autoritären Regimes nur systemtreue Kunst geschaffen werden kann, die darüber hinaus keinen oder nur einen überschaubaren Wert hat. Nicht immer zeigt sich der Widerstand in der großen Geste und erst mit etwas zeitlichem Abstand lässt sich erschließen, was die eigentliche Absicht hinter einem Kunstwerk wohl gewesen sein mag. Doch gerade im Stillen findet sich oft sehr bereichernde Kunst, die einen neuen, ungewohnten Blick auf das System, aber auch die Belange des Lebens an sich wirft. Die Erkenntnis über diese Freiräume innerhalb eines Regimes kommt überraschend, vor allem natürlich für die Nachwelt, aber sie kann eine neue Auseinandersetzung mit der Kunst fördern oder helfen, etwas Neuen kennenzulernen.

Bei ihrer Recherche für ein Projekt über die Vielfalt der Kunst der DDR stießt die Berliner Filmemacherin Therese Koppe auf einen solchen Freiraum. In ihrer Dokumentation Im Stillen Laut begleitet sie die beiden Künstlerinnen Erika Stürmer-Alex und Christine Müller-Stosch, die seit vielen Jahren auf einem zu einem Kunsthof umgestalteten Gut leben und dort in Zeiten der DDR eine Vielzahl anderer Kulturschaffender um sich scharten. Über ein Jahr lang hat sie das Paar begleitet, ihre tägliche Routine und die täglichen Gespräche, sowohl die heiteren wie auch die bisweilen selbstkritischen Töne der beiden Frauen. Darüber hinaus kommt Koppe mit den beiden ins Gespräch über ihre Vergangenheit, ihrer Biografien, ihre Haltung zur Kunst und zur DDR.

Einfach nur versuchen geht nicht
Es gibt viele Gespräche in diesem klugen Film über zwei kluge, humorvolle Frauen, die auf den Zuschauer inspirierend wirken, wie beispielsweise der dahingeworfene Satz, man dürfe etwas nicht einfach nur versuchen, da diese Redensart das Scheitern schon vorwegnehme. Vielmehr solle man betonen, dass man etwas mache oder machen wolle, was sehr viel entschiedener und sicherer klänge. Diese Aussage, die im Kontext eines Gesprächs über die Fastenzeit geäußert wird, kann in gewisser Weise als eine Art Programm gedeutet werden oder ein Prinzip nach dem Stürmer-Alex und Müller-Stosch leben. Entschlossen nach vorne blickend, trotz so mancher Zweifel am Plan und an sich selbst geht es nach vorne.

Diese Haltung schafft Freiräume, den geografischen, also den Hof, den sie beide gekauft haben, und natürlich die im Denken. Natürlich muss so ein Raum gut gehütet werden, wurde er doch, für die beiden Frauen wenig überraschend, von der Staatssicherheit streng überwacht, so wie einst ihre ersten Texte oder Arbeiten, die immer streng von der Kulturaufsicht der DDR reglementiert wurden. Die Unmöglichkeit seinen Ausdruck zu zähmen oder ideologiekonform zu machen, ist für die beiden Künstlerinnen natürlich und bedarf nicht der Diskussion, was sie nicht zuletzt zu einem heiteren Vorlesen der eigenen Stasi-Akte bewegt, auch wenn die schlussendlich doch die „Boshaftigkeit“ und Falschheit der Behauptungen attestieren.

Über die Gespräche und Bilder, teilweise unter Rückgriff auf Archivmaterial, gelingt ein faszinierendes Porträt der beiden Künstlerinnen, das seinen Zuschauer nicht nur für die beiden sympathischen Künstlerinnen gewinnt, sondern auch für die Auffassung von Kunst, die nicht nur in einem Freiraum geschaffen wird, sondern diese auch schafft.

Credits

OT: „Im Stillen laut“
Land: Deutschland
Jahr: 2019
Regie: Therese Koppe
Drehbuch: Therese Koppe
Musik: Irma Heinig
Kamera: Annegret Sachse

Trailer

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Im Stillen laut
„Im Stillen laut“ ist eine hochinteressante Dokumentation über zwei Künstlerinnen, ihre Leben und ihre Kunst. Therese Koppe gelingt ein Porträt der Kunst als Freiraum, als gedankliche und kreative Auseinandersetzung mit der Welt, die selbst noch so restriktive Systeme überwinden kann.
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