Können künstliche Intelligenzen den Menschen unsterblich machen? Dieser Frage geht der Film Exit (am 28. Oktober 2020 um 20.15 Uhr im Ersten) nach. Friedrich Mücke spielt darin einen von mehreren Startup-Unternehmern, die eine Digitalisierung von Menschen ermöglichen – inklusive Aussehen, Sprache und Stimme, sowie Wesen, Geist und Humor –, auch über den Tod hinaus. Doch ist das überhaupt erstrebenswert? Wir haben uns mit dem Schauspieler über den Science-Fiction-Thriller unterhalten, um künstliche Abbilder und die Frage der Realität. Tipp: Vor der Ausstrahlung findet um 18 Uhr eine Diskussion zwischen den Filmemacher*innen und KI-Forschenden statt, die als Stream auf der YouTube-Seite des SWR übertragen wird.

Zuletzt hat es mehrere Filme und Serien gegeben, in denen Menschen sich digitalisieren lassen, beispielsweise um den Tod zu überdauern. Ist das ein neues Trendthema? Kommt diese Digitalisierung?
Ich denke, dass an der Stelle einfach mehrere Faktoren zusammenkommen. Da wäre zum einen der Wunsch, dem Tod die Stirn bieten zu können. Diese Digitalisierung greift aber auch eine Entwicklung der letzten Jahre auf, dass wir alle eine Art künstliches Leben erzeugen. Die Menschen möchten in sozialen Medien nicht mehr so auftreten, wie sie sind. Stattdessen erstellt man eine Version von einem, die man lieber sein möchte und von der man will, dass andere sie glauben. Digitalisierte Fassungen von uns gibt es also heute schon. Darin liegt die Frage: Können wir das Leben grundsätzlich erstellen? Kann ich mich wirklich neu erfinden? Diese digitalen Kopien, die wir in Exit zeigen, die Hologramme, bieten ein kleines Gedankenspiel, wie diese Entwicklung weitergehen könnte.

Diese Digitalisierung, um nicht sterben zu müssen, ist das etwas Gutes oder etwas Schlechtes? Im Film bleibt dieser Punkt ja etwas ambivalent.
Für mich ist es nicht erstrebenswert. Das Leben ist aus meiner Sicht wertvoll, weil wir uns unserer Sterblichkeit bewusst sind. Darin liegt der Reiz des Lebens.

Also auch kein Anhänger davon, allgemein ewig leben zu können? Es gibt ja durchaus Leute, die das gerne hätten …
Das ist auch völlig okay. Ich habe auch totales Verständnis dafür, wenn aus diesem Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit dieser Wunsch entsteht, dass es nicht so ist. Ich persönlich möchte irgendwann sterben, wenn auch nicht sofort, natürlich. Das darf gern noch eine Weile dauern.

Beschäftigen Sie sich denn mit Ihrer Sterblichkeit?
Das jetzt nicht. Ich bin glücklicherweise innerlich ganz gut gebaut, sodass ich nicht täglich darüber nachdenken muss. Es gibt da auch Leute, die nichts anderes tun und damit nicht glücklich werden. Ich habe sicher meine Ängste und Sorgen, aber die Sterblichkeit gehört nicht dazu.

In Exit wird an einer Stelle gesagt, dass Menschen Illusionen lieben. Warum ist das so?
Darauf gibt es vermutlich viele mögliche Antworten. Ich selbst komme darauf zurück, wer ich als Kind war. Die einfachen Zaubertricks, die aber noch immer funktionieren, wenn etwas passiert, das du anders gelernt hast, dass du in dem Moment nicht erklären kannst. Darin liegt eine ganz natürliche Faszination. Dass dieser Satz im Film so stark wirkt und Sie ihn daraus mitgenommen haben und mich nach ihm fragen, liegt daran, dass wir ihn alle verstehen. Er betrifft uns tief, Sie, mich, alle anderen. Wir verfügen alle über ein Bewusstsein darüber, was geschieht. Und wenn dieses Bewusstsein ausgespielt wird, auf welche Weise auch immer, das ist toll.

Sie sind als Schauspieler selbst jemand, der mit Illusionen arbeitet. Was ist der Unterschied zwischen Ihren Illusionen und den Illusionen, die in dem Film gezeigt werden?
Im Kern gibt es da vermutlich keinen Unterschied. Die Frage bei einer Illusion ist aber: Wofür erzeuge ich sie? Was will ich mit ihr erreichen? In meinem Fall gibt es die Illusion, die ich als Schauspieler erzeuge und die dadurch entschuldigt wird, dass es eben meine Arbeit ist. Im privaten Leben ist das ein bisschen anders konnotiert. Wenn ich dort eine Illusion erzeuge, habe ich mehr das Gefühl, dass ich eine Lüge lebe, dass ich mich als etwas darstelle, der ich nicht bin. Das können auch Schutzmechanismen sein, die durchaus verzeihbar sind. Zu einem Problem werden Illusionen erst, wenn sie negativ genutzt werden, beispielsweise um die Kontrolle über jemanden zu gewinnen und Macht auszuüben.

Ihre Figur verliert sich in dem Film zunehmend in diesen Illusionen, bis sie nicht mehr weiß, was noch real ist. Es gibt auch immer wieder diese Gedankenspiele, dass diese Welt eine reine Simulation ist, die wir nur nicht bemerken. Hatten Sie je das Gefühl, Teil einer solchen Illusion zu sein?
Das hatte ich tatsächlich noch nie, was ich auch ganz gut finde. Bei diesen Dreharbeiten hatte ich manchmal aber schon zu kämpfen, weil ich mich sehr mit den Themen und der Welt beschäftigt habe und es in der Geschichte noch verschiedene Zeitebenen gab. Da kam es dann schon mal vor, dass ich nicht wusste, wo ich bin. Wobei man nicht unterschätzen darf, wie stark der Einfluss anderer sein kann. Wenn zehn Leute dir sagen, dass du an etwas glauben sollst, kann es schon vorkommen, dass du es am Ende glaubst, weil du als Einzelner in der Minderheit bist. Solche Situationen treten in der Gesellschaft sicher auf. Aber dass alles nur eine Illusion oder Simulation ist, nein, das Gefühl hatte nie.

Aber woher wissen Sie, dass beispielsweise unser Gespräch gerade real ist und es Ihnen nicht jemand einflüstert, während Sie irgendwo im Bett liegen?
Wissen kann ich das tatsächlich nicht, aber mein Überlebenswille sagt mir das. Wenn ich daran Zweifel hätte, dass das hier jetzt real ist und wir miteinander sprechen, würde ich diesen Willen wohl verlieren, weil mein ganzes Leben darauf aufgebaut ist. Ohne dieses Vertrauen, was dann auch Teil eines Selbstvertrauens ist, könnte ich nicht mehr standhaft durchs Leben gehen. Ich muss also an all das glauben und an Sie glauben, weil ich keine andere Wahl habe, wenn ich weitermachen will.

Die Illusionen, wie sie im Film gezeigt werden, sind natürlich reine Spekulation. Aber es gibt schon heute virtuelle Realitäten, die wir beispielsweise durch spezielle Brillen erleben können, die wir uns aufsetzen. Haben Sie das schon einmal versucht?
Bislang noch nicht. Eine gewisse Faszination haben diese virtuellen Realitäten natürlich schon. Aber ich habe auch großen Respekt davor und habe mich das noch nicht gewagt. Gleiches gilt für Drogen, die eine solche alternative Realität ebenfalls vermitteln können. Auch da bin ich noch unerfahren.

Und was steht in der wirklichen Realität noch an? Welche Projekte sind bei Ihnen geplant?
Ich drehe eine Serie für Sky, die auf dem Roman Bestattung eines Hundes von Thomas Pletzinger basiert. Das wird eine große Sache: Wir drehen acht Monate auf drei Kontinenten in sechs Ländern. Die Serie soll 2022 erscheinen. Vorher bin ich ab dem 3. Dezember 2020 noch in Wunderschön zu sehen, dem neuen Film von Karoline Herfurth.

Zur Person
Friedrich Mücke wurde am 12. März 1981 in Berlin geboren. Von 2003 bis 2007 studierte er an der Schauspielschule Ernst Busch in Berlin. Sein erster großer Kinofilm war die Komödie Friendship! an der Seite von Matthias Schweighöfer, mit dem er anschließend noch die Filme What a Man (2011), Russendisko (2012) und Vaterfreuden (2014) drehte. Außerdem war er in dem historischen Thriller Ballon von Michael Bully Herbig und diversen Tatort-Filmen zu sehen.



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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