Kritik

National Treasure Ende einer Legende

„National Treasure“ // Deutschland-Start: 13. Oktober 2017 (DVD/Blu-ray)

Paul Finchley (Robbie Coltrane) ist in England eine Legende, zusammen mit seinem Partner Karl (Tim McInnerny) gehört der Comedian zu den Großen seines Faches. Doch die Welt des beliebten Schauspielers bricht eines Tages zusammen, als Vorwürfe laut werden, er habe vor vielen Jahren mehrere Frauen vergewaltigt. Obwohl der Künstler seine Tat vehement bestreitet, der Druck auf ihm wird immer größer. Aber es ist nicht nur seine Karriere, die nun vor dem Aus steht. Auch privat hat er mit vielen Problemen zu kämpfen, vor allem die Beziehung zu seiner Frau Marie (Julie Walters) und der zu Depressionen neigenden Tochter Dee (Andrea Riseborough) wird auf eine harte Probe gestellt …

Der Herbst 2017 war im Bereich der Unterhaltungsindustrie Zäsur und Meilenstein zugleich: Nach den ersten Vorwürfen gegenüber dem Medienmogul Harvey Weinstein, er habe junge Frauen sexuell genötigt, wenn nicht gar vergewaltigt, öffneten sich weltweit Frauen und berichteten von ihren Erfahrungen des sexuellen Missbrauchs – die Geburtsstunde des berühmten Hashtags #MeToo. Seither hat es eine Reihe von Filmen und Serien gegeben, die sich dieses wichtigen und gleichzeitig sehr schwierigen Themas annahmen. Bombshell – Das Ende des Schweigens, welches von der sexuellen Nötigung in einem großen US-Fernsehsender berichtete, war sogar für ein paar Oscars im Rennen.

Er ein Vergewaltiger? Unmöglich!
Dabei hatte es einige Jahre zuvor bereits mit Ende einer Legende eine Serie gegeben, die auf geradezu unheimliche Weise viele von den Punkten vorwegnahm, die einige Monate später zur Sprache kamen. Ein erfolgreicher und mächtiger Entertainer soll eine Frau vergewaltigt haben, mehrere sogar, das ist schon harter Stoff. Aber ist er auch wahr? Kann es möglich sein, dass jemand, der so beliebt ist, so viele Menschen zum Lachen bringt, seit Jahrzehnten schon, ein solches Monster ist? Der englische Originaltitel National Treasure trifft es da noch besser als der etwas generische deutsche Titel. Hier geht es um eine Institution, mit der sie alle aufgewachsen sind. Einer, der nicht schuldig sein darf, weil das zu viel kaputt machen würde.

Ende einer Legende ist in der Hinsicht durchaus geschickt aufgezogen. Nicht nur, dass der vermeintliche Täter Robbie Coltrane ist, der eigentlich als Sympathieträger gebucht ist und hier den netten, harmlosen Spaßvogel mimt. Die Geschichte ist auch aus seiner Sicht erzählt, weshalb das Publikum ganz subtil auf seine Seite gezogen wird. Er kann es nicht getan haben, das erklärt sein Umfeld mit einer Selbstverständlichkeit, die eigentlich keine Zweifel zulässt. Und doch gibt es sie, diese Zweifel. Es gibt sie von Anfang an, erst ganz leise, fast unmerklich, werden mit der Zeit immer größer, lauter, pochender. Bis auch der letzte daheim vor dem Fernseher grübelt: Und was wenn doch?

Einblick in eine kaputte Familie
Die Spannung der britischen Serie ist aber nicht nur in dieser Frage begründet, was wirklich vorgefallen ist. Vielmehr ist Ende einer Legende das packende Porträt einer kaputten Familie. Je mehr Zeit wir mit den drei verbringen, je mehr wir sie kennenlernen, umso erschütternder werden die Erkenntnisse. Unausgesprochene Gefühle, seelische Abgründe, die durch verschiedene Süchte vergessen werden wollen, eine gewisse Grausamkeit: Bei den Finchleys mag man mit Humor und Witzen viel Geld und Ruhm erlangt haben. Zum Lachen ist aber nicht, was hinter den Kulissen geschieht. Wobei auch vor den Kulissen einiges los ist. Die Art und Weise, wie gerade die Medien aus den Vorwürfen ein Spektakel machen, bei dem es schon gar keine Rolle mehr spielt, ob sie nun stimmen oder nicht, befördert eine gewisse Übelkeit.

Der sehr gute Gesamteindruck ist dabei nicht zuletzt der Verdienst eines starken Ensembles. Coltrane (Harry Potter), Walters (Der geheime Garten) und Riseborough (ZeroZeroZero) funktionieren prima als Dreiergespann, das zusammengehört, aber nicht zusammenpasst. Eine Familie, deren Bestehen von Arrangements abhängt, weniger von echter Zuneigung. Und davon, dass über vieles einfach nicht geredet wird. Während vieles davon ganz klassisch ist – dysfunktionale Familien mit dunklen Geheimnissen sind nicht gerade eine neue Erfindung –, ist die audiovisuelle Gestaltung teilweise ungewöhnlich. Die kräftigen Farben in manchen Einstellungen stehen in einem Kontrast zum finsteren Inhalt, dazu gesellt sich eine eigenwillige Musik, für die es bei der TV-Ausgabe der BAFTA Awards auch einen Preis gab und die dazu beiträgt, dass einige Szenen sich tief ins Gedächtnis brennen.

Credits

OT: „National Treasure“
Land: UK
Jahr: 2016
Regie: Marc Munden
Drehbuch: Jack Thorne
Musik: Cristobal Tapia de Veer
Kamera: Ole Birkeland
Besetzung: Robbie Coltrane, Julie Walters, Tim McInnerny, Andrea Riseborough, Babou Ceesay

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Ende einer Legende – National Treasure
3.8 (76%) 5 Artikel bewerten

Ende einer Legende – National Treasure
In „Ende einer Legende“ wird ein berühmter Comedian beschuldigt, vor vielen Jahren mehrere Frauen belästigt oder vergewaltigt zu haben. Die Serie spielt dabei geschickt mit Zweifeln, während wir immer tiefer in die Familiengeschichte einsteigen. Das ist stark gespielt, aber auch die audiovisuelle Umsetzung ist ein Grund, sich dieses Drama antun zu wollen.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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