Kritik

Der geheime Garten

„Der geheime Garten“ // Deutschland-Start: 15. Oktober 2020 (Kino)

Als die Eltern der in Indien lebenden 10-jährigen Mary Lennox (Dixie Egerickx) sterben, wird sie nach England geschickt, um bei ihrem Onkel Archibald (Colin Firth) in dessen abgelegenem Landgut zu leben. Allerdings haben weder er noch seine strenge Haushälterin Mrs. Medlock (Julie Walters) größeres Interesse an dem Mädchen. Mary wiederum hat nicht viel für die vielen Regeln übrig, die ihr auferlegt werden. Und so beginnt sie, auf eigene Faust das riesige Anwesen zu erforschen. Dabei entdeckt sie nicht nur ihren bettlägerigen Cousin Colin (Edan Hayhurst), der nie sein Zimmer verlässt, sondern auch einen geheimen Garten und Erinnerungen an ihre verstorbene Mutter. Für Mary steht daraufhin schnell fest, dass sie Colin diesen wunderbaren Ort zeigen muss, um ihn von seinem Leiden zu heilen …

An Adaptionen von Frances Hodgson Burnetts Der geheime Garten mangelt es nun nicht gerade. Seit der Veröffentlichung im Jahr 1911 wurde das Kinderbuch mehrfach verfilmt, das erste Mal bereits 1919, es gibt mehrere TV-Versionen, darunter eine Anime-Serie aus den frühen 90ern, auch im Theater durfte man die Geschichte um ein kleines Mädchen sehen, das mithilfe eines versteckten Gartens Freude und Magie entdeckt. Das provoziert natürlich die Frage: Braucht es dann wirklich noch eine neue Version im Jahr 2020? Gibt es – über die natürliche Motivation des Geldverdienens hinaus – ein wirkliches Argument, den Klassiker ein weiteres Mal zu entstauben?

Düstere Parallele
Mit einer kleinen Überraschung fängt Der geheime Garten an: Drehbuchautor Jack Thorne (Marie Curie – Elemente des Lebens, Enola Holmes), der die Geschichte adaptierte, verlegte sie von der Jahrhundertwende ins Jahr 1947. Aus dem noch fest in den Händen der Briten liegenden Indien wurde eines des Umbruchs, als Britisch-Indien in das heutige Indien und Pakistan aufgeteilt wurde. Diese Zeit des Tumultes mit dem Lebensabschnitt Marys gleichzusetzen, ist interessant und irgendwie auch stimmig. In beiden Fällen geht es darum, sich von der Vergangenheit zu lösen und ein neues Kapitel aufzuschlagen, aber auch um Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Lange hält diese Parallele aber nicht an, sie wird auch nicht wirklich ausgebaut. Sobald das Mädchen in ihrem neuen Zuhause herumstreift, spielt das alles keine Rolle mehr, Raum und Zeit haben ihre Bedeutung verloren.

Aber auch in anderer Hinsicht knausert Der geheime Garten am Inhalt. Das betrifft vor allem die Figuren und deren Entwicklung. Anders als es in Kindergeschichten üblich ist, war Mary in dem Roman keine Heldin, sondern machte im Laufe ihrer Erlebnisse eine Wandlung durch – von der verwöhnten, selbstsüchtigen Göre hin zu einem hilfsbereiten, aufopferungsvollen Mädchen. Im Film bleibt jedoch kaum die Zeit, um das Ganze auch wirklich auszuarbeiten. Die Veränderung findet mehr spontan statt, ohne dass klar würde warum. Gleiches gilt für Colin und seinen Vater, denen einfach nicht die Möglichkeit eingeräumt wird, schrittweise zu einem anderen, positiven Menschen zu werden. Da werden der Garten und ein einschneidendes Ereignis später als Vorwand genommen, um einfach den Schalter umzulegen.

Ein Drama ohne Gefühl
Stattdessen geht viel Zeit dafür drauf, an die beiden verstorbenen Frauen zu erinnern, die jeweiligen Mütter von Mary und Colin, die einst selbst in dem Garten einen Zufluchtsort gefunden haben. Das schafft zwar theoretisch eine Verbindung zwischen den Kindern, geht aber letztendlich zu deren Lasten, weil die eigentliche Handlung nicht vorankommt. Die beiden werden nie zu einer wirklichen Einheit, auch Kind Nummer drei – Dickon (Amir Wilson), der jüngere Bruder einer Bediensteten – kommt zu kurz. Was eigentlich die Geschichte einer wachsenden Freundschaft sein sollte, wird hier zu einer willkürlichen Zweckgemeinschaft: Man verbringt Zeit miteinander, weil sonst nichts zu tun ist. Ein richtiges Gefühl will dabei nicht aufkommen.

Dafür ist die Ausstattung ganz schön. Das Haus ist groß und stimmungsvoll ausgestattet. Und auch der Garten ist nicht ohne Flair. Dass er sehr künstlich aussieht, mehr nach Computerprogramm als Natur, ist dabei kein Beinbruch, schließlich soll die Geschichte auch etwas Märchenhaftes an sich haben. Dennoch, das reicht alles nicht so recht aus. Zwar ist Der geheime Garten besser als Artemis Fowl, wer nach einem Fantasyfilm für Kinder sucht, wird hier eher fündig. Tatsächlich zauberhaft ist das Ergebnis aber nicht: Der Film schafft es weder, von einer fremden Welt träumen zu lassen, noch wirklich Nennenswertes für diese mit auf den Weg zu geben, da so wichtige Themen wie Mitgefühl und Trauerarbeit auf der Suche nach dem schnellen Abenteuer auf der Strecke bleiben.

Credits

OT: „The Secret Garden“
Land: UK
Jahr: 2020
Regie: Marc Munden
Drehbuch: Jack Thorne
Vorlage: Frances Hodgson Burnett
Musik: Dario Marianelli
Kamera: Lol Crawley
Besetzung: Dixie Egerickx, Edan Hayhurst, Amir Wilson, Colin Firth, Julie Walters

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Der geheime Garten (2020)
„Der geheime Garten“ erzählt von einem Waisenmädchen, das auf dem Anwesen des distanzierten Onkels einen wundersamen Garten findet. Letzterer ist schön in Szene gesetzt, dafür hapert es beim Inhalt. Gerade bei den Figuren und ihren Entwicklungen nahm man sich nicht die nötige Zeit, trotz emotionaler Geschichte will hier kein echtes Gefühl aufkommen.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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