Kritik

Die Stimme des Regenwaldes

„Die Stimme des Regenwaldes“ // Deutschland-Start: 22. Oktober 2020 (Kino)

Der 29-jährige Schweizer Bruno Manser (Sven Schelker) hat genug von der Oberflächlichkeit der Zivilisation, von der allgegenwärtigen Gier nach Reichtum, Macht und Statussymbolen. Und so reist er 1984 nach Borneo, um in dem Dschungel neue Erfahrungen machen zu können und sich selbst zu finden. Dort trifft er auf den nomadischen Stamm der Penan, der ihn nach anfänglicher Skepsis bei sich aufnimmt und als einen der ihren ansieht. Jahre später ist Bruno fest integriert und bereit, den Rest seines Lebens bei ihnen zu verbringen. Doch dieses neu gefundene Glück wird bald bedroht: Der Dschungel wird gnadenlos abgeholzt, der Handel mit Edelhölzern soll Malaysia zu Reichtum verhelfen. Manser will dem zunehmenden Lebensraumverlust der Penan nicht tatenlos zusehen und organisiert einen Widerstandskampf gegen den mächtigen Feind …

In den letzten Jahren ist das Bewusstsein stark gewachsen, welche Auswirkungen die ungebremste Abholzung von Wäldern und Zerstörung der Natur mit sich bringt. Zum einen wird auf diese Weise die drohende Klimakrise noch weiter angeheizt, wenn die grünen Lungen unserer Erde verschwinden. Gleichzeitig führt dies auch dazu, dass Tiere immer weniger Lebensraum zur Verfügung steht. Schon jetzt verschwinden weltweit in einer erschreckenden Geschwindigkeit die unterschiedlichsten Arten, Warnungen vor einem Massensterben werden immer lauter. Etwas in Vergessenheit gerät dabei, dass diese natürlichen Landschaften zuweilen auch das Zuhause von Menschen sind, von indigenen Völkern, die aus ihrer Heimat vertrieben werden und ebenfalls auszusterben drohen.

Ein zeitlos wichtiges Thema
Allein deshalb schon ist es gut und wichtig, dass mit Die Stimme des Regenwaldes nun ein Film in die Kinos kommt, der auf diese nur selten beachteten Gefahren hinweist. Basierend auf der Geschichte des realen Schweizers Manser erfahren wir hier von den Penan, einem Nomadenvolk, das seit den 80ern immer mehr dazu gedrängt wurde, die ursprüngliche Lebensweise aufzugeben und sesshaft zu werden. Dass auf diese Weise eine ganz eigene Kultur verloren ging und geht, war den entsprechenden Regierungen und Unternehmen egal. Der Zweck heiligte in dem Fall die Mittel. Und der Zweck lautet – wie praktisch immer – Geld. Um dieses zu bekommen, ist den Verantwortlichen alles recht. Zum Ende gewinnt der Film fast schon Thriller-Qualitäten, wenn ein Kopfgeld auf den starrköpfigen Aktivisten ausgesetzt ist.

Obwohl Die Stimme des Regenwaldes eigentlich eine vergangene Geschichte erzählt, die in den 80ern und 90ern spielt, ist der Film überaus aktuell. Er trifft sogar vermutlich mehr den Zeitgeist, als es seinerzeit der Fall war. Die Konzentration auf die menschlichen Schicksale – von Tieren ist hier nur als Jagdbeute die Rede – widerspricht zwar intuitiv erst einmal dem Wunsch, die Natur vor den Menschen zu schützen. Doch die zugrundeliegende Aussage, eben im Einklang mit der Natur zu leben und keinen Raubbau zu betreiben, die ist so universell, dass sich das Drama problemlos in die Reihe anderer Filme einfügt, die sich für Ökologie einsetzen. Ob nun Der Junge und die Wildgänse oder die zahlreichen Dokus wie zuletzt Unser Boden, unser Erbe – man kämpft für recht ähnliche Ziele.

Schöne Bilder, schwülstige Musik
Das ist grundlegend natürlich schon sympathisch. Außerdem tun Regisseur Niklaus Hilber und Kameramann Matthias Reisser (Der Bunker) alles dafür, dass die Schönheit der Natur richtig zur Geltung kommt. Gerade die erste Hälfte, die sich mit Mansers Entdeckung der Ursprünglichkeit und der Annäherung an den Nomadenstamm befasst, verwöhnt das Auge mit geradezu unwirklich schönen Aufnahmen des Dschungels. Sieht man einmal von einem wenig geglückten Wildschwein an, das zu offensichtlich am Computer entstanden ist, wird hier der Eindruck erweckt, in einem verborgenen Paradies gelandet zu sein, das es unter allen Umständen zu beschützen gilt. Verstärkt wird dieser Eindruck dadurch, dass die Figuren tatsächlich eine eigene Sprache sprechen, nur bei der Begegnung mit einer Außenwelt wird zu Englisch usw. gewechselt.

Umso bedauerlicher ist, dass eine doch sehr schwülstige Musik immer wieder die Illusion zerstört, inmitten der Wildnis unterwegs zu sein. Auch bei den Dialogen wird es teilweise arg künstlich – von der unnötig hinzugedichteten Liebesgeschichte mit einer Einheimischen, die so nicht im Leben von Manser stattgefunden hat, ganz zu schweigen. Da wurde dann doch zu sehr auf das Konfektionskino geschielt, was bei einem Film, der sich mit dem Kampf um Ursprünglichkeit beschäftigt, nicht so wirklich überzeugend ist. Insgesamt überwiegt der positive Eindruck jedoch: Die Aussage ist wichtig, die Darstellung des Aktivisten durch den Schweizer Sven Schelker (Auerhaus) ist intensiv. Und auch wenn der Einsatz für die Penan nicht den Erfolg hatte, den sich der Exilant gewünscht hatte, ist er noch immer aktuell und Aufforderung, auf die Natur mehr Rücksicht zu nehmen – und auf deren Bewohner, gleich welcher Art sie nun angehören.

Credits

OT: „Paradise War – The Story of Bruno Manser“
Land: Schweiz
Jahr: 2019
Regie: Niklaus Hilber
Drehbuch: Niklaus Hilber
Musik: Gabriel Yared
Kamera: Matthias Reisser
Besetzung: Sven Schelker, Nick Kelesau, Elizabeth Ballang

Bilder

Trailer

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Die Stimme des Regenwaldes
„Die Stimme des Regenwaldes“ erinnert an den Schweizer Aktivisten Bruno Manser, der in den 80ern und 90ern gegen die Abholzung des Regenwaldes und den damit einhergehenden Lebensraumverlustes eines Nomadenvolkes kämpfte. Die Aussage des Films ist dabei so aktuell wie eh und je, die atemberaubenden Bilder und die intensive Darstellung machen ihn sehenswert. Ärgerlich sind dafür die schwülstige Musik und diverse inhaltliche Schwächen.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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