Kritik

Der Tiger von Eschnapur Das indische Grabmal 1959

„Der Tiger von Eschnapur“ // Deutschland-Start: 22. Januar 1959 (Kino) // 4. September 2020 (DVD/Blu-ray)

Der deutsche Architekt Harald Berger (Paul Hubschmid) ist auf dem Weg in die indische Stadt Eschnapur, wo er für den Fürsten Chandra (Walther Reyer) ein großes Bauprojekt planen sowie dessen Umsetzung begleiten soll. In einem kleinen Dorf begegnet er der Tempeltänzerin Seetha (Debra Paget), die ebenfalls auf dem Weg zu Fürst Chandra ist wegen einer Zeremonie, und begleitet sie auf dem Weg in die Stadt. Beinahe kommt es zu einem tragischen Zwischenfall, als ein menschenfressender Tiger die Reisegruppe angreift, den der beherzt agierende Berger mit einer Fackel vertreiben kann. In Eschnapur angekommen erhält er von dem tief dankbaren Fürsten nicht nur einen kostbaren Ring, sondern zudem das Angebot seiner Freundschaft, hat er sich doch in Seetha verliebt. Allerdings hat auch Berger ein Auge auf die schöne Tänzerin geworfen. Während sich Berger an die Arbeit macht und alles für die Zeremonie im Tempel vorbereitet wird, rumort es hinter den Kulissen, denn nicht jeder ist mit den Entscheidungen des Fürsten einverstanden. Die Fürsten Ramigani (René Deltgen), Chandras Halbbruder, sowie Padhu (Jochen Brockmann), der Bruder der verstorbenen Frau Chandras, führen eine kleine Gruppe von Adligen an, denen besonders der stark zunehmende westliche Einfluss im Königreich aufs Gemüt schlägt. Da auch ihnen nicht verborgen bleibt, dass sich der deutsche Ingenieur für Seetha interessiert, planen sie bereits an einer Intrige, die nicht nur den Fremdling in Verruf bringen soll, sondern ihnen zudem einen Vorteil über Chandra verschaffen soll.

Das andere Indien
Als Fritz Lang Ende der 50er Jahre nach Europa zurückkehrte, bot ihm der einflussreiche Produzent Artur Brauner die Regie an einer Neuverfilmung von Joey Mays Das indische Grabmal an. Lang hatte seinerzeit mit seiner damaligen Lebensgefährtin Thea von Harbou am Drehbuch zur Adaption ihres gleichnamigen Romans geschrieben, konnte aber die Regie selbst nicht übernehmen. Neben der Aufteilung der Geschichte in zwei Filme – Der Tiger von Eschnapur und Das indische Grabmal – inszenierte Lang ein großes Drama über Liebe und Verrat, aber auch über die Geister einer nicht überwundenen Vergangenheit.

Ein Aspekt, der Lang besonders missfiel an der ersten Umsetzung des Stoffes war das hohe Maß an Sentimentalität. Gänzlich ausmerzen konnte Lang dieses Element der Geschichte nicht, was sich besonders in den teils blumigen und mit Metaphern versehenen Dialogen niederschlägt sowie der an vielen Stellen ins Schmalzige abdriftenden Filmmusik Michel Michelets. Jedoch übernimmt die Geschichte aus erzählerischer wie auch ästhetischer Hinsicht nicht jenen problematischen Exotizismus in Bezug auf Indien sowie dessen Traditionen. Von der großen Theatralik von Mays Film ist nicht mehr viel erhalten oder es wird zumindest ergänzt durch eine tiefe Skepsis über dieses „andere Indien“, welches sich versucht mit jenem Europa und dessen Gebräuchen zu verbinden.

In gewisser Weise scheint die Geschichte in der Inszenierung Langs die Unvereinbarkeit beider Kulturen widerzuspiegeln. Dem berühmten Vers aus Rudyard Kiplings The Ballad of East and West folgend, nach der sich die beiden Kulturen niemals treffen sollten, ist auch Der Tiger von Eschnapur sowie dessen Fortsetzung von dieser Gewissheit definiert. Dies wird besonders deutlich in einem Charakter wie Seetha, die sich, auch wenn sie in beiden Kulturen aufwuchs, sich keiner so richtig zugehörig fühlt, was sich abermals in dem fatalen Liebesdreieck zwischen ihr, Berger und Chandra widerspiegelt.

Die morsche Substanz eines Königreichs
Darüber hinaus blickt Langs Verfilmung auf die Substanz jenes Königreichs. In einem ersten Treffen mit einem indischen Kollegen, der ihm fortan als Assistent dient, wird Berger von einer ganzen Reihe von Wassereinbrüchen sowie verdächtige Rissen in den Mauern der Stadt berichtet, welche auf den Ruinen aus der Mogul-Zeit erbaut wurde. Die Besichtigung der unterirdischen Anlagen fördert Schockierendes zutage, denn nicht nur ist das Mauerwerk morsch, einige der verschlossenen Kammern dienen auch der Beherbergung von Kranken. Kombiniert mit dem Andenken an Chandra erste Frau scheint diese Verdrängung der Vergangenheit ein problematischer Aspekt dieser Welt zu sein, der gerade mit Blick auf den zeitgeschichtlichen Kontext und der Verdrängung der Nazi-Zeit einen interessanten Sub-Text bietet.

Credits

OT: „Der Tiger von Eschnapur“
Land: Deutschland, Italien, Frankreich
Jahr: 1959
Regie: Fritz Lang
Drehbuch: Fritz Lang, Werner Jörg Lüddecke
Vorlage: Thea von Harbou
Musik: Michel Michelet
Kamera: Richard Angst
Besetzung: Debra Paget, Paul Hubschmid, Claus Holm, Sabine Bethmann, Walther Reyer, Luciana Paluzzi, René Deltgen, Jochen Brockmann

Trailer

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Der Tiger von Eschnapur
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Der Tiger von Eschnapur
„Der Tiger von Eschnapur“ ist eine interessante Neuverfilmung des Romans von Thea von Harbou. Auch wenn Fritz Lang nicht jeden Aspekt, wie beispielsweise das Maß an Sentimentalität, in den Griff bekommt, so inszeniert er doch eine Mischung aus Drama und Abenteuerfilm, die nicht nur einen kritischen Blick auf die Begegnung zweier Kulturen wirft, sondern auch über die Verdrängung der Vergangenheit berichtet.
8von 10

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