Kritik

La Bete Die Bestie

„Die Bestie“ // Deutschland-Start: 6. Februar 1981 (Kino) // 2. Dezember 2011 (DVD/Blu-ray)

Außer seinem Adeltitel ist dem Marquis de l‘Esperance (Guy Tréjan) nicht mehr viel geblieben, ist sein Vermögen doch schon seit Jahren verbraucht und sein Besitz nur mehr noch ein Schatten einer prunkvollen Vergangenheit. Um den Ruin dennoch aufzuhalten, sieht er in der Heirat seines Sohnes Mathurin (Pierre Benedetti) mit der reichen Millionenerbin Lucy Broadhurst (Lisbeth Hummel) einen letzten Ausweg. Während sich Mathurins Onkel (Marcel Dalio) mit aller Macht versucht, gegen den Plan seines Bruders zu stemmen, trifft dieser bereits alle Vorbereitungen für das Eintreffen Lucys und ihrer Tante aus England. Eilig wird der eigentlich nur an seinen Pferden und deren Zucht interessierte Mathurin noch getauft und über Kontakte zum Vatikan ein Kardinal von Namen für die Trauung beauftragt. Zunächst stehen die Zeichen gut für die Vermählung der jungen Leute, denn während sich Mathurin von seiner besten Seite zeigt, ist Lucy voller Erwartung, vor allem aufgrund des üppigen Waldes, der das Anwesen umgibt und bereits auf der Hinfahrt das Objekt vieler Fotos von ihr geworden war. Als Lucy dann auf das Gemälde wie auch das Tagebuch einer Vorfahrin Mathurins aufmerksam wird sowie eine seltsame Geschichte, nach der diese von einem monströsen Biest im Wald des Anwesens angegriffen wurde, ist sie erschrocken, aber auch ungemein fasziniert. Immer mehr steigert sie sich in eine Fantasie hinein, in der sie sich ausmalt, wie eine junge Frau in dem Wald von eben jenem Biest angefallen wird.

Romantische Wildnis
Eigentlich war Das Biest als eine weitere Episode in Walerian Borowczyks Unmoralische Geschichten geplant und wurde auch gedreht, doch letztlich entschied sich der Regisseur diese auf Spielfilmlänge auszuweiten und ihr einen erzählerischen Rahmen zu geben. Die explizite Darstellung von Sex sowie die Vergewaltigung einer Frau durch eben jenes Biest, welches Borowczyk in vielen Details darstellt, brachte ihm wie auch seinem Werk in vielen Ländern einige Kontroversen ein. Mag man auch einige Aspekte des heutigen Kultfilms albern finden, so lohnt sich der Film alleine schon wegen seines hintersinnigen Umgangs mit Themen wie Moral und Religion.

Oft wurden Filmemacher wie Walerian Borowczyk in die Schmuddelecke der Filmbranche gestellt. Abgesehen einmal davon, dass ein solches Etikett dem Konzept des Films, seiner Themen wie auch der Ästhetik, nicht gerecht wird, bestätigt man damit das Verständnis von Autorität, das in vielen Werken des Regisseurs vorliegt. Das Tabu oder das Verbot schafft letztlich solche Biester, definiert einen dunklen Trieb, der tief in den Menschen wohnt und der eine gewisse Faszination nach sich zieht, die dann nicht mehr zu kontrollieren ist. In Das Biest stilisiert Borowczyk diese gar zu einem Familienfluch, der, sollte die Vermählung Mathurins und Lucy stattfinden, den Tod des letzten Nachkommens der de l’Esperances nach sich ziehen wird. So sind Tod und Trieb bereits zu Anfang eng miteinander verknüpft.

Entgegen seines Rufes als Sexfilm ist es überraschend, mit welchem Nachdruck dieser geahndet, sanktioniert und unterbrochen wird. Einzig der afrikanische Diener erscheint als eine der wenigen Figuren, die nicht mit einer gewissen Scham diesem Thema gegenüber steht, auch wenn sein Geschlechtsakt mit einer Verwandten des Marquis immer wieder unterbrochen wird. Das Haus wirkt eng, beinahe klaustrophobisch, immer wird darauf geachtet, dass Türen und Fenster verschlossen sind, was den Eindruck einer zwanghaft-verklemmten Gesellschaft noch verstärkt, die sich vor der „romantischen Wildnis“, wie Lucy den Wald nennt, verschließt.

Moral und Trieb
Es ist Irrtum zu behaupten jemand wie Borowczyk wolle aus reiner Sensationsgier Tabus brechen, vielmehr scheint er zu fragen, was die Existenz dieser, das Erteilen von Denkverboten über die Gesellschaft aussagt. Obszön ist nicht zuletzt die Gier des Marquis, die Korruption seiner Familie, die er mit einer letzten Finanzspritze abzuwenden hofft, für die er sogar bereit ist, seinen Sohn einzuspannen, der, ähnlich wie Lucy, selbst eine gewisse Faszination mit der Natur und ihren Geschöpfen pflegt. Eine reine Verbotsgesellschaft, die sich durch Kategorien wie Schuld und Sünde definiert, weckt nicht nur Sehnsüchte, sondern erschafft Dämonen und verurteilt die Auseinandersetzung mit diesen.

Credits

OT: „La Bête“
Land: Frankreich
Jahr: 1975
Regie: Walerian Borowczyk
Drehbuch: Walerian Borowczyk
Musik: Michel Laurent, Jean-Pierre Ruh
Kamera: Marcel Grignon. Bernard Daillencourt
Besetzung: Sirpa Lane, Lisbeth Hummet, Elisabeth Kaza, Pierre Benedetti, Guy Tréjan, Marcel Dalio

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Das Biest (1975)
"Das Biest" ist eine hintersinnige Mischung aus Drama und Gesellschaftssatire. Explizit in der Darstellung und einem Gespür für vielsagenden Bilderwelten ist Walerian Borowczyks Film gerade wegen seiner Thematisierung von Verboten und dunklen Trieben sehenswert, benötigt aber einen intellektuell wachen Zuschauer.
6von 10

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