Kritik

Summer White

„Summer White” // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Nach der Trennung seiner Eltern lebt Rodrigo (Adrián Rossi) bei seiner Mutter Valeria (Sophie Alexander-Katz), zu der er ein sehr inniges, liebevolles Verhältnis pflegt. Nur selten sucht Rodrigo die Einsamkeit, wenn er beispielsweise nach der Schule auf einem Schrottplatz herumhängt und eine Zigarette nach der anderen raucht. Jedoch wird die Beziehung zu einer Mutter empfindlich gestört, als diese ihn mit Fernando (Fabián Corres) bekannt macht, mit dem sie schon seit einiger Zeit sich verabredet hat und der nun ihr neuer Freund ist. Auch wenn ihm das Misstrauen des Jungen nicht entgeht, versucht Fernando eine Verbindung zu Rodrigo aufzubauen, indem er ihm, obwohl er dafür noch zu jung ist, das Autofahren beibringt und ihm das Rauchen in seiner Gegenwart erlaubt. Ein gemeinsamer Urlaub der drei soll das neue Glück perfekt machen, doch so recht trauen will Rodrigo Fernando immer noch nicht. Was zunächst subtil begann, wird nun von einer offensichtlichen Distanz zu Versuchen, die Beziehung seiner Mutter und Fernandos zu stören. Immer destruktiver wird Rodrigos Verhalten und zugleich zieht er sich mehr und mehr zurück in ein anderes Leben, abseits des Hauses seiner Mutter. Als Fernando einen erneuten Versuch unternimmt, Rodrigo für sich zu gewinnen, kommt es zu einem schrecklichen Vorfall.

Der Mann im Haus
Nach einer Reihe von Kurzfilmen starten im Jahr 2020 neben einem Spielfilmdebüt Summer White noch gleich zwei andere Projekte des Mexikaners Rodrigo Ruiz Patterson. Der bereits auf dem Sundance Filmfestival mit viel Kritikerlob überhäufte Film, der nun auf dem Filmfest in Oldenburg seine Deutschlandpremiere erfährt, ist, in Anlehnung an dessen Titel, eine Geschichte mit vielen Grautönen sowie psychologischer Tiefe. Patterson erzählt ein raffiniertes Drama über Machtspiele und Konkurrenzdenken sowie die Fallstricke der Liebe und von Beziehungen.

Als eine Idylle stellt sich das Leben mit der Mutter für den jungen Rodrigo dar, der nicht nur von ihr bekocht wird, sondern auch nachts, wenn er nicht schlafen kann, zu ihr ins Bett kommen kann, um dort Trost und Schutz zu suchen. Es ist die Perspektive des jungen Mannes, die gleichzeitig die Geschichte einnimmt und welche gleichzeitig eine Version von Normalität zeigt, die dies schon lange nicht mehr ist. Spätestens wenn die beiden mit nacktem Oberkörper im Badezimmer sich die Zähne putzen – ein Ritual, welches für Rodrigo später noch eine gewichtige Rolle spielen soll –, wird klar, dass der Teenager die Rolle des „Mannes im Hause“ eingenommen hat und nun mit Eintritt in die Pubertät scheinbar Gedanken hat, auch noch die anderen Aspekte der Rolle zu übernehmen, ein Plan, bei dem jemand wie Fernando naturgemäß stört.

Die Natur und das Widernatürliche gehen Hand in Hand in Summer White. Auf der einen Seite begleitet man Rodrigo auf der Entdeckung des Selbst, des Körpers und der ersten Schritte in das Erwachsenenleben, Schritte, die er auf spielerischer Weise in einem schrottreifen Wohnwagen praktiziert, den er versucht wieder zusammenzuflicken und sich eine Art zweites Heim zu erschaffen. Dann aber wieder erhält man, vor allem durch die Reaktionen Fernandos auf die Handlungen Rodrigos, eine Ahnung davon, dass in dieser Beziehung etwas eingetreten ist, was schon lange über das Mutter-Sohn-Verhältnis hinausgeht und sich dem Ödipalen annähert. Nicht umsonst ist die Drohung der Mutter, er könne ja zum Vater ziehen, sehr wirkungsvoll, wenn es darum geht Rodrigo zur Vernunft zu bringen.

Das Mutter-Monster
Pattersons Geschichte psychologisiert nicht oder versucht sich an einer Wertung des Verhaltens seiner Figuren. Erst nach wenigen Minuten wird der Einfluss dieses Mutter-Monsters klar, wenn sich Valeria ihrer Rolle fügt, ihrem Sohn stattgibt und seine Blicke auf sehr zweideutige Weise erwidert. Die Reaktionen, wie die Gewaltausbrüche oder die Akte der Zerstörung, welche auf die Existenz des Nebenbuhlers folgen, geschehen plötzlich, sie erschrecken und geben einen kurzen Eindruck von der verletzten Seele dieses jungen Menschen, der die Normalität, welche nun vorliegt, nicht mehr versteht. Konsequent ist da die Zerstörung des Heims, die Rodrigo anstrebt.

Klare Bildkompositionen und ein Hang zum Realismus sind die Fundamente dieses Films sowie die bemerkenswerte Darstellung Adrián Rossis in der Hauptrolle, der gerade in schwierigen Szenen eine Abgeklärtheit an den Tag legt und in einer Inszenierung glänzt, die nicht erklären will, sondern Einblicke gewährt, von denen manchen sehr weh tun.

Credits

OT: „Blanco de Verano”
Land: Mexiko
Jahr: 2020
Regie: Rodrigo Ruiz Patterson
Drehbuch: Rodrigo Ruiz Patterson, Raúl Sebastián Quintanilla
Kamera: Mariá Saravasti Herrera
Besetzung: Adrián Rossi, Sophie Alexander-Katz, Fabián Corres

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Summer White
„Summer White” ist ein eindrucksvoll gespieltes Familiendrama über Männlichkeitsbilder und den Wunsch nach Liebe. In seinem Spielfilmdebüt beweist Rodrigo Ruiz Patterson seinen Blick für das Subtile, für die Grautöne in den Beziehungen seiner Figuren.
7von 10

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