Kritik

Als Xiaozhen Wang und seine Frau Qing Shi (Zhou Qing) ihre Tochter von den Großeltern abholen, um danach sogleich zu Qing Shis krankem Urgroßvater zu fahren, ist die Stimmung unter den Eheleuten bereits sehr angespannt. Wiederholt wirft sie ihm vor, eine Affäre zu haben oder noch Gefühle für eine andere Frau und generell wenig Verantwortung innerhalb der Familie zu übernehmen. Während seine Frau auf der Rückbank mit der kleinen Tochter spielt und ihr etwas zu essen gibt, versucht sich Wang auf das Fahren zu konzentrieren, aber zugleich die verbalen Attacken seiner Frau zu parieren. Spätestens als sie die gemeinsame Tochter bei den Urgroßeltern abgesetzt haben und zu einem anderen Termin weiterfahren, eskaliert die Situation und Qing Shi geht über in physische Attacken, während Wang, der zunächst mit verbalen Mitteln versucht zurückzuschlagen, schließlich versucht, die Situation zu klären. In der Mitte des Films wechselt das Szenario, wobei Xiaozhen Wang abermals der Fahrer ist, der dieses Mal Qing Shi mit seinem Wagen aufsammelt vor ihrer Wohnung. Was zunächst wie ein harmloses Gespräch über Wangs Beziehung beginnt und seine Gefühle, Vater zu werden, verändert sich drastisch, als er Qing Shi gesteht, er habe sich in sie verliebt und wolle ihr dies vor der Bestätigung der Schwangerschaft seiner Freundin geklärt haben wollen. Doch auch dieses Szenario zerbricht sich, womit der Film sich abermals vor den Augen des Zuschauers ändert.

Über das Ausbeuten anderer
Die Filmwelt Hongkongs ist, wie die Filmindustrie anderer asiatischer Länder auch, erfüllt von einer Vielzahl von Ehe- und Familiendramen, nicht zuletzt, weil gerade diese zuletzt die großen Preise auf Festivals in aller Welt gewannen und Kritikerlieblinge sind. In seinem zweiten Film, nach seinem Debüt Around that Winter, spielt Regisseur Wang Xiaozhen auf jene große Tradition an, doch geht mit Love Poem noch einen Schritt weiter. Das Drama, welches im Rahmen des Filmfests Hamburg 2020 gezeigt wird, beschreibt das Ende einer Liebe, erzählt von emotionaler Distanz und dem Erkalten von Gefühlen.

Ästhetisch minimalistisch und mit einem Fokus auf die beiden Schauspieler betont Wang Xiaozhen den Widerspruch der räumlichen Nähe der beiden Figuren und der gleichzeitigen Distanz. In beiden Geschichten ist das Auto der filmische Raum, eingefangen von einer festen Kamera, die nur selten wechselt. Gerade diese Konzentration auf die Darsteller, die an ähnliche Vorgehensweisen, beispielsweise bei Steven Knights No Turning Back, erinnert, bleibt nahe bei den Gesichtern der Figuren, die über einen Zeitraum von nur wenigen Minuten eine wahre Tour-de-force der Gefühle hinlegen, von Wut und Enttäuschung über schiere Verzweiflung über die Verfahrenheit der Situation sowie das Nicht-Einsehen-Wollen des Gegenübers.

Immer wieder kehren die beiden Figuren (in beiden Segmenten) auf das Thema der Ausbeutung anderer zurück. Neben der körperlichen Gewalt sowie der angespannten Atmosphäre von Beginn an, bemerkt man schnell, wie die Beziehung zu einem Erdulden des Anderen entwickelt hat. Die eigene Haltung wird verteidigt entweder körperlich oder emotional, wie es Wang versucht, der sich auf eher subtile Formen der Gewalt verlässt, als sich die Konfrontation zuspitzt.

„Ich bin das Spiel satt.“
Der minimalistischen Ästhetik zum Trotz ist Love Poem auch als eine Art Formexperiment zu verstehen. An vielen Stellen, besonders bei der zweiten Episode, bricht die Geschichte jene vierte Wand, enttarnt sich als ein Konstrukt, welches über einen gewissen Zeitraum aufrechterhalten wurde. Das Spiel oder die Maskerade wird gerade von Qing Shi nicht mehr ausgehalten, während Wang Xiaozhen wegen seines Filmprojekts auf das Aushalten der Szene sowie der Rolle beharrt. „Ich bin das Spiel satt“, sagt seine Darstellerin nach einiger Zeit zu ihm, sichtlich entnervt und den Tränen nahe. Die Kamera bleibt jedoch unerbittlich und filmt einfach weiter.

Dann ist da aber noch jenes im Titel angesprochene Gedicht, ein Liebesgedicht, was am Ende einer Episode und dann wieder am Beginn einer neuen steht. Auf der einen Seite wirkt es wie ein starrer Kontrast zu dem Geschehen, doch verweist es auch auf die Liebe, die nicht mehr da ist oder die im Spielen von Rollen verloren gegangen ist. Vielleicht ist auch diese Liebe nicht weiter als eine Rolle geworden, bei der man es irgendwann leid ist, sie noch weiter zu zeigen.

Credits

OT: „Qingshi“
Land: Hongkong
Jahr: 2020
Regie: Xiaozhen Wang
Drehbuch: Xiaozhen Wang
Kamera: Dixuan Wang
Besetzung: Qing Zhou, Xiaozhen Wang, Xiaoshou Wang, Fuguo Wang, Yujun Liu, Shiquan Zhou

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Love Poem
"Love Poem" ist ein ästhetisch minimalistischer, erzählerisch sehr kraftvoller Film über das Ende einer Liebe. Wang Xiaozhen erzählt mit wenigen Mitteln und tollen Darstellern eine Geschichte über das schmerzhafte Finde einer Wahrheit in einer Beziehung und über die Ausbeutung anderer.
8von 10

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