Kritik

Brave Mädchen tun das nicht A Nice Girl Like You

„Brave Mädchen tun das nicht“ // Deutschland-Start: 24. September 2020 (Kino)

Für Lucy Neal (Lucy Hale) kommt das Ganze als ziemlicher Schock: Ihr Freund schaut Pornos! Kurze Zeit später ist nicht nur die Beziehung vorbei, weil er nicht gewillt war, ihretwegen auf die Sexfilmchen zu verzichten. Er wirft ihr auch noch vor, dass sie verklemmt ist. Das kann sie natürlich nicht so ohne Weiteres auf sich sitzen lassen und erstellt deshalb eine spezielle Sex-to-do-Liste, mit derer sie beweisen will, dass sie mehr drauf hat. Unterstützung erhält sie dabei durch Nessa (Jackie Cruz), Pricilla (Mindy Cohn) und Paul (Adhir Kalyan), mit denen die Violinistin musiziert und die mit ihr einige der Stationen abklappern. Doch dabei läuft sie auch Grant (Leonidas Gulaptis) über den Weg, zu dem sie sich hingezogen fühlt und bei dem sie dieses Mal sexuell alles richtig machen will …

Sex und US-amerikanische Komödien, das ist eher selten eine fruchtbare Verbindung. Dass man es jenseits des großen Teiches weniger explizit mag, ist nicht wirklich ein Geheimnis. In Filmen bedeutet das dann entweder, dass man erst gar nicht über Sex spricht oder wenn dann hinter vorgehaltener Hand, um auch ja niemanden zu verschrecken. Oder man geht all in und versucht gerade durch Sex Komik zu erzeugen. Filme wie Vater des Jahres oder The Wrong Missy verlassen sich darauf, dass Menschen da draußen schon die bloße Erwähnung von Sex oder auch Geschlechtsteilen witzig finden, vielleicht als eine Art Ventil für einen Alltag, in dem beides nicht wirklich offen angegangen werden darf.

Die Romantik hinter dem Sex
Insofern ist es fast schon erfrischend, wenn Brave Mädchen tun das nicht sich dafür einsetzt, offen mit Sex umzugehen, ihn eben nicht als etwas darzustellen, für das man sich schämen müsste. Soweit die Theorie zumindest. In der Praxis bedeutet das jedoch, dass Lucy auf einmal in Sexläden einkauft, zu Hause ein Sexspielzeug neben dem anderen aufbahrt, zwischendurch auch mal einen Stripclub besucht. Doch das tut sie in derselben Art und Weise, wie sie ihre Einkaufslisten abarbeitet. Es ist etwas, das sie tun muss. Warum sie das tun muss, woher eigentlich ihre schwierige Beziehung zu Sex stammt, welchen sie als eine Art Pflicht ansieht, weniger als etwas, mit dem man tatsächlich Lust empfinden kann, das wird nicht thematisiert.

Eine wirkliche Auseinandersetzung findet in dem Film allgemein nicht statt. Brave Mädchen tun das nicht zeigt eine Frau, die auf ihre Weise von Sex besessen ist, dabei aber nur eine Störung durch eine andere austauscht. Man hat nicht wirklich das Gefühl, dass Lucy etwas dazulernt oder innerlich freier wird. Die Möglichkeit, gerade auch weibliche Sexualität zu stärken, wird kaum genutzt, da aus allem im Zweifel dann doch ein Witz gemacht werden muss. Das Ziel der monogamen Traumbeziehung, die bis an das Lebensende hält, wird ohnehin nicht in Frage gestellt. Bei aller Betonung von Sex und Frivolität: Am Ende läuft es doch ein wenig auf den Kleinmädchentraum hinaus, dass eines Tages ein fescher Prinz vorbeischaut und dich aus deinem Leben entführt.

Oberflächliche nette Komödie
Das muss man nicht automatisch schlecht finden. Wer sich selbst zu der Zielgruppe solcher romantischer Komödien zählt, bei denen Bestätigung nur in Form wahrer, tiefer Liebe mit hübscher Oberfläche erfolgt, der darf diese hier finden. Ein Märchen eben, nur mit Dildos und Pornos. Und zumindest manchmal ist Brave Mädchen tun das nicht tatsächlich amüsant. Das ist jedoch eher auf die Nebenfiguren zurückzuführen, die ein bisschen stärker und pointierter auftreten dürfen. Lucy Hale (Fantasy Island, Wahrheit oder Pflicht) bleibt im Vergleich doch recht blass, was teilweise auf die Figurenzeichnung zurückzuführen ist, aber auch auf ein nicht so übermäßig großes komisches Talent. Ihr Gegenpart Leonidas Gulaptis bekommt erst gar nicht die Chance, irgendwie Eindruck zu schinden. Sein gutes Aussehen muss reichen.

Wem das reicht, wer von einem Film über eine Art Selbstfindung gar nicht mehr erwartet als den Status Quo, der kann  sich hiermit schon die Zeit vertreiben. Auch wenn der Humor nicht übermäßig inspiriert ist, es gibt nicht ganz so viele Fremdschäm-Witze, über die man sich aufregen müsste. Da gibt es in diesem Bereich deutlich Schlimmeres. Es ist allgemein weniger so, dass Brave Mädchen tun das nicht viel falsch machen müsste. Die Komödie macht nur eben auch nicht wirklich viel richtig, ist selbst letztendlich einfach zu brav, vielleicht auch zu mutlos, um aus der Komfortzone auszutreten. Ein netter, kleiner Film, mit dem man anderthalb Stunden totschlagen kann, über den man im Anschluss aber kaum weiter nachdenken wird.

Credits

OT: „A Nice Girl Like You“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Chris Riedell, Nick Riedell
Drehbuch: Andrea Marcellus
Vorlage: Ayn Carrillo Gailey
Musik: Aaron Zigman
Kamera: Nico Van den Berg
Besetzung: Lucy Hale, Leonidas Gulaptis, Mindy Cohn, Adhir Kalyan, Jackie Cruz

Bilder

Trailer

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Brave Mädchen tun das nicht
3.62 (72.31%) 26 Artikel bewerten

Brave Mädchen tun das nicht
In „Brave Mädchen tun das nicht“ will eine Frau beweisen, dass sie nicht verklemmt ist, indem sie eine Sex-to-do-Liste abarbeitet. Das hört sich verrucht an, ist es aber nicht. Vielmehr ist die Liebeskomödie selbst sehr brav, sowohl beim Humor wie auch beim Traum vom großen Liebesglück. Das ist nett, verzichtet aber auf eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Thema oder eine echte Entwicklung.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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