David Copperfield gehört sicher zu den bekanntesten Romanen des englischen Schriftstellers Charles Dickens, viele Male wurde die Geschichte eines Jungen, der eine harte Kindheit übersteht und später zu einem Autor wird, bereits adaptiert. Mit David Copperfield – Einmal Reichtum und zurück (Kinostart: 24. September 2020) wagte sich der für einen Oscar nominierte Autor und Regisseur Armando Iannucci an eine ganz eigene Interpretation des bekannten Stoffes. Wir haben uns mit dem Filmemacher darüber unterhalten, was er mit seiner Version anders machen wollte, aber auch welche Aufgabe die Kunst in seinen Augen hat.

Der Roman David Copperfield von Charles Dickens wurde schon mehrere Male verfilmt. Warum hast du dich entscheiden, eine weitere Adaption zu drehen?
Das stimmt schon, aber für mich persönlich haben die bisherigen Adaptionen den Humor des Buches nie so wirklich eingefangen. Die Freude an der Welt und den Figuren, an der Sprache und Vorstellungskraft. Der Roman ist teilweise sehr lustig, wenn er etwa beschreibt, wie Daniel das erste Mal betrunken ist. Adaptionen neigen oft dazu, ein bisschen zu ehrfürchtig zu sein und einfach nur die Handlung wiedergeben zu wollen. Dabei finde ich die Handlung bei Dickens gar nicht so wichtig. Sie ist oft nur ein Mittel, um uns seine Figuren und seine Welt vorzustellen. David Copperfield ist auch ein sehr modernes Buch über Identität und Marginalisierung. Themen wie geistige Krankheit oder Obdachlosigkeit sind nach wie vor sehr relevant. Ich wollte eine Adaption, die sich frisch und modern anfühlt und dabei aber nach wie vor dem Buch gerecht wird. Ich hatte das Glück, Nachkommen von Dickens zu begegnen, lange nachdem der Film fertig war. Und sie waren glücklich darüber, wie sehr er den Geist des Buches einfängt – was wiederum mich glücklich gemacht hat.

Aber du hast sie nicht vorher gefragt, ob sie mit deinen Ideen einverstanden sind?
Das nicht. Auf das Buch gibt es ja kein Copyright mehr, weshalb ich prinzipiell machen konnte, was ich wollte. Aber es war mir natürlich schon wichtig, nicht etwas völlig anderes daraus zu machen. Wenn du ein Buch adaptierst, egal welches, dann normalerweise, weil du darin etwas findest, das dich anspricht, das dich fasziniert. Und dieses etwas willst du bewahren.

Du meintest, dass du eine moderne Version der Geschichte erzählen wolltest. Warst du dann je in Versuchung, auch die Handlung in die Gegenwart zu verlegen?
Darüber nachgedacht habe ich zwar schon. Für mich funktioniert die Geschichte aber am besten in dem Originalsetting, weil du sonst einfach zu viel veränderst. Aber es war wichtig, dieses Setting sehr lebendig zu machen, sehr präsent, mit vielen Details, die dir das Gefühl geben, auch wirklich dort zu sein. Die Figuren in dem Film sehen sich selbst ja nicht als Teil einer Vergangenheit. Für sie ist das, was ihnen geschieht, die Gegenwart. Und deswegen musste sich auch das Geschehen wie eine Gegenwart anfühlen. London sollte sich groß und aufregend und furchteinflößend anfühlen, so wie es sich für die Menschen damals angefühlt hat.

Als du David Copperfield gedreht hast, hast du dich von den bisherigen Adaptionen inspirieren lassen? Oder hast du sie lieber komplett ausgeblendet?
Ich habe versucht sie auszublenden. Da viele Adaptionen doch eher die düsteren Seiten des Buches betonten und dabei die Freude wegließen, die ich vorhin meinte, wollte ich sie lieber vergessen und etwas Eigenes machen. Tatsächlich war das auch der Ansatz, den wir verfolgten: Stellt euch vor, es hätte vorher noch nie jemand ein Historiendrama gedreht. Vergesst die ganzen Konventionen und konzentriert euch stattdessen darauf, die Geschichte so zu erzählen, wie ihr sie erzählen wollt.

Was waren allgemein die größten Herausforderungen bei der Adaption?
Das Material in eine Form zu bringen, die auch als Film funktioniert. Figuren tauchen auf und verschwinden, die Geschichte verändert sich. Außerdem war es mir wichtig, dass das Publikum nicht das Gefühl hat, vor dem Film eine Aufnahmeprüfung ablegen zu müssen. Ich wollte auch Menschen ansprechen, die noch nie Dickens gelesen haben oder eine der Adaptionen gesehen haben. Mein Wunsch war, dass die ganze Familie zusammenkommen kann, um sich den Film anzuschauen. Dafür mussten wir den Inhalt so konzentrieren, dass jeder ihm folgen kann.

Das war mit Sicherheit nicht einfach. Wenn man einen Roman mit 600 Seiten adaptiert, muss automatisch etwas gekürzt werden. Wie lief dieser Prozess ab? Hast du zuerst festgelegt, welche Szenen so wichtig sind, dass sie auf jeden Fall in den Film müssen?
Szenen wie die, in denen David betrunken ist und überall seinen Namen sind, werden meistens als erstes gestrichen, weil sie für die Handlung nicht relevant sind. Sie sind aber relevant für die Atmosphäre, für die humorvolle Stimmung. Dafür habe ich die Figur Barkis rausgenommen. Der ist zwar einer der berühmtesten Charaktere des Buches. Aber seine Geschichte wurde so oft erzählt, dass ich keinen Sinn darin gesehen habe, das auch noch mal zu tun. Im Buch gibt es außerdem eine Nebenfigur namens Mell, ein Lehrer, der ganz erbärmlich Flöte spielt und später verschwindet. Also haben wir entschieden, seine Geschichte mit der von Micawber zu verbinden, machten aus der Flöte aber eine Konzertina. Wenn du einen Stoff adaptierst, musst du immer überlegen, was am besten für den Film ist, und darfst keine Angst davor haben, Sachen auch mal zu ändern.

David Copperfield ist die Geschichte eines Mannes, der davon träumt, Schriftsteller zu werden. Da du selbst auch schreibst, wie sehr konntest du dich mit ihm identifizieren?
Das war einer der Gründe, weshalb ich mich so zu dem Buch hingezogen gefühlt habe. Ich habe die letzten 30 Jahre damit verbracht darüber nachzudenken, wohin ich denn gehöre. Das mag damit zu tun haben, dass meine Eltern Italiener sind, ich in Schottland geboren wurde und als Brite eine Zeit in Amerika gearbeitet habe. Ich hatte auch nie einen wirklichen Job, bis ich irgendwann gemerkt habe: Ja, ich bin ein Autor. David hat ebenfalls lange gebraucht, bis er das für sich herausgefunden hat. Gleichzeitig wollte ich etwas machen, das die Kraft der Sprache feiert. Bei David haben wir uns an dem orientiert, wie Dickens selbst gewesen ist, wie er geschrieben hat, aber auch wie er von seinen eigenen Kindern beschrieben wurde. Zum Beispiel hat er seine Figuren vor dem Spiegel gespielt, bevor er sie niedergeschrieben hat. Ich wollte das Schreiben zeigen, das Kratzen einer Feder auf Papier, die Entstehung von Worten.

Hast du je an dir und dem Schreiben gezweifelt?
Die ganze Zeit. Ich muss mich da manchmal schon dazu überreden einfach weiterzumachen, auch wenn ich das Gefühl habe, gerade das Schlechteste überhaupt zu fabrizieren. Das geht aber jedem Autor so, vor allem mit dem ersten Entwurf. Der ist immer etwas unbeholfen, sagt nicht ganz, was du willst, wirkst nicht so, wie du vorher dachtest. Es gibt nichts Schlimmeres als einen ersten Entwurf. Aber es hilft dann nichts: Du musst einfach deinen Stolz runterschlucken und noch einmal drangehen. Vermutlich arbeite ich deshalb oft mit anderen Autoren zusammen, um mir das zu ersparen.

Und diese Zweifel bist du nie losgeworden, nach all den Jahren?
Nein. Aber Schauspieler werden dir dasselbe erzählen. Der erste Tag einer Probe ist immer grauenvoll. Jeder fühlt sich irgendwie unwohl, keiner kennt den anderen, man hat das Gefühl, seine Rolle noch nicht so wirklich verinnerlicht zu haben. Selbst jemand, der so erfahren und talentiert ist wie Ben Whishaw, geht es so. Als wir uns für den Film getroffen haben, war er mitten in der Vorbereitung für ein Stück. Und als ich ihn gefragt habe, wie es läuft, meinte er, dass es furchtbar ist, es immer furchtbar war und auch immer furchtbar sein wird.

Copperfield nutzt die Kunst, um damit auch sein Leben und seine Erfahrungen zu verarbeiten. Geht es in der Kunst um die Welt da draußen oder um den Künstler? Und kann man diesen Unterscheidung überhaupt machen?
Kunst hat schon viel damit zu tun zu beobachten, aber auch damit, etwas zu überdenken und anders zu gestalten. Ich selbst versuche, mich aus dem Ganzen herauszuhalten und die Welt abzubilden, wenn auch auf eine pointierte, vielleicht ungewöhnliche Weise. Aber es kommt sicher vor, dass man sich unbewusst selbst einbringt. Bei David ist es so, dass sein Schreiben zwar auf seinen Erinnerungen basiert, aber er bearbeitet diese ja, formt sie, verwandelt sie in eine Geschichte. Das wahre Leben ist chaotisch, rau und unfertig. Geschichten brauchen aber eine Form und ein Ende. In meinem Film habe ich deshalb auch versucht beides zu haben: das Authentische und das Kunstvolle. Auf der einen Seite haben wir viel Zeit und Mühe investiert, um die Ausstattung, die Kostüme und so weiter so zu gestalten, wie sie damals gewesen sind. Gleichzeitig haben wir aber auch diese verspielten Elemente, wenn zum Beispiel ein Flashback auf eine Leinwand projiziert wird.

Was denkst du, ist ganz allgemein der Sinn und Zweck von Kunst?
Das ist eine große Farbe. Kunst soll dir zum einen die Möglichkeit geben, dich selbst hinter dir zu lassen. Gleichzeitig kann Kunst aber auch dazu dienen, dich selbst zu hinterfragen. Kunst kann dir neue Wege zeigen, etwas zu betrachten. Kunst macht dich nicht unbedingt zu einem besseren Menschen. Es hat immer welche gegeben, die zivilisiert sind und gleichzeitig furchtbare Dinge tun. Kunst kann aber ein Mittel sein, die Welt neu zu erfahren.

Die Besetzung der Figuren in David Copperfield ist offensichtlich ungewöhnlich. War das etwas, das du von Anfang an so geplant hast, oder hat es sich einfach ergeben?
Es war nicht so, dass wir darüber im Vorfeld groß debattiert hätten. Bei Dev Patel war es so, dass ich mir einfach niemand anderen für die Rolle vorstellen konnte. Niemand verkörperte für mich derart stark den Geist von David wie er. Glücklicherweise hat er dann auch ja gesagt, weil ich keine Alternative hatte. Natürlich war mir auch bewusst, dass einerseits ein Fuß in den 1840ern sein sollte, der Zeit, in der der Film spielt. Doch der andere sollte eben in der Gegenwart sein, weil ich das Gefühl hatte, dass der Film so relevant ist. Das Publikum sollte das Gefühl haben, mitten in das Geschehen hineinlaufen zu können und sich zu Hause zu fühlen.

Letzte Frage: Welche Projekte stehen als nächstes an?
Ich arbeite an der zweiten Staffel von Avenue 5 für HBO. Momentan sitze ich noch an den Drehbüchern, ab November können wir hoffentlich auch drehen. Ansonsten warte ich jetzt einmal ab, wie David Copperfield läuft, und entscheide danach, wie es weitergeht.

Zur Person
Armando Iannucci wurde am 28. November 1963 in Glasgow, Schottland geboren. Seine Karriere begann als Radioproduzent. In dieser Funktion arbeitete er an The Mary Whitehouse Experience und kreierte On The Hour, eine Nachrichtenparodie, die als The Day Today vom Fernsehen übernommen wurde. Sein Drehbuch für seinen Debütfilm Kabinett außer Kontrolle (2009) wurde für einen Oscar nominiert. Sein zweiter Film The Death of Stalin (2017) war sowohl ein Kritiker- wie Publikumserfolg und erhielt eine Reihe von Nominierungen und Auszeichnungen. Iannucci war zudem Hauptdarsteller seiner eigenen satirischen Komödiensendungen, darunter The Friday Night Armistice auf BBC Two, seiner Armando Iannucci Shows auf Channel 4 und seiner Radio 4 Show Armando Iannucci’s Charm Offensive.



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Armando Iannucci [Interview]
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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