Kritik

Space Dogs

„Space Dogs“ // Deutschland-Start: 24. September 2020 (Kino)

Selbst im Kontext von Werken wie Das Schloß oder Der Prozess sind die kleinen prosaischen Arbeiten Frank Kafkas wie Forschungen eines Hundes in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Nicht, nur wegen ihrer sprachlichen Eleganz, sondern vor allem wegen ihrer Mehrdeutigkeit erhalten diese Geschichten einen festen Platz innerhalb der Weltliteratur, nehmen sie doch ihren Leser mit auf eine Reise oder laden diesen dazu ein, die Welt aus einer anderen Sicht, in diesem Fall die eines Hundes, zu betrachten. Zeit seines Lebens versucht der tierische Protagonist der Erzählung, die Welt um sich herum zu verstehen, den Sinn hinter einigen Phänomenen zu erkennen, was letztlich nicht gelingt. In gewisser Weise ahmt eine Dokumentation wie Space Dogs von Elsa Kremer und Levin Peter eine solche Perspektive nach, doch ist es in diesem Fall der Mensch, der von außen auf die Welt der Hunde schaut, vieles nicht versteht, fragend zurückbleibt, zwischen Faszination und Ekel hin und her schwankt.

Im Kern bezieht sich Space Dogs auf das Raumfahrtprogramm und die Raumforschung Russlands, der es 1957 einen Hund namens Laika an Bord der Raumsonde Sputnik 2 in die Umlaufbahn der Erde zu befördern. Zwar holten die USA letztlich auf, als ihnen etwas Ähnliches mit einem Schimpansen gelang, doch die russischen Forscher waren von nun an nicht mehr zu bremsen, trainierten weitere Hunde, die sie aus den Straßen Moskaus oder Tierheimen holten, für weitere Einsätze im All, bei denen viele ihre Leben hergaben.

Neben informativen Archivmaterial zu diesen Einsätzen sowie einem Voice-Over, welches chronologisch über die Entwicklungen vor allem aus russischer Seite sowie das Schicksal der Hunde informiert, folgt die Kamera dem Leben heutiger Straßenhunde in Moskau. Hierbei deckt man viele Aspekte ihres Daseins ab, von der Nahrungssuche, dem gemeinsamen Toben bis hin zum Tod.

Das kosmische Zeitalter und die Hunde, die es mit sich brachten
Während ihrer Recherche stießen Elsa Kremser und Levin Peter auf die Tatsache, dass Laika einer jener Straßenhunde Moskaus gewesen war, der unverhofft eine solche Bedeutung für die russische Raumfahrt bekam. Wie die beiden Filmemacher in Interviews beschreiben, wollten sie zunächst gar keinen Film über die Verbindung der Straßenhunde zur Raumfahrt machen, doch als sich dann diese Verbindung offenbarte, beschlossen sie, diese in den Mittelpunkt ihres Projekts zu stellen.

So ergeben sich innerhalb eines Projekts wie Space Dogs zwei Achsen, die beide mit dem Aspekt des Raums und des Forschens zu tun haben, diesen aber etwas anders definieren. Die Straßenhunde, denen Yunus Roy Imers Kamera folgt, können als jene Forscher oder Überlebenskünstler gesehen werden, die tagtäglich eine ihnen größtenteils feindlich gesinnte Welt erforschen. In faszinierenden, teils grausamen Bildern zeigt sich der tägliche Überlebenskampf, ergeben sich unverhofft ausgelassene Momente, wenn beispielsweise zwei Hunde miteinander in einem stillgelegten Gleisabschnitt spielen. Beinahe wirkt dies wie jene Welt, die Kafka beschreibt, in der die Sicht der Hunde eine Existent beschreibt, die parallel zu der Menschenwelt abläuft, diese bisweilen berührt, nur um sie dann wieder zu verlassen.

Jene Berührungen der beiden Welten definieren die nicht minder faszinierende zweite Achse des Films, die sich mit dem Raumfahrtprogramm Russlands befasst. Als Repräsentanten eines Landes und damit einer Ideologie unterstellt, bricht jenes „kosmische Zeitalter“, von dem der Erzähler berichtet, über die Tiere hinein und man wird Zeuge, wie die täglich gedrillt werden und für den Flug in einer Raumkapsel angepasst werden. Diesem Prozess der De-naturalisierung folgt stets die Gegenüberstellung zu dem Leben der Straßenhunde, jenem anderen „Erforscher“ der Welt, die für ihn wahrscheinlich ebenso verwirrend und unerklärlich ist wie für den Menschen das Weltall.

Credits

OT: „Space Dogs“
Land: Deutschland, Österreich
Jahr: 2019
Regie: Elsa Kremser, Levin Peter
Drehbuch: Elsa Kremser, Levin Peter
Musik: Jonathan Schorr
Kamera: Yunus Roy Imer

Bilder

Trailer

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Space Dogs
„Space Dogs“ von Elsa Kremer und Levin Peter ist eine faszinierende, toll fotografierte Dokumentation über die Beziehung von Mensch und Tier sowie ihre beiden Welten. Mittels der Gegenüberstellung historischer Aufnahmen und dem Leben von Straßenhunden entsteht eine Geschichte, die nachdenklich macht über die Sinnsuche in der Welt, die Begreifbarkeit des Universums.
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