In Unsere verlorenen Herzen, einer Adaption von Krystal Sutherlands Roman Our Chemical Hearts, erzählt Regisseur und Co-Autor Richard Tanne von einem Schüler, der die Schulzeitung leiten will und dabei einer neuen Mitschülerin begegnet, die eine traurige Vergangenheit mit sich herumträgt. Seit dem 21. August 2020 ist der Coming-of-Age-Film auf Amazon Prime Video erhältlich. Wir haben uns mit dem Filmemacher über sein Werk unterhalten, über den Schmerz des Erwachsenwerdens und die Frage, wie er Liebe definiert.

Kannst du uns ein wenig über die Hintergrundgeschichte von Unsere verlorenen Herzen erzählen? Wie bist du zu dem Projekt gestoßen?
Lili Reinhart hatte den Roman gelesen und wollte in einer Filmadaption die Rolle der Grace spielen. Sie hatte meinen ersten Film My First Lady gesehen und dachte, dass ich mich vielleicht mit dem Stoff identifizieren könnte. Also habe ich das Buch gelesen und fühlte mich gleich zu den düsteren Themen hingezogen, die darin angesprochen werden. Der Schmerz und Verlust, der damit verbunden ist, wenn du die Schwelle vom Jugendlichen zum Erwachsenen überschreitest. Für mich war das eine sehr interessante Art, mich einer Geschichte über junge Menschen anzunähern.

Du kanntest das Buch vorher also nicht?
Nein. Ich hatte es nie gelesen, wusste nicht einmal, dass es existiert. Hätte Lili es mir nicht vorgeschlagen, hätte ich wohl auch nicht davon erfahren. Aber nachdem sie so sehr dafür brannte, war ich schon neugierig. Ich kannte sie aus der Serie Riverdale, auch wenn ich nicht viel davon gesehen habe, und fand sie fantastisch darin.

Ein Coming-of-Age-Film steht und fällt oft mit der Besetzung. Da Lili den Film initiiert hat, war sie natürlich bereits gesetzt. Aber wie sah es bei den anderen Figuren aus? War es schwierig, die richtige Besetzung zu finden?
Nein, war es nicht. Ich wünschte, ich hätte hier eine etwas interessantere Antwort für dich. Lili war gesetzt, stimmt. Aber auch an Austin, der die Rolle von Henry spielt, habe ich von Anfang an gedacht wegen seines Films Im Zweifel glücklich, der wirklich großartig ist. Lili hatte mit ihm auch schon Jahre zuvor bei einem Kurzfilm mit ihm gearbeitet und war mit ihm befreundet. Es war also für uns beide klar, noch vor dem Vorsprechen, dass er es sein würde. Bei der Rolle der Schwester hatte Sarah Jones ein Video geschickt und war gleich engagiert. Bei Kara Young, die Lola spielt, war es ebenfalls sofort klar, niemand war auch nur annähernd so gut wie sie. Ich wollte die Figuren so nah wie möglich am Buch besetzen. Klar sind die Schauspieler und Schauspielerinnen keine Teenager mehr. Aber es gab so viele Übereinstimmungen, die mich davon überzeugt haben, dass niemand sich verstellte muss.

Der Coming-of-Age-Bereich, zu dem auch Unsere verlorenen Herzen gehört, erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit. Was ist so anziehend daran, sowohl für Filmemacher wie auch das Publikum, sich noch einmal in diese Phase auf dem Weg zum Erwachsenenalter zurückversetzen zu lassen?
Gute Frage. Ich habe gar nicht so sehr darüber nachgedacht, woran das Publikum Interesse haben könnte. Ich bin auch nicht sicher, ob ich darüber nachgedacht habe, warum ich es für sinnvoll halte, diese Art Geschichte zu erzählen. Für mich ist das Filmemachen sehr viel instinktiver und intuitiver. Das Buch hatte mich in meine eigene Zeit in der High School zurückversetzt, als ich der Chefredakteur unserer Schulzeitung war. Ich war auch in einer ähnlichen Situation, dass ich mich damals verliebt habe, diese Gefühle aber nicht erwidert wurden, weshalb ich großen Liebeskummer hatte. Es ist auch die Phase, in der du das erste Mal über Sachen wie Leben und Tod nachdenkst und dich mit Verlust auseinandersetzen musst. Das ist es, was mich dazu angetrieben hat, die Geschichte erzählen zu wollen. Es ist ein bisschen peinlich, dass ich keine Ahnung habe, ob andere wirklich eine neue Version dieser Art Film sehen wollen. Ich weiß nur, dass ich ihn selbst hätte sehen wollen.

Also hast du beim Dreh auch nicht mit der Zielgruppe beschäftigt?
Das schon. Es war mir sehr wichtig, jungen Menschen auf Augenhöhe zu begegnen. Zuschauern und Zuschauerinnen, die gerade in dem Alter sind oder vielleicht noch etwas jünger. Es gibt so viele Filme, die herablassend sind beim Umgang mit einem jungen Publikum oder sich ihm anbiedern wollen. Als ich in dem Alter, habe ich mir gern Filme angesehen, die auf ihre Weise gefährlich waren und vielleicht ein bisschen außerhalb meiner Reichweite. Die Möglichkeit wollte ich anderen geben.

Chemical Hearts

Lili Reinhart und Austin Abrams in „Unsere verlorenen Herzen“ (© Amazon Studios)

Du hast vorhin schon erwähnt, dass dieses Alter mit vielen Herausforderungen einhergeht: Du versuchst dich selbst zu finden, musst mit Liebeskummer umgehen. In Unsere verlorenen Herzen hat man manchmal den Eindruck, dass die Jugend etwas ist, dass du höchstens überleben kannst, anstatt dich an ihr zu erfreuen. Würdest du dem zustimmen? Muss Jugend so hart sein?
Auf eine gewisse Weise ist sie für jeden hart, jedoch in Relation zum eigenen Leben. Im Film hast du mehrere Figuren, die alle ihre Schwierigkeiten haben, was es dir erlaubt, sie miteinander zu vergleichen. Nehmen wir Henry. Wenn wir ehrlich sind, hat er eigentlich ein tolles Leben. Er versteht sich super mit seinen Eltern und seiner Schwester, die Familie hat keine finanziellen Probleme. Wenn du dann Grace damit vergleichst, die sich mit dem Tod und Trauer auseinandersetzen muss und die körperliche Schmerzen und Beeinträchtigungen hat, das ist objektiv gesehen natürlich sehr viel härter. Bei Henrys Freundinnen ist es so, dass sie sich mit ihrer eigenen Sexualität auseinandersetzen müssen, was ebenfalls sehr schwierig ist. Doch als sie das alles überwunden haben, führen sie eine sehr viel gesündere Beziehung als Henry und Grace. Du kannst die einzelnen Situationen daher nicht wirklich miteinander vergleichen. Das bedeutet aber nicht, dass nicht jeder auf seine Weise leidet und eben leiden muss.

Wenn du jungen Menschen einen Rat geben müsstest, die gerade in einer solchen Situation sind, die leiden und nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen, welcher wäre das?
Sich den Film anschauen! Aber im Ernst, mein Rat ist: Es gibt nur einen Menschen, den man wirklich in Ordnung bringen kann und den man reparieren kann, wenn er an der Welt und an dem Leben kaputt geht. Und dieser Mensch ist man selbst. Das hört sich trivial an, stimmt aber. Außerdem ist Mitgefühl sehr wichtig. Für andere da zu sein, ein Freund zu sein, wenn sie dich brauchen. Ihnen eine Schulter zum Ausheulen zu geben und sie nicht zu verurteilen. Jeder Mensch hat seine eigenen Geschichten zu erzählen. Und manchmal ist es okay zuzugeben, dass du in der Geschichte des anderen nur eine Nebenfigur bist.

Wenn du auf deine eigene Jugend zurückblickst, gab es da irgendeine Erfahrung oder ein Ereignis, das dich geprägt hat? Das dazu beigetragen hat, dass du der bist, der du heute bist?
Ich habe zu dem Thema einen Artikel geschrieben, der auf talkhouse.com veröffentlicht wurde. Es gibt eine Szene in Unsere verlorenen Herzen. Darin erzählt Henry von einem Jungen, mit dem er früher befreundet war und der Selbstmord begangen hat. Henry hatte ein Pornomagazin, das ihm der Junge zuvor gegeben hatte und von dem er sich nach dem Tod verfolgt fühlte. Dieses Magazin wurde für ihn zu einem Symbol dafür, wie eigenartig und bedeutungslos ein Leben sein kann, denn es war das einzige, was ihm von dem Jungen geblieben ist. In meinem Umfeld haben sich während der Schulzeit zwei Leute das Leben genommen, was mich das erste Mal außerhalb der Kunst mit Schmerz und Trauer konfrontiert hat. Der erste Kurzfilm, den ich gedreht habe, handelt von einem dieser Jungen bzw. meiner Reaktion darauf. Ich war damals 16. Mein Artikel verbindet diesen Kurzfilm Tolerance mit der entsprechenden Szene in Unsere verlorenen Herzen, wie eine Nabelschnur, die sich durch mein ganzes Leben gezogen hat.

Hattest du dich vorher schon mit Filmen auseinandergesetzt? Wann wusstest du, dass du tatsächlich Filmemacher werden willst?
Tatsächlich schon mit sechs Jahren. Das weiß ich so genau, weil ich es mit einem bestimmten Erlebnis verbinde. Mein Vater hatte mich damals mitgenommen, damit wir uns Edward mit den Scherenhänden ansehen. Ich liebte diesen Film, wunderte mich aber, warum er wie Batman aussah. Mein Vater erklärte mir daraufhin, dass beide Filme denselben Regisseur hatten: Tim Burton. Zu dem Zeitpunkt wusste ich gar nicht, was ein Regisseur ist oder was er tut. Nachdem ich aber verstanden hatte, dass er die Filme macht und dafür sorgt, dass sie so aussehen, wie sie es tun, war klar, dass ich selbst einer werden wollte.

Um noch mal auf deinen Film zurückzukommen: Er lautet im Original Chemical Hearts. Ist Liebe wirklich etwas Chemisches bzw. Biologisches? Wie würdest du Liebe beschreiben?
Das ist nicht einfach zu beantworten. Und wahrscheinlich wird meine Verlobte meine Antwort hier auch nicht mögen (lacht). Früher dachte ich, dass Liebe etwas ist, das du nicht messen kannst, etwas Magisches und Spirituelles. Inzwischen habe ich da eine doch rationalere Sicht der Dinge. Liebe ist trotzdem magisch, obwohl sie auf Chemie basiert, da Chemie für mich eine magische Wissenschaft ist. Dein Gehirn sendet dir Signale, dich mit einer bestimmten Person zu paaren. Der Paarungsprozess wandelt sich aber von einer anfangs sexuellen zu einer stärker emotionalen Beziehung, sofern diese halten sollte. Die Schwierigkeit ist jemanden zu finden, der für dich da ist, auch abseits dieser rein biologisch-sexuellen Beziehung. Aber selbst dann bin ich davon überzeugt, dass die Grundlage der Beziehung das Biologische ist. Dass du das Gefühl hast, dich mit jemandem paaren zu können und sicher zu sein. Der Film ist für mich wahrscheinlich der erste Schritt, beides miteinander zu versöhnen: die Magie und die Wissenschaft.

Zur Person
Richard Tanne wurde am 4. Februar 1985 in Livingston, New Jersey geboren. Er begann als Teenager mit dem Schreiben und gewann die von  Stephen Sondheim gegründete Young Playwrights Inc. National Playwriting Competition. Seine ersten Berührungspunkte mit dem Thema Film war die von ihm mitkonzipierte und moderierte Film-Talk-Show Cinema Cool (2010). Anschließend war er unter anderem Produzent und Schauspieler. Sein Langfilmdebüt als Regisseur gab er 2016 mit dem hoch gelobten Drama My First Lady über das erste Date zwischen Barrack Obama und seiner späteren Frau Michelle Robinson. 2020 folgte sein zweiter Spielfilm, die Romanadaption Unsere verlorenen Herzen.



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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