Kritik

Giraffe

„Giraffe“ // Deutschland-Start: 6. August 2020 (Kino)

Die Chancen sind groß, die der neue Tunnel zwischen Dänemark und Deutschland bringen soll. Aber er geht zwangsläufig mit großen Verlusten einher, denn um Platz für den Bau zu schaffen, müssen diverse alte Gebäude weichen. Die Aufgabe von Dara (Lisa Loven Kongsli) ist es, diese festzuhalten, die Orten und Geschichten zu dokumentieren, bevor sie dem Erdboden gleichgemacht werden und in Vergessenheit geraten. Dabei lernt sie den jüngeren Lucek (Jakub Gierszał) kennen, der wie viele andere Polen auch herbeigekarrt wurde, um die Baustelle vorzubereiten – und sich dabei hoffnungslos in sie verliebt. Und sie sind nicht die einzigen, für die der Sommer sehr bewegend sein wird …

Ein bisschen trügerisch ist der Titel ja schon. Giraffe, das lässt wahlweise auf eine Naturdokumentation oder einen Familienfilm schließen, ist aber keins von beiden. Mit einem solchen Tier beginnt der Film tatsächlich, welches hoch oben die Welt anschaut. Und ein bisschen ist der Film auch wie eine Giraffe, wenn er aus der Distanz heraus den Menschen beim Wuseln zusieht, alle sind sie hier irgendwie mit etwas beschäftigt. Er sieht dabei sogar sehr genau zu, entdeckt zahlreiche Details, so viele, dass man sich gar nicht daran sattsehen kann. Aber es bleibt eine von Neugierde getriebene Verwunderung, was das hier alles bedeutet. Was das hier eigentlich ist.

Dokumentarische Annäherung
Hintergrund des Films ist der tatsächlich geplante Tunnel unter der Ostsee. Dauert es derzeit noch 45 Minuten, um mit der Fähre von der deutschen Insel Fehrmann zu dänischen Insel Lolland zu gelangen – oder umgekehrt –, so soll dies in Zukunft wenigen Minuten möglich sein. Das klingt toll, ideal für unsere heutige Zeit, die vor allem durch den Mangel an Zeit geprägt ist. Aber es bringt zwangsläufig Veränderungen mit sich. Wiegen die Vorteile die Nachteile auf? Darüber macht Giraffe keine Angaben. Regisseurin und Drehbuchautorin Anna Sofie Hartmann geht es gar nicht darum, gestern und morgen gegeneinander auszuspielen und Position zu beziehen. Sie will stattdessen lieber selbst erst einmal alles dokumentieren, so wie es ihre Hauptfigur Dara macht.

Tatsächlich wirkt Giraffe an vielen Stellen auch wie eine Dokumentation, die Unterscheidung zwischen Fakt und Fiktion ist nicht ohne weiteres möglich. Beispielsweise engagierte Hartmann eine Reihe von Laienschauspielern, die Versionen von sich selbst spielen. Der Film reiht sich damit ein in eine beachtliche Liste an Werken, die in den letzten Jahren diese Grenzen auf eine ähnliche Weise aufhoben – etwa The Rider, Ordinary Time oder Querência – Heimkehren. Zwar gibt es hier tatsächliche Schauspieler, neben Kongsli und Gierszal wäre da Maren Eggert, welche die Fährfrau Birte verkörpert. Aber der Wechsel zwischen den erfundenen Schicksalen und den realen wird so harmonisch vollzogen, dass man ihn kaum bemerkt. Ihn auch gar nicht bemerken muss.

Unterwegs unter vielen
Und das ist nicht der einzige fliegende Wechsel, den es hier zu bewundern gibt. Das Drama, das beim Locarno Film Festival 2019 Weltpremiere hatte, hat beispielsweise zwar drei offizielle Hauptfiguren – Dara, Lucek und Birte –, platziert diese jedoch in einem in einem größeren Personenkreis. Viele dieser Begegnungen sind flüchtig, etwa auf der Fähre. Sie finden nicht einmal zwangsläufig auf einer direkten Ebene an, wenn Dara das Tagebuch einer ehemaligen Bibliothekarin liest, welche in einem der abzureißenden Gebäude wohnte. Auch das trägt dazu bei, dass gestern, heute und morgen in einem ständigen Austausch sind, Spuren der Vergangenheit auf Schritt und Tritt entdeckt werden. Das gibt Giraffe auch oft eine leicht wehmütige Note, ausgelöst durch das Gefühl von Vergänglichkeit und Verlust. Durch das Wissen, dass nichts von Bestand sein wird, nicht die Gebäude, nicht die Romanze zwischen Dara und Luce, selbst die Fähre wird zu einem Symbol einer vergangenen Welt.

Während diese Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und der Wandel der Gegenwart vorherrschende Themen sind, findet Hartmann eine Reihe weiterer Komplexe und Gedanken, die sie beiläufig miteinander verwebt. Da wäre die Liebe einer Frau zu einem deutlich jüngeren Mann, der zynische Umgang mit Einwanderern, auch Überlegungen zu Klassenunterschieden drängen sich auf, ohne dabei jemals wirklich den Mittelpunkt für sich in Anspruch zu nehmen. Das Ergebnis ist ein fragmentarisches Drama, das eine Art Querschnitt darstellt, ohne dabei umfassend sein zu wollen. Ein filmischer Essay, der ganz nah an den Menschen und ihren Geschichten ist und im nächsten Moment schon wieder verschwunden sein kann, so wie die Bauarbeiter, die Bibliothekarin und eine große Liebe, die keine war.

Credits

OT: „Giraffe“
Land: Dänemark, Deutschland
Jahr: 2019
Regie: Anna Sofie Hartmann
Drehbuch: Anna Sofie Hartmann
Kamera: Jenny Lou Ziegel
Besetzung: Lisa Loven Kongsli, Maren Eggert, Jakub Gierszal

Bilder

Trailer

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Giraffe
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Giraffe
„Giraffe“ erzählt von einem geplanten Tunnelbau, erzählt von Leuten, die sich in dem Zusammenhang über den Weg laufen, aber auch solchen, die einmal waren. Das fragmentarische Drama befasst sich dabei mit einer Vielzahl von Themen, allen voran dem der Vergänglichkeit, wenn Gebäude und Menschen verschwinden, ein vergebliches Festhalten an der Flüchtigkeit, die das Leben ausmacht.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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