Mein ein, mein alles
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Mein Ein, mein Alles

(„Mon Roi“ directed by Maïwenn, 2015)

Mein ein mein alles DVD
„Mein Ein, mein Alles“ ist seit 21. Juli auf DVD und Blu-ray erhältlich

Es war quasi Liebe auf den ersten Blick, als Tony (Emmanuelle Bercot) in einem Club Georgio (Vincent Cassel) begegnet, den sie vor vielen Jahren schon einmal getroffen hatte. Es dauert auch nicht lang, da sind der charmante Restaurantbesitzer und die Anwältin ein Paar. Glücklich sind sie damit jedoch nicht immer. Während Tonys Bruder Solal (Louis Garrel) von Anfang an den schlechten Einfluss des Casanovas bemängelte, ist sie selbst viel zu sehr in der Beziehung gefangen, um noch klar sehen zu können. Aber warum nur? Eben darüber denkt sie Jahre später nach, beide sind längst getrennt, als sie nach einem Skiunfall einen mehrwöchigen Aufenthalt in einer Rehaklinik antritt.

„Das Aussehen entscheidet wer zusammen kommt, aber der Charakter entscheidet wer zusammen bleibt“, lautet ein beliebtes Sprichwort zum ewigen Rätsel, was eigentlich die Grundlage einer Partnerschaft ist. Wirklich beantworten kann der Satz die Geschehnisse in Mein Ein, mein Alles aber nicht, wie auch, wenn nicht einmal die Hauptfigur selbst eine Antwort darauf weiß? Denn eigentlich ist sie ja ganz vernünftig und bodenständig. Wäre da nicht Georgio, der alles andere als vernünftig und bodenständig ist, mit Tony aber mehr oder weniger alles machen kann, was er will, ohne dass sie sich dagegen wirklich wehrt.

Spekulieren darf man hier als Zuschauer natürlich über die Gründe, sowohl für die Anziehung wie die Passivität. Und zumindest anfangs fällt es auch nicht schwer, dem unbestreitbaren Charisma des Casanovas zu verfallen, dessen Mischung aus Sorglosigkeit und Fürsorglichkeit. Später jedoch scheinen diese Vorzüge in keinem Verhältnis mehr zu dem Kummer zu stehen, den Georgio Tony bereitet. Warum also bleiben? Dass der Film keine eindeutige Antwort darauf gibt, wird ihn für so manchen Zuschauer zu einer recht ärgerlichen, mindestens aber zähen Angelegenheit machen, scheint er sich doch immer um sich selbst zu drehen. Gleichzeitig zeichnet sich Mein Ein, mein Alles aber eben auch genau dadurch aus, dass es keine Erklärung erzwingen. Manchmal ist Liebe einfach ein Mysterium, ein hässliches noch dazu.

Denn hässlich wird die vierte Regiearbeit der Schauspielerin Maïwenn, die auch das Drehbuch mitschrieb, an vielen Stellen. Da wird geschrien und verletzt, manchmal ist die Wut sprachlos, oftmals erschaudert man selbst im fernen Fernsehsessel noch angesichts der rauen Intensität der gezeigten Gefühle, die explosionsartig aus den beiden hervorbrechen und alles um sich herum zerstören. Aber auch die kleineren, rührenden Momente sind überzeugend, was einen großer Verdienst von Vincent Cassel und Emmanuelle Bercot darstellt, die der Amour fou so viel Leben geben, als wäre es ihr eigenes.

Aber auch das hervorragend zusammenspielende Duo kann nicht ganz verhindern, dass sich Mein Ein, mein Alles zuweilen zieht. Streng chronologisch erzählt gibt es zwar ein ständiges auf und ab, immer neue Anlässe für Glück und Unglück. Aber nur wenig Abwechslung. Unklar bleibt auch, warum sich Maïwenn für die Rahmenhandlung des Klinikaufenthalts entschied. Natürlich, anfangs wird impliziert, dass der Skiunfall auch psychische Ursachen haben könnte. Genauso ist ein langer Aufenthalt, der von Ruhe und Immobilität geprägt ist, ein guter Anlass, um über das eigene Leben nachzudenken. Das geschieht hier jedoch zu wenig, eigentlich besteht der Film nur aus unreflektierten Einzelmomenten, die von Klinikszenen unterbrochen sind. Da hätte es durchaus mehr Verflechtungen geben dürfen, ebenso der Mut zu einem etwas assoziativeren Erzählen – wer erinnert sich schon streng chronologisch? Alternativ hätte die Rahmenhandlung auch problemlos gestrichen werden können, dem mit zwei Stunden dann insgesamt doch zu langen Film wäre das entgegengekommen. Aber trotz dieser Versäumnisse, es ist ein ebenso faszinierendes wie fesselndes Liebesdrama daraus geworden, das die üblichen Gute-Launen-Romanzen durch den Fleischwolf dreht und dabei die hässlichen Seiten einer zerstörerischen Liebe zum Vorschein bringt.



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Und sie lebten unglücklich bis ans Ende ihrer Tage: „Mein Ein, mein Alles“ erzählt die Geschichte eines Paares, das sich in seiner Abhängigkeit und gleichzeitigen Widersprüchlichkeit regelmäßig ins Unglück stürzt. Das ist dank der hervorragenden Darsteller faszinierend und fesselnd, selbst wenn man auf eindeutige Antworten verzichten muss und der Film insgesamt zu lang ist.
7
von 10