Kritik

Fehérlófia Sohn der weißen Stute Son of the White Mare

„Sohn der weißen Stute“ // Deutschland-Start: 13, August 2020 (Kino)

Trink die Milch deiner Mutter, bis du groß und stark bist, so wurde dem Sohn der Göttin in Gestalt einer weißen Stute gesagt. Und er hielt sich dran. Jetzt ist er ein Mann und hat übermenschliche Kräfte, die es ihm erlauben, sich aus seinem Gefängnis zu befreien und seine beiden Brüder zu suchen, die ebenfalls mächtig sein sollen. Gemeinsam machen es sich die drei zur Aufgabe, in die Unterwelt hinabzusteigen und bösartige Drachen zu besiegen. Der Lohn für die Mühen: die drei Prinzessinnen, die von den Drachen gefangen gehalten werden. Während der Plan schnell gefasst ist, tun sich die Brüder mit der Umsetzung schwer. Nicht allein, dass sie trotz intensiven Suchens keine Ahnung haben, wo sich der Eingang zur Unterwelt befindet. Es gibt da auch noch jemanden, der ihnen das Leben schwer macht …

Auch wenn Europa in den letzten Jahrzehnten natürlich schon enger zusammengerückt ist, diverse Vorbehalte, Vorurteile und Meinungsverschiedenheiten einmal außen vor gelassen, filmisch ist da noch eine Menge zu tun. Während wir hierzulande zumindest sporadisch Filme aus Frankreich bekommen, auch Südeuropa hin und wieder seinen Weg zu uns findet, ist alles östlich von uns mehr oder weniger unbekanntes Territorium. Beispiel Ungarn, bei dem selbst absolute Cinephile so ihre Probleme haben dürften, aktuelle Filme zu benennen. Eine kleine Ausnahme ist der Animationsbereich, der immer wieder mit ungewöhnlichen Werken die Aufmerksamkeit auf sich zieht – von der Zeichentrickserie Heißer Draht ins Jenseits über das psychedelische Märchen Hugo, das Nilpferd bis zum kunstvollen Heist Movie Ruben Brandt, Collector.

Reise in eine mythische Vergangenheit
Ein Name, der in dem Zusammenhang immer mal wieder fällt, ist Marcell Jankovics. Dabei ist die Filmografie des ungarischen Regisseurs und Autors eher überschaubar – was nicht zuletzt an den doch recht langen Produktionsphasen seiner Filme liegt, an The Tragedy of Man arbeitete er von 1988 bis 2011. Gerade mal vier Spielfilme hat er deshalb im Laufe seiner jahrzehntelangen Karriere gedreht, darunter Held Janos (1973), der erste ungarische Animationsfilm in Spielfilmlänge. Acht Jahre später folgte mit Sohn der weißen Stute sein zweiter Langfilm und blieb sich damit thematisch treu: Erneut griff Jankovics auf alte Märchen und Sagen zurück, die er in Form eines animierten Abenteuers umsetzte.

Wer bei dieser Beschreibung an Disney denkt, der sieht sich getäuscht. Zwar entstand der Film beim Studio Pannónia, welches seinerzeit eins der größten Europas war. Mit Mainstream-Zeichentrick für die ganze Familie hat das hier aber nur wenig zu tun. Stattdessen folgt Sohn der weißen Stute einer erzählerischen Tradition, welche die komplette Welt mythisch deutete, fantastischste Geschichten erfand, um Ideen zu veranschaulichen. So ist hier beispielsweise von einem riesigen Baum die Rede, mit 77 Ästen, auf denen 77 Raben sitzen, und 77 Wurzeln, auf denen es sich 77 Drachen gemütlich gemacht haben. Und auch die Vorstellung, dass eine weiße Stute eigentlich eine Göttin ist, diese menschliche Söhne gebiert, die von ihrer Milch trinken – bei Disney hätte man das wohl eher nicht gesehen.

Ein psychedelischer Rausch der Farben
Der andere große Unterschied ist, dass die visuelle Ausgestaltung weit von dem entfernt ist, was wir aus dem Kino oder dem Fernsehen kennen. Selbst wenn Sohn der weißen Stute inhaltlich mal bekannte Wege einschlägt – Drachen besiegen, um Prinzessinnen zu befreien –, sieht das Ergebnis ganz eigen aus. Die Drachen haben beispielsweise nichts mit unserer reptilienartigen Vorstellung zu tun, die wir pflegen, sondern sind eine Mischung aus Riesen und Maschinen. Die Prinzessinnen sind keine unberührten unschuldigen Maiden, sondern laszive Geschöpfe. Bei dem Gnom, der eine Zeit lang den drei Brüdern das Leben schwer macht, weiß man ohnehin nicht, was genau er sein soll, zu sehr verändert sich seine Form immer wieder.

Das ist aber eben auch die Stärke des Films: Hier ist alles im Fluss, Hintergründe wie Figuren sind in einem ständigen Wandel begriffen, oben ist unten, vorne ist hinten, nichts ist beständig. Das verleiht Sohn der weißen Stute eine sehr traumartige, teils psychedelische Atmosphäre. Dass man hier nicht immer versteht, warum was geschieht, ist deshalb nicht zwangsläufig ein Nachteil. Hier heißt es eben nicht rational zu erfassen, was vor dem eigenen Auge geschieht, sondern sich fallen zu lassen, einzutauchen in ein Meer aus Farben und Formen und sich einem Zauber hinzugeben, der nicht von dieser Welt ist. Der Film richtet sich daher an ein Publikum, dem eine kunstvolle Ausgestaltung wichtiger ist als der Inhalt, Letzteren kann man hier eher ignorieren. Wer sich darauf einlassen kann, der darf sich auf die restaurierte Fassung freuen, die hierzulande veröffentlicht wird und das zuweilen komische, faszinierende Abenteuer von seiner schönsten Seite zeigt.

Credits

OT: „Fehérlófia“
IT: „Son of the White Mare“
Land: Ungarn
Jahr: 1981
Regie: Marcell Jankovics
Drehbuch: László György, Marcell Jankovics
Musik: István Vajda
Animation: Pannónia

Bilder

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Sohn der weißen Stute
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Sohn der weißen Stute
„Sohn der weißen Stute“ zeigt drei mächtige Brüder, welche sich aufmachen, um Drachen zu besiegen und Prinzessinnen zu befreien. Die Geschichte ist eine Mischung aus bekannten Elementen, die aber stärker in der Tradition alter Mythen stehen, weniger neuerer Märchen. Sehenswert ist das vor allem für die farbenfrohen, dynamischen Bilder, die das Abenteuer zu einem psychedelischen Trip machen.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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