Ruben Brandt Collector

„Ruben Brandt, Collector“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Normalerweise ist es ja Ruben Brandts Aufgabe, anderen Menschen bei ihren Problemen zu helfen. Seine eigene bekommt der Psychotherapeut aber irgendwie nicht in den Griff. Immer wieder wird er in seinen Träumen von berühmten Gemälden attackiert, die ihm auf die eine oder andere Weise an den Kragen wollen. Und so weiß er sich nicht anders zu helfen, als diverse seiner Patienten für seine Dienste einzuspannen. Schließlich muss es ja etwas Gutes haben, lauter Kriminelle in seinem Umfeld zu haben. Befinden sich die Kunstwerke erst einmal in seinem Besitz, so die Theorie von Brandt, können sie ihm nichts mehr anhaben. Doch das ist leichter gesagt als getan, ist die Polizei dieser etwas anderen Gang doch dicht auf den Fersen.

Allzu oft dürfen wir ja nicht Animationswerke aus Ungarn sehen. Die wenigen, die in irgendeiner Form ihren Weg hierher finden, die sind dafür oft so eigenwillig, dass man sie kaum wieder vergisst. Ob es nun die komische Zeichentrickserie Heißer Draht ins Jenseits war, das psychedelische Tierabenteuer Das Nilpferd Hugo oder die Ghetto-Komödie The District – Welcome to My Hood, unsere östlichen Freunde scheinen eine Vorliebe für das Sonderbare zu haben. Ein Eindruck, der sich bei Ruben Brandt, Collecto mehr als bestätigt.

Wie seht ihr denn aus?
Dabei ist es hier in erster Linie die Optik, welche den Animationsfilm aus der Masse an Titeln hervorstechen lässt. Die ist eine Mischung aus handgezeichneten Elementen und Computergrafiken. Das funktioniert im Großen und Ganzen ganz gut, nur hin und wieder ist das Zusammenspiel von 2D und 3D etwas zu auffällig. Meistens ist man ohnehin viel zu sehr damit beschäftigt, die einzelnen Details der Figuren irgendwie zusammenhalten zu wollen. Nicht nur, dass in Ruben Brandt, Collector – ähnlich zu The Painting – Gestalten aus Gemälden lebendig werden. Auch die eigentlichen, „realen“ Menschen sehen so aus, als wären sie aus einem Bild geplumpst.

Das kann sehr surreal sein, vor allem Picasso scheint des Öfteren Pate gestanden zu haben. Da sind dann schon mal ein Paar Augen zu viel oder an der falschen Stelle. Proportionen stimmen hinten und vorne nicht, sofern man beides überhaupt voneinander unterscheiden kann. Ein Mitglied der Bande hält offensichtlich auch nicht viel von der räumlichen Ausdehnung von Körpern und nimmt sein 2D-Bild für bare Münze. Das ist vor allem für Kunstbeflissene ein wahres Fest, wenn hier ein Meisterwerk der Kunstgeschichte nach dem anderen durchs Bild wandert, oft in einer grotesken Variante. Aber auch sonst zeigt Regisseur und Co-Autor Milorad Krstic eine unglaubliche Kreativität bei der visuellen Ausgestaltung seiner Geschichte. Man glaubt dem eigentlich als Künstler bekannten Filmemacher gern, dass er sechseinhalb Jahre an Ruben Brandt, Collector gearbeitet hat.

Flache Figuren, dünne Geschichte
Eines ist dabei aber klar: Der Inhalt dürfte es weniger gewesen sein, der ihn so lange aufhielt. Sicher, das Szenario ist überaus kurios. Ein Psychotherapeut will die größten Kunstwerke dieser Welt, nur um nicht länger von ihnen in seinen Träumen verfolgt zu werden. Die konkrete Ausarbeitung dieser Geschichte ist jedoch weniger originell. Es ist streckenweise sogar etwas eintönig, wenn ein Raubzug nach dem anderen folgt. Zumal Krstic auch nicht viel Zeit pro Einsatz einplant, jeder ist im Handumdrehen schon vorbei. Mit klassischen Heist Movies, in denen minutiös ausbaldowert wird, wie der Schatz zu klauen ist, hat Ruben Brandt, Collector nichts am Hut. Die Einbrüche sind nur Mittel zum Zweck, es fehlt die Befriedigung, am Ende erfolgreich zu sein.

Und doch macht Ruben Brandt, Collector jede Menge Spaß. Der Festivalliebling – nach der Premiere in Locarno standen unter anderem das Anima Festival und die Fantasy Filmfest Nights auf dem Programm – erinnert ein wenig an die Krimikomödien von früher, bei denen etwa Verfolgungsjagden noch bewusst absurd sein durften. So wie alles hier etwas überzogen und verdreht ist, was wiederum zur Optik passt. Das lädt vielleicht nicht zum Mitfiebern ein, die Figuren sind zudem so flach, wie sie teilweise gezeichnet sind. Dafür bringt einen diese gleichzeitig skurrile und elegant-kunstvolle Wundertüte so oft zum Staunen, dass man sich noch viele weitere Animationsfilme aus Ungarn wünscht.

Ruben Brandt, Collector
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Ruben Brandt, Collector
„Ruben Brandt, Collector“ ist ein Kunstwerk. Oder besser: ganz viele Kunstwerke. Die Geschichte um einen Psychotherapeuten, der Gemälde stehlen lässt, um nicht länger von ihnen verfolgt zu werden, ist lediglich ein Anlass, viele bekannte Meisterwerke auftreten zu lassen. Und Figuren, die selbst wie Gemälde aussehen. Das ist inhaltlich vielleicht nicht spannend, optisch dafür umso mehr, ein surrealer wie humorvoller Spaß.
8von 10

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