Kritik

Sea of Shadows

„Sea of Shadows – Kampf um das Kokain des Meeres“ // Deutschland-Start: 23. Juli 2020 (Kino)

Dokumentarfilme stehen ja oft im Ruf, ein bisschen spröde zu sein, sich wenig dafür zu interessieren, wie man einen Inhalt auch filmisch umsetzen kann. Die gefürchteten Talking Heads, wenn die gesamte Laufzeit nur mit Interviewszenen gefüllt sind, stehen geradezu sprichwörtlich für einen Bereich, in dem es in erster Linie um das Vermitteln von Informationen geht, egal wie. Manchmal gibt es, je nach Thema, noch Texttafeln oder historische Aufnahmen. Das war es aber schon. Sieht man einmal von Natur- und Reisedokus ab, deren Daseinsberechtigung maßgeblich in der Optik besteht, wird relativ wenig in Letztere investiert.

Dass das auch ganz anders geht, das führt uns Richard Ladkani vor Augen. Schon die Anfangssequenz von Sea of Shadows – Kampf um das Kokain des Meeres ist überaus stylisch gehalten und erinnert an Werke aus dem Spionagefilm-Bereich. Später weicht das Kunstvolle dann dem Brachialen, wenn die Dokumentation einem Action-Thriller gleicht. Da gibt es nächtliche Einsätze, fiese Kartelle, die über Leichen gehen, zwischendurch wird geschossen. Vermummte Menschen geben zudem Einblick in ihre kriminellen Machenschaften, mit versteckten Kameras wird Jagd auf Hintermänner gemacht, die hinter den Verbrechen stehen.

Kampf um einen bedrohten Wal
Anders als es diese Bilder und auch der deutsche Untertitel vermuten ließen, geht es in Sea of Shadows aber nicht um organisierte Drogengeschäfte. Der Hintergrund ist vielmehr ein ökologischer. Ladkani erzählt von einer speziellen Walart, den Vaquitas, die vom Aussterben bedroht sind. Nicht weil sie so wertvoll oder anfällig wären. Vielmehr ist die kleinste Walart der Welt ein Opfer der Umstände, teilt sie sich doch einen Lebensraum mit dem ebenfalls seltenen Totoaba-Fisch im Golf von Mexiko. Letzterer ist es, auf den es die Leute abgesehen haben, werden seiner Schwimmblase doch in China Heilkräfte zugesprochen. Und die kosten: Bis zu 100.000 Dollar kann ein Exemplar einbringen, weshalb im fernen Mexiko alles getan wird, um diesen zu fangen – zum Verhängnis des etwa gleich großen Vaquita, der sich in den Netzen verfängt und qualvoll zugrunde geht.

Dass der Totoaba selbst vom Aussterben bedroht ist und auf der Roten Liste steht, wird in Sea of Shadows ein wenig an den Rand geschoben. Schwerpunkt ist der Vaquita, von dem es zum Ende des Films weniger als 15 (!) Exemplare gibt. An Versuchen, dessen Ende aufzuhalten, mangelt es nicht. Seit 1975 ist der Fang des Totoabas verboten, Marine und Umweltorganisationen versuchen jeweils, die Verbrecher aufzuhalten, ein Journalist reist umher und macht die Situation öffentlich. Irgendwann wird auch versucht, die Wale einzufangen und woanders in Sicherheit zu bringen, als Reaktion auf die gescheiterten Bemühungen, der illegalen Fischerei ein Ende zu setzen.

Ein Tier als Symbol für die ganze Welt
Entsprechend ist auch der Ton des Films: Hier ist es nicht fünf Minuten vor zwölf, sondern eigentlich längst nach zwölf. Wenn an allen Ecken und Enden gekämpft wird, dann gleicht das mehr dem Versuch, die Uhr noch einmal zurückzudrehen. Umso beeindruckender ist, wie die Leute eben nicht resignieren, sondern weitermachen. Das Motto: jetzt erst recht. Das hängt auch damit zusammen, dass der Vaquita hier nicht allein eine Tierart ist. Vielmehr ist der auch als Kalifornischer Schweinswal bekannte Meeresbewohner ein Symbol für eine untergehende Welt. Wenn wir es nicht schaffen ihn zu retten, mit all unserem Wissen, Einfluss und Geld, welche realistische Chance bleibt uns dann noch, die Erde insgesamt retten zu können? Die Meere? Die Natur? Uns selbst?

Das wird schon mit einem höheren Pathos-Anteil vorgetragen, der ein wenig irritierend ist. Sea of Shadows, das auf dem Sundance Film Festival 2019 Premiere hatte, neigt auch da dazu, weit über das hinauszugehen, was in einem Dokumentarfilm üblich ist. Ob das zielführend ist, darüber kann man sich streiten. Während die Weltuntergangsszenarien die einen wachrütteln werden, dürfte anderen das zu dick aufgetragen sein. Spannend und informativ ist der Einblick in eine Fischfang-Mafia aber durchaus, an manchen Stellen auch schockierend, wenn die Auseinandersetzungen wie in einem Bürgerkrieg wirken. Lobenswert ist zudem, dass Ladkani nicht alle Fischer per se verteufelt. Zum einen zeigt er, dass es auch welche gibt, die sich selbst gegen die Machenschaften wenden, wohl wissend, dass die Zerstörung der Natur niemanden helfen wird. Deutlich wird aber auch, dass viele der Mittäter mit dem Rücken zur Wand stehen und aus existenzieller Not heraus mitmachen. Einer der Ansätze, die verfolgt werden müssten, wäre deshalb, den Fischern eine Alternative anbieten zu können. Denn Umweltschutz beginnt manchmal eben am Menschen.

Credits

OT: „Sea of Shadows“
Land: Österreich, Australien, Deutschland, USA
Jahr: 2019
Regie: Richard Ladkani
Musik: H. Scott Salinas
Kamera: Richard Ladkani

Bilder

Trailer

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Sea of Shadows – Kampf um das Kokain des Meeres
„Sea of Shadows – Kampf um das Kokain des Meeres“ zeigt mal stilvoll, dann wieder etwas reißerisch, wie am Golf von Mexiko um den Bestand einer nahezu ausgestorbenen Walart gekämpft wird. Der zuweilen an einen Action-Thriller erinnernde Dokumentarfilm ist dabei spannend und informativ, auch wenn die fehlende Zurückhaltung manche vor den Kopf stoßen könnte.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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