Little Miss Sunshine

Little Miss Sunshine

Kritik

Little Miss Sunshine
„Little Miss Sunshine“ // Deutschland-Start: 30. November 2006 (Kino) // 3. Mai 2013 (DVD/Blu-ray)

Sheryl Hoover (Toni Collette) hat es gerade echt nicht leicht. Als wäre es nicht schon anstrengend genug, dass ihr Mann Richard (Greg Kinnear) unbedingt einen Motivationsrategeber veröffentlichen möchte und damit alle in den Wahnsinn treibt, und ihr Sohn Dwayne (Paul Dano) seit Monaten nicht mehr redet, weil er erst seinen Traum vom Kampfpiloten umsetzen will, ist ihr Haus seit Kurzem noch etwas voller. Richards Vater Edwin (Alan Arkin) lebt bei ihnen, da sein Heroinkonsum im Altersheim nicht gern gesehen war. Sheryls Bruder Frank (Steve Carell) hingegen hat gerade einen Selbstmordversuch hinter sich und soll deshalb ebenfalls für die nächste Zeit bei ihnen bleiben. Doch dann bietet sich Tochter Olive (Abigail Breslin) die Chance, bei einem Schönheitswettbewerb im weit entfernten Kalifornien teilzunehmen, was für die Familie zum Anlass wird, gemeinsam in dem gelben VW-Bus die Reise anzutreten …

So ein erster Eindruck kann natürlich trügen. Siehe Little Miss Sunshine. Das Artwork mit dem knallgelben VW-Bus, die glückliche Familie, die sich darum schart, und dann noch dieser Titel: Da erwartet man doch einen schönen, aufbauenden Familienfilm, bei dem man im Anschluss völlig beseelt wieder in die Zukunft schaut. Ganz falsch ist dieser Vorabeindruck nicht, tatsächlich könnte man das hier als eine Art Wohlfühlkomödie verkaufen, wenn am Ende alle etwas hinzugewonnen haben. Doch dieser Sieg geht mit einer Reihe von schmerzhaften Verlusten einher, wenn die so freundlich-harmonische Fassade beim näheren Hinschauen richtig fette Kratzer aufweist.

Kaputt, alle kaputt
Nicht dass das Regieduo Jonathan Dayton und Valerie Faris (Living with Yourself) daraus ein großes Geheimnis machen würde. Am Anfangen prasseln die Details rund um die dysfunktionale Familie dermaßen auf das Publikum ein, dass man da schon mal in eine Schockstarre verfallen kann. Ein heroinsüchtiger Opa? Ein schwuler, suizidaler Onkel? Ein Sohn, der sich ein bizarres Schweigegelübde auferlegt hat? Ein Vater, der allen einreden will, dass man unbedingt ein Gewinner ist, obwohl so ganz offensichtlich niemand hier zu den Gewinnern zählt? Das ist schon richtig viel Stoff, den Little Miss Sunshine da den Zuschauern und Zuschauerinnen vor die Füße wirft. Und mittendrin sind die beiden weiblichen Figuren, die unter den Regeln und Marotten zu leiden haben, die ihnen die (männliche) Welt auferlegt.

Das ist natürlich alles heillos übertrieben, die meisten Figuren hier wirken wie Karikaturen und sind genüsslich überzogen. Doch trotz des vereinzelt spöttischen bis satirischen Tons will sich Little Miss Sunshine, das auf dem Sundance Film Festival 2006 Premiere hatte, nicht allein lustig machen. Stattdessen ist die Komödie überaus warmherzig, erzählt davon, wie man inmitten einer chaotischen, teils menschenverachtenden Welt wieder Halt finden kann – mit der Familie. Dass das hier darauf hinauslaufen wird, das nicht natürlich wenig überraschend. Wenn einander entfremdete Familienmitglieder in Filmen eine gemeinsame Reise antreten, dann wird das Ziel schnell zweitrangig. Ob nun Der Sommer mit Pauline oder Saint Amour – Drei gute Jahrgänge, sie alle führen dem Publikum vor Augen, wie wichtig es ist zusammenzuhalten und die anderen so zu akzeptieren, wie sie sind. Selbst wenn sie einen an der Klatsche haben.

Glück ist, was du draus machst
Anders als vergleichbare Roadmovies, die Humor und Herz miteinander verbinden, ist das Ziel hier aber durchaus mit den Themen verknüpft. Das mit einem Oscar ausgezeichnete Drehbuch von Michael Arndt (Toy Story 3) erzählt von der Schwierigkeit, seinen Platz in einer Welt zu finden, die vorbestimmt ist durch Erwartungen und Normen. Da passt eine Schönheitswahl natürlich perfekt ins Konzept, umso mehr wenn es sich um eine für Kinder handelt: Hier wird schon früh vermittelt, wer du zu sein hast, wie du zu sein hast, mit dem Ergebnis, dass die Mädchen  jegliches Gespür dafür verlieren, sich selbst zu entdecken. Das Lächeln im Gesicht ist festgefroren, vermittelt äußerlich ein Glück, für das es im Leben gar keinen Platz gibt. Little Miss Sunshine ist deshalb eine Absage an den amerikanischen Traum und das Streben nach Perfektion. Hier darf man noch träumen und dabei kräftig scheitern, man muss keine Krone auf dem Kopf tragen, um eine Gewinnerin zu sein.

So etwas kann schnell kitschig werden, wird hier aber durch einen Humor kontrastiert, der mal albern sein kann, dann wieder skurril – und politisch nicht unbedingt korrekt. Vor allem das Finale ist ein grotesker und zugleich lebensbejahender Affront, der maßgeblich zur Oscar-Nominierung Breslins als bester Nebendarstellerin beigetragen haben dürfte, was sie zu einer der jüngsten Nominierten in der Geschichte des Filmpreises machte. Ohnehin ist das Ensemble eine Wucht, eine Zusammenstellung etablierter und künftiger Stars: Neben Breslin hatten auch Paul Dano und Steve Carell seinerzeit noch ihren Durchbruch vor sich. Dass es vergleichsweise wenig Interaktion mit anderen Figuren gibt, der Roadmovie für sein Genre untypisch kaum auf Begegnungen unterwegs setzt, fällt dabei kaum auf. Mit den Hoovers ist man so beschäftigt, dass drumherum eh kaum Platz wäre. Und das macht sie, der vielen Macken, Verluste und geplatzten Träume zum Trotz, zu Gewinnern – selbst wenn die Welt das anders sieht.

Credits

OT: „Little Miss Sunshine“
Land: USA
Jahr: 2006
Regie: Jonathan Dayton, Valerie Faris
Drehbuch: Michael Arndt
Musik: Mychael Danna, DeVotchKa
Kamera: Tim Suhrstedt
Besetzung: Greg Kinnear, Steve Carell, Toni Collette, Paul Dano, Abigail Breslin, Alan Arkin

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Academy Awards 2007 Bester Film Nominierung
Bestes Drehbuch Michael Arndt Sieg
Bester Nebendarsteller Alan Arkin Sieg
Beste Nebendarstellerin Abigail Breslin Nominierung
BAFTA Awards 2007 Bester Film Nominierung
Beste Regie Jonathan Dayton, Valerie Faris Nominierung
Bestes Drehbuch Michael Arndt Sieg
Bester Nebendarsteller Alan Arkin Sieg
Beste Nebendarstellerin Abigail Breslin Nominierung
Beste Nebendarstellerin Toni Collette Nominierung
César 2007 Bester fremdsprachiger Film Sieg
Film Independent Spirit Awards 2007 Bester Film Sieg
Beste Regie Jonathan Dayton, Valerie Faris Sieg
Bestes Drehbuchdebüt Michael Arndt Sieg
Bester Nebendarsteller Alan Arkin Sieg
Bester Nebendarsteller Paul Dano Nominierung
Golden Globe Awards 2007 Bester Film – Komödie oder Musical Nominierung
Beste Hauptdarstellerin – Komödie oder Musical Toni Collette Nominierung
Gotham Awards 2006 Bestes Ensemble Nominierung
Beste Nachwuchsdarstellung Abigail Breslin Nominierung

Filmfeste

Sundance Film Festival 2006
Locarno Film Festival 2006

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„Little Miss Sunshine“ war seinerzeit aus guten Gründen ein echter Hit: Eine dysfunktionale Familie fährt durch die USA, um an einem Schönheitswettbewerb teilzunehmen, und lernt dabei, worauf es im Leben wirklich ankommt. Das Ergebnis ist konventionell, der Weg dorthin nicht: Die verschrobenen Figuren sind ein Plädoyer dafür, dass man auch ohne Krone und große Anerkennung durch die normative Welt Gewinner sein kann.
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von 10