Kritik

Aftershock

„Aftershock“ // Deutschland-Start: 2. September 2011 (DVD/Blu-ray)

In Tangshan, einer Stadt in der Provinz Hebei, China lebt Li Yuanni (Xu Fan) mit ihrer Familie, wie so viele Familien aus der Arbeiterklasse, in einem einfachen, engen Apartment. Es ist 1976 und zusammen mit ihrem Ehemann Fang Daqiang (Zhang Guoqiang) planen sie trotz der Umstände ein drittes Kind, jedoch verändert ein Ereignis ihr Leben sowie das ihrer Nachbarn. Ein fürchterliches Erdbeben fordert das Leben tausender Menschen, die im Schlaf von der Katastrophe überrascht wurden. Nachdem ihr Mann von Trümmern zerquetscht wurde, versuchen die überlebenden Anwohner alles, um die beiden Kinder Lis zu retten, die beide begraben sind unter einer Betonplatte. Da sie nur eines retten können, muss Li eine Entscheidung treffen, die ihr das Herz zerreißt. Sie entscheidet sich für ihren Sohn, der bei dem Rettungsversuch einen Arm verliert und übergibt dessen Schwester dem Tod, doch als ihre Mutter bereits mit ihrem Bruder auf dem Weg zu den Sanitätern ist, erwacht Lis Tochter und wird wenig später von zwei Soldaten der Volksarmee, Wang (Chen Daoming) und Dong (Chen Jin) aufgenommen. Zehn Jahre später sind Fang Deng (Zhang Jingchu) und Fang Da (Li Chen) aufgewachsen, doch wissen nichts voneinander. Während Fang Da mit Li Yuanni über seine Zukunft und die Bewerbung für die Universität streitet, bereiten sich Wang und Dong mit ihrer Adoptivtochter auf das von ihr so erträumte Medizinstudium vor. Die Erinnerung an das Beben, an die Worte der Mutter sowie die Zerstörung ihrer Heimat lässt die Geschwister nicht los, auch Jahre später, als Li Yuanni noch immer mit der Schuld umzugehen versucht, die sie seit jenem Abend 1976 mit sich trägt.

Lebenswege und Entscheidungen
Das Erdbeben in Tangshan 1976 gilt mit circa 250.000 Toten als eine der fürchterlichsten Katastrophen in der Geschichte der Volksrepublik China. Im Zuge des Baus des Tangshan Earthquake Memorial Park gab das Medienunternehmen Huayi Brothers einen Film über die Ereignisse in Auftrag, der nicht nur an die Katastrophe, sondern auch daran erinnert, wie sich die Stadt von dem Erdbeben erholte und „wie ein Phoenix aus der Asche“ stieg, wie es im Abspann des Films heißt. Regie bei Aftershock führte der in China besonders für seine Komödien bekannte Feng Xiaogang (I Am Not Madame Bovary, Youth), der einen Blockbuster ablieferte, der sich als mit viel Pathos gespickte Mischung von Melodram und Katastrophenfilm versteht.

Anhand der Lebenswege der beiden Geschwister sowie ihrer Mutter zeigt Aftershock den Verarbeitungs- und Erinnerungsprozess der Einwohner Tangshans auf. Beispielhaft steht das Schicksal der Familie für die tiefen Wunden, die das Beben hinterlassen hat, die Familien und Freundschaften, die zerrissen wurden und die Opfer, die im Zuge der Rettungsmaßnahmen viele auf sich nahmen und noch heute im Gedächtnis tragen. Jedoch wäre es unfair, Aftershock als reine Heldenverehrung zu betrachten, konzentrieren sich Xiaogangs Inszenierung sowie das Drehbuch Su Xiaoweis vor allem auf die Charaktere, ihre Entwicklung sowie die aus der Erinnerung an die Katastrophe sich ergebenden Konflikte. Gerade der Kampf der Kinder und später der jungen Erwachsenen sich zu emanzipieren, einen eigenen Weg zu gehen sowie der Versuch die schwere Bürde des Erbes jenes Ereignisses abzulegen, ist durchweg sehr eindrucksvoll gespielt.

Die Erinnerung einer Stadt
Über einen Zeitraum von 32 Jahren erstreckt sich die Handlung von Aftershock, die nicht nur die vielen Figuren begleitet, sondern mit ihnen die Verarbeitung der Ereignisse der ganzen Region. Auch wenn der Fokus nach wie vor auf den zwei sich ergebenden Familiendramen liegt, nimmt sich Xiaogang die Zeit, die Veränderung Tangshans zu zeigen, angefangen beim Wiederaufbau der Stadt. Darüber hinaus betont er den Wandel der Stadt, der mit dem Tode Maos und dem stetig sich ausbreitenden Einfluss westlicher Konzerne einhergeht.

Passend zu einem derartigen Prestigeprojekt der chinesischen Filmindustrie fallen die weiteren Aspekte dieser Produktion ins Gewicht. Neben den durchweg tollen Darstellern, allen voran Xu Fan als Li Yuanni, die das Trauma des Bebens nicht überwinden kann, sind es nicht zuletzt die Spezialeffekte, die besondere Erwähnung verdienen und gerade das Erdbeben an sich in seiner ganzen Brutalität zeigen.

Credits

OT: „Tángshān Dà Dìzhèn“
Land: China
Jahr: 2010
Regie: Xiaogang Feng
Drehbuch: Su Xiaowei
Musik: Liguang Wang
Kamera: Yue Lü
Besetzung: Jingchu Zhang, Chen Li, Fan Xu , Guoqiang Zhang, Daoming Chen, Yi Lu

Bilder

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Aftershock (2010)
3.95 (79%) 20 Artikel bewerten

Aftershock (2010)
„Aftershock“ von Feng Xiaogang ist eine episch angelegte Mischung von Katastrophenfilm und Melodram. Üppig ausgestattet mit guten Darstellern und tollen Spezialeffekten zeigt diese Produktion eindrucksvoll, wie die chinesische Filmindustrie mit dem Äquivalent aus Hollywood mithalten kann.
7von 10

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