(„Wo Búshì Pān Jīnlián“ directed by Xiaogang Feng, 2016)

I Am Not Madame Bovary

„I Am Not Madame Bovary“ läuft im Rahmen des 5. Chinesischen Filmfests in München (12. bis 17. Juni 2017)

Das hatte sich Li Xuelian (Bingbing Fan) nun wirklich etwas anders vorgestellt. Ausgemacht war mit ihrem Mann, dass sie sich scheiden lassen, um auf diese Weise an eine zweite Wohnung zu kommen, und anschließend wieder zu heiraten. Doch ihr Ex denkt gar nicht daran. Der nutzt die Gelegenheit lieber, um sich mit einer anderen Frau zu vermählen und die Wohnung für sich selbst zu behalten. Außer sich vor Zorn beschließt Li daraufhin, die Scheidung wieder annullieren zu lassen – schließlich war sie nicht wirklich echt. Die Behörden halten aber nicht viel von diesem Vorhaben. Die Scheidungsurkunde ist echt, wie kann da die Scheidung falsch sein? Als ihr erster Anlauf abgeschmettert wird und sie ihr Ex auch noch der Untreue beschuldigt, steht für die Frau aus der Provinz fest: Sie wird sich durch alle Instanzen klagen, bis sie endlich ihre Ehe und auch ihre Ehre zurückbekommt.

Ach ja, „Madame Bovary“. Wie viele Generationen von Schüler haben den Klassiker von Gustave Flaubert lesen müssen, in dem eine vom einfachen Leben frustrierte Frau ihren Spaß anderweitig sucht. Zahlreiche Male wurde die Geschichte verfilmt, zuletzt mit Mia Wasikowska in der Hauptrolle. Wie der Titel des chinesischen Films bereits verrät, handelt es sich hier jedoch um keine direkte Adaption. Mehr noch, die französische Frauenfigur taucht in dem Film überhaupt nicht auf. Stattdessen verweist die chinesische Fassung des Titels auf Pān Jīnlián, eine chinesische Romanfigur aus dem 17. Jahrhundert, die sich nicht mit Ehebruch begnügte, sondern den Gatten gleich noch ermordete. In China gehört das Werk zu den großen Klassikern, im Westen dürfte kaum einer es kennen. Und so ersetzte man im internationalen Titel kurzerhand die eine Figur durch die andere.

Eine runde und komische Sache
Doch das ist nur der erste von diversen Punkten, die I Am Not Madame Bovary für westliche Zuschauer ein wenig gewöhnungsbedürftig machen. Schon die Bilder sind hier nicht so, wie man erwarten durfte. Ein Großteil des Films gewährt nur einen kreisrunden Ausschnitt aufs Geschehen, so als würde man vor einem Guckloch stehen. Hin und wieder, wenn wir die Provinz verlassen, vergrößern sich die Aufnahmen immerhin zu einem Quadrat. Eine reine optische Spielerei? Mag sein. Aber eine effektive: Der Film gibt einem so das Gefühl, nie ganz da zu sein, immer nur einen Ausschnitt der Welt zu erhalten.

Die Geschichte ist jedoch nicht minder eigenwillig. Eine Frau, die eine Scheidung vortäuscht, diese anschließend rückgängig machen will, um sich noch einmal richtig scheiden lassen zu können? Das überfordert schon das Verständnis ihrer filmischen Zeitgenossen. Da stehen die Chancen beim westlichen Publikum nicht unbedingt besser. Anders als etwa bei The Mermaid, wo sich der Humor nur schlecht ins Internationale übersetzen lässt, hat die Adaption von Zhenyun Lius Roman jedoch eine ganze Menge zu erzählen, was ausgesprochen universell ist. Denn um diese banal-kuriose Anfangssituation geht es eigentlich gar nicht in dem Film. Vielmehr spricht er zwei Themen an, für die man auch im Westen mehr als genügend analoge Beispiele finden wird.

Kampf gegen die anderen, Kampf um das Ich
Da wäre zum einen natürlich der Kampf gegen die Behörden. Über die darf man sich ja auch hierzulande ganz gerne mal ein wenig aufregen, wenn sie stur an Regeln und Abläufen festhalten, die kein Mensch wird je erklären können. So befremdlich Lis Anliegen auch sein mag, die Art und Weise, wie sie von Justiz und Politik belächelt und im Stich gelassen wird, die weckt dann doch recht schnell das Mitgefühl auf Zuschauerseite. Hinzu kommt aber noch der Kampf um die Ehre und um ihre Identität. Die Scheidung rückt bald schon in den Hintergrund. Viel wichtiger ist der hartnäckigen Frau die Frage, wer sie ist. Wenn sie von ihrem Ex als Ehebrecherin beschimpft wird und sich diese Aussage verselbständigt, dann zeigt das sehr unangenehme Parallelen zu der westlichen Realpolitik oder hermetisch abgeschlossenen sozialen Netzwerken: Eine Aussage muss nur von genügend Leuten geglaubt werden, um wahr zu sein.

Und so schwankt I Am Not Madame Bovary dann auch zwischen Komik und Tragik hin und her. Während der absurde Anfang und der satirische Angriff auf Behördenvorgänge eher die Lachmuskeln bearbeiten, wird die Geschichte im Laufe der über zwei Stunden immer düsterer und bitterer. So sehr hat Liu gekämpft, so sehr aufgerieben, dass ihr Leben irgendwann nur noch aus diesem Kampf bestand. Vergleichbar zu Der Fall Kalinka – Im Namen meiner Tochter, wo ein Vater besessen um Gerechtigkeit für die tote Tochter stritt, bleibt so am Ende das Gefühl der Leere zurück. Ein Leben, das nie wirklich eins war, eins sein durfte. Und das lässt einen dann doch nicht so ohne weiteres kalt. Es hat also schon seine Gründe, warum der gleichzeitig erheiternde und bedrückende Film bei den Asian Film Awards so abräumte, unter anderem als bester Film des Jahres gewürdigt wurde, Fan zur besten Hauptdarstellerin des Jahres gekürt wurde. Warum er letztes Jahres einer der 30 erfolgreichsten Chinas war. Beides reichte jedoch bislang leider nicht aus, um dem Werk eine deutsche Veröffentlichung zu verschaffen. Besucher des 5. Chinesischen Filmfests in München sollten sich im Juni 2017 die Gelegenheit deshalb nicht entgehen lassen, dort mit einer Frau mitzufiebern, die keine eigentliche Heldin ist. Die aber auch keine Schurkin sein wollte.

I Am Not Madame Bovary
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I Am Not Madame Bovary
Eine Frau will die Scheidung, diese wieder rückgängig machen, um sich noch einmal scheiden lassen zu können – da muss man schon einmal etwas länger drüber nachdenken. Insgesamt ist die Romanverfilmung ein inhaltlich wie optisch eigenwilliger Film, der sowohl von dem absurd-komischen Kampf gegen Behörden wie auch dem tragischen um Ehre und Persönlichkeit handelt.
8von 10

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