Kritik

Upstream Color

„Upstream Color“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Es ist ein absoluter Albtraum, den Kris (Amy Seimetz) da mitmachen muss: Erst bringt ein Mann sie in ihre Gewalt, danach zwingt er sie, eine Made zu schlucken, wodurch die völlig willenlos wird und ihm sein ganzes Geld überlässt. Später wird sie noch einem zweiten Mann begegnen, der es auf die in ihr wachsenden Würmer abgesehen hat und auf ein Schwein überträgt. Ein Jahr später hat sie diese Vorfälle vergessen und versucht, ein neues, normales Leben zu führen. Da trifft sie auf Jeff (Shane Carruth), zu dem sie sich instinktiv hingezogen fühlt und der ganz ähnliche Erfahrungen gemacht zu haben scheint …

Sehr produktiv war Shane Carruth während seiner filmischen Laufbahn bislang ja nicht. Gerade mal zwei Werke hat er bislang angedreht, sein 2004 erschienenes Debüt Primer, neun Jahre später erschien sein zweiter Film Upstream Color. Ein drittes Werk war mal im Gespräch, es hätten sogar einige namhafte Schauspieler und Schauspielerinnen mitwirken sollen. Daraus geworden ist bislang aber nichts. Doch auch wenn die Filmografie überschaubar ist, wer einen der beiden Titel gesehen hat, der wird ihn so bald nicht wieder vergessen – sei es im Positiven oder im Negativen.

Eine Geschichte, die (k)eine ist
Das hängt jedoch mehr mit den Bildern und der erzeugten Atmosphäre zusammen, weniger mit der Geschichte. Tatsächlich ist Upstream Color einer dieser Filme, bei denen man auf Anhieb gar nicht sagen kann, wovon die Geschichte denn handelt – und ob es sie überhaupt gibt. Während der Einstieg um erzwungene Maden-Speisen, so bizarr er auch ist, zumindest noch mit einer Art Ziel verbunden werden kann, entfernt sich Carruth im weiteren Verlauf immer mehr von etwas, das man mit gutem Gewissen eine narrative Struktur nennen würde. Das soll nicht bedeuten, dass das Werk nur auf der Stelle treten würde und nichts passiert. Vielmehr verweigert es sich jeglicher Geradlinigkeit und Rationalität.

Das Ergebnis ist ein Fest für ein Publikum, das gerne grübelt und Spaß daran hat, sich an verschiedenen Interpretationsansätzen zu versuchen. Carruth gelingt es nämlich sehr gut, die Balance aus Surrealem und doch Persönlichem zu halten, sodass man immer das Gefühl hat, er wüsste, was er da erzählt – auch wenn man es selbst nicht weiß. Aber selbst wer sich nicht das Hirn zermartern will, was es mit den Blumen, Maden und Schweinen auf sich hat, welche das Leben der beiden Hauptfiguren bestimmen oder aus diesem hervorgehen, kann sich in Upstream Color wiederfinden. Vor allem die emotionale Komponente, gebunden an die zwei Menschen, die zu Schicksalspartnern werden, bleibt nicht ohne Wirkung.

Mysteriöse Melancholie
Das liegt nicht zuletzt daran, dass Carruth eine Stimmung erzeugt, die nicht nur mysteriös, sondern auch melancholisch ist. Upstream Color ist geprägt von dem Gefühl des Verlustes wie der Sehnsucht, sich selbst zu finden, wieder irgendwo Halt zu haben, jemand zu sein. Und diese Sehnsucht macht sich an vielem fest, zielt auf Mensch wie Tier gleichermaßen ab. Denn hier ist alles verbunden, was dem Film eine durchaus esoterische Note gibt. Das kann man dann alles schrecklich prätentiös und selbstverliebt finden. Carruth, der nicht nur Regie führte und das Drehbuch schrieb, sondern gleich noch die Hauptrolle übernahm, die Musik komponierte und die Kamera bestimmte, nutzt den Film zum maximalen Ausdruck seiner selbst.

Aber es ist eben auch ein bemerkenswertes Werk, das der US-Amerikaner da geschaffen hat, traurig, spannend und rätselhaft. Gerade die audiovisuelle Gestaltung, in der alles zusammenfindet, was rational nicht zusammenfinden kann, trägt maßgeblich dazu bei, dass man in dieser fremden Welt leicht verlorengeht, wo alles anders und doch irgendwie bekannt ist. Carruth nimmt das Publikum mit auf eine Reise, auf der nicht klar ist, wo das Innen aufhört, das Außen beginnt – und ob es diese Unterscheidung überhaupt geben muss.

Credits

OT: „Upstream Color“
Land: USA
Jahr: 2013
Regie: Shane Carruth
Drehbuch: Shane Carruth
Musik: Shane Carruth
Kamera: Shane Carruth
Besetzung: Amy Seimetz, Shane Carruth

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Film Independent Spirit Awards 2014 Beste Regie Shane Carruth Nominierung
Bester Schnitt Shane Carruth, David Lowery Nominierung
Gotham Awards 2013 Bester Film Nominierung
Beste Hauptdarstellerin Amy Seimetz Nominierung

Filmfeste

Sundance 2013
Berlinale 2013
SXSW 2013
Fantasy Filmfest 2013
Sitges 2013

Kaufen/Streamen

Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.




(Anzeige)

Upstream Color
3.91 (78.26%) 23 Artikel bewerten

Upstream Color
„Upstream Color“ beginnt als eine Art Thriller, wird später zu einem eigenwilligen Werk, das die verschiedensten Genres streift, dabei spannend, rätselhaft und auch sehr melancholisch ist. Das ist ein Fest für Leute, die gerne interpretieren oder sich intuitiv fallen lassen möchten, auch wegen der stimmigen audiovisuellen Gestaltung. Antworten oder eine konkrete Handlung sollte man sich hingegen nicht erhoffen.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.